Anziehungspunkt Stadion: Selbst leere Arenen faszinieren die Fans.
Björn Hänssler
Stadionbesuch: Ein Rundgang im Dortmunder "Westfalenstadion" gehört zum Programm des Lernzentrums.
Björn Hänssler
In Dortmund befindet sich das Lernzentrum seit 2004 direkt neben der Spielerkabine im Bauch des Stadions.
Björn Hänssler
Borusseum: Im Dortmunder Vereinsmuseum werden Tradition und Erfolge des Clubs erlebbar.
Björn Hänssler
Lernzentren für Fußballfans
König Fußball erreicht über die Herzen auch die Köpfe der Fans
Mit den Lernzentren für Fußballfans schaffen Vereine in den Stadien Bildungsangebote für ihre Anhänger
Bremen/Dortmund - Die Rivalität zwischen den Clubs von Borussia Dortmund und Schalke 04 kennt in Deutschland jeder Fußballfan. „Vor zehn Jahren war es eher eine sportliche Rivalität“, sagt Thilo Danielsmeyer. „Doch mittlerweile springen sich einige Fans sofort an, wenn sie sich begegnen.“
Danielsmeyer leitet seit 20 Jahren das Fan-Projekt in Dortmund. Er erlebt eine zunehmende Gewaltbereitschaft der jungen Fans, die Gewaltschwelle liege deutlich niedriger als noch vor wenigen Jahren. Lokalrivalitäten würden ausgelebt. Auch rassistisches und rechtsradikales Gedankengut spiele eine immer größere Rolle. Da ist zum Beispiel dieses „U-Bahn-Lied“, ein Schmäh-Gesang, mit dem sich die Ultras aus Dortmund und Gelsenkirchen gegenseitig bewerfen. „Wir bauen eine U-Bahn von Gelsenkirchen bis nach Auschwitz“, singen die Dortmunder Fans. Die Anhänger von Schalke 04 verlegen den Streckenbeginn nach Dortmund.
Im Bauch der Arena
Das Lied habe doch nichts mit rechter Gesinnung oder Rassismus zu tun, es sei allein gegen Schalke 04 gerichtet, springt ein Dortmunder Fan empört auf. Er sitzt mit weiteren Jugendlichen im Lernzentrum des Dortmunder „Westfalenstadions“, im Bauch der Arena, direkt neben der Kabine der Stars. Dient ihm Auschwitz nur als ein weiterer Kraftausdruck, ohne größere Bedeutung?
Das Lernzentrum für Fußballfans gibt es in Dortmund seit 2004. Es ist eine Antwort auf fehlende Konzepte, die an den Ursachen von Diskriminierung und Gewalt unter Fußball-Fans ansetzen. Die Robert Bosch Stiftung ist von dem Konzept überzeugt und ermöglichte allein im vergangenen Jahr 78 Schulklassen den Besuch des Lernzentrums. Die Jugendlichen besichtigen Stadion, Vereinsmuseum und Geschäftsstelle des Clubs. Im Lernzentrum sehen sie einen kurzen Film über den ehemaligen deutschen Nationalspieler Julius Hirsch, der 1943 die Strecke nach Auschwitz im Sonderzug zurücklegen musste - und nicht wieder zurückkam. Der zuvor aufgesprungene Dortmunder Fan zeigt sich betroffen, wirkt geschockt. Das scheinbar harmlose „U-Bahn-Lied“ wird traurige Wirklichkeit.
Ostkurvensaal in Bremen
Auch in Bochum gibt es seit 2009 ein Lernzentrum im Stadion. In diesem Jahr kommen Berlin und Bremen hinzu. „Wir können uns unsere Fans nicht aussuchen, weil sie automatisch kommen“, sagt Werder-Präsident Klaus-Dieter Fischer. „Wir müssen aber mit unseren Fans den Kontakt aufrecht erhalten und pflegen. Fans die gegen unsere Wertvorstellung verstoßen, denen muss man diese nahebringen.“
Auch im Bremer Ostkurvensaal sind Besuche von Schulklassen geplant. Im Fokus stehen zudem Jugendliche mit Migrationshintergrund, die trotz ihrer Fußballbegeisterung eher selten den Weg ins Stadion finden.
Die Idee, im Fußballstadion zu lernen, kommt aus England. Danielsmeyer reiste 2003 mit Kollegen vom Dortmunder Jugendamt zu den „Study Support Centres“ der englischen Top-Clubs. In ungenutzten Räumen der Stadien entstanden Bildungsangebote für die Fans.
Zurück in Dortmund suchte Danielsmeyer Partner für die Umsetzung der Idee. Der Verein, damals in wirtschaftlicher Not, überließ ihm den Raum neben der Spielerkabine. „Wir bezahlen das selber“, beruhigte Danielsmeyer die Clubmanager. Bei einer Kultur- Veranstaltung im Stadion knüpfte er den Kontakt zur Stiftung. „Stadien sind Anziehungspunkte für junge Leute“, sagt Danielsmeyer. „Und Fußball bleibt die Jugendkultur - trotz aller Trendsportarten.“ Mit dem Lernzentrum sieht er Dortmund ganz weit vorne in der Fanarbeit in Deutschland. In diesem Jahr überträgt die Stiftung die Idee auf weitere Stadien, in denen sie Lernzentren einrichtet.
(Klaus Voßmeyer, Bosch-Zünder, März 2010)
Mit den Lernzentren für Fußballfans schaffen Vereine in den Stadien Bildungsangebote für ihre Anhänger
Bremen/Dortmund - Die Rivalität zwischen den Clubs von Borussia Dortmund und Schalke 04 kennt in Deutschland jeder Fußballfan. „Vor zehn Jahren war es eher eine sportliche Rivalität“, sagt Thilo Danielsmeyer. „Doch mittlerweile springen sich einige Fans sofort an, wenn sie sich begegnen.“
Danielsmeyer leitet seit 20 Jahren das Fan-Projekt in Dortmund. Er erlebt eine zunehmende Gewaltbereitschaft der jungen Fans, die Gewaltschwelle liege deutlich niedriger als noch vor wenigen Jahren. Lokalrivalitäten würden ausgelebt. Auch rassistisches und rechtsradikales Gedankengut spiele eine immer größere Rolle. Da ist zum Beispiel dieses „U-Bahn-Lied“, ein Schmäh-Gesang, mit dem sich die Ultras aus Dortmund und Gelsenkirchen gegenseitig bewerfen. „Wir bauen eine U-Bahn von Gelsenkirchen bis nach Auschwitz“, singen die Dortmunder Fans. Die Anhänger von Schalke 04 verlegen den Streckenbeginn nach Dortmund.
Im Bauch der Arena
Das Lied habe doch nichts mit rechter Gesinnung oder Rassismus zu tun, es sei allein gegen Schalke 04 gerichtet, springt ein Dortmunder Fan empört auf. Er sitzt mit weiteren Jugendlichen im Lernzentrum des Dortmunder „Westfalenstadions“, im Bauch der Arena, direkt neben der Kabine der Stars. Dient ihm Auschwitz nur als ein weiterer Kraftausdruck, ohne größere Bedeutung?
Das Lernzentrum für Fußballfans gibt es in Dortmund seit 2004. Es ist eine Antwort auf fehlende Konzepte, die an den Ursachen von Diskriminierung und Gewalt unter Fußball-Fans ansetzen. Die Robert Bosch Stiftung ist von dem Konzept überzeugt und ermöglichte allein im vergangenen Jahr 78 Schulklassen den Besuch des Lernzentrums. Die Jugendlichen besichtigen Stadion, Vereinsmuseum und Geschäftsstelle des Clubs. Im Lernzentrum sehen sie einen kurzen Film über den ehemaligen deutschen Nationalspieler Julius Hirsch, der 1943 die Strecke nach Auschwitz im Sonderzug zurücklegen musste - und nicht wieder zurückkam. Der zuvor aufgesprungene Dortmunder Fan zeigt sich betroffen, wirkt geschockt. Das scheinbar harmlose „U-Bahn-Lied“ wird traurige Wirklichkeit.
Ostkurvensaal in Bremen
Auch in Bochum gibt es seit 2009 ein Lernzentrum im Stadion. In diesem Jahr kommen Berlin und Bremen hinzu. „Wir können uns unsere Fans nicht aussuchen, weil sie automatisch kommen“, sagt Werder-Präsident Klaus-Dieter Fischer. „Wir müssen aber mit unseren Fans den Kontakt aufrecht erhalten und pflegen. Fans die gegen unsere Wertvorstellung verstoßen, denen muss man diese nahebringen.“
Auch im Bremer Ostkurvensaal sind Besuche von Schulklassen geplant. Im Fokus stehen zudem Jugendliche mit Migrationshintergrund, die trotz ihrer Fußballbegeisterung eher selten den Weg ins Stadion finden.
Die Idee, im Fußballstadion zu lernen, kommt aus England. Danielsmeyer reiste 2003 mit Kollegen vom Dortmunder Jugendamt zu den „Study Support Centres“ der englischen Top-Clubs. In ungenutzten Räumen der Stadien entstanden Bildungsangebote für die Fans.
Zurück in Dortmund suchte Danielsmeyer Partner für die Umsetzung der Idee. Der Verein, damals in wirtschaftlicher Not, überließ ihm den Raum neben der Spielerkabine. „Wir bezahlen das selber“, beruhigte Danielsmeyer die Clubmanager. Bei einer Kultur- Veranstaltung im Stadion knüpfte er den Kontakt zur Stiftung. „Stadien sind Anziehungspunkte für junge Leute“, sagt Danielsmeyer. „Und Fußball bleibt die Jugendkultur - trotz aller Trendsportarten.“ Mit dem Lernzentrum sieht er Dortmund ganz weit vorne in der Fanarbeit in Deutschland. In diesem Jahr überträgt die Stiftung die Idee auf weitere Stadien, in denen sie Lernzentren einrichtet.
(Klaus Voßmeyer, Bosch-Zünder, März 2010)
Interview mit Klaus-Dieter Fischer, Präsident von Werder Bremen, zum neuen Lernzentrum für Fußballfans im Bremer Weserstadion.
Herr Fischer, Fußball und Soziale Verantwortung, warum passt das nach ihrer Überzeugung zusammen?
Fußball hat einen großen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Bundesligavereine und Bundesligaspieler haben daher, sowohl im Positiven als auch im Negativen, Vorbildcharakter. Daher müssen wir uns für Antidiskriminierung, Gewaltprävention und Fairplay einsetzen und soziale Verantwortung übernehmen. Insbesondere sollte man dort nachhaltig helfen, wo Problemfelder der Gesellschaft bestehen und mit der jungen Generation gearbeitet wird, beispielsweise in Kindergärten, Schulen, Sozialeinrichtungen und Ausbildungsbetrieben.
Hat der Fußball eine Botschaft, die Sie auch außerhalb des Spielfelds vermitteln möchten?
Fußball vermittelt viele Werte, die auch die demokratische Gesellschaft ausmachen: Toleranz, das Miteinander, das Füreinander, Fairplay, zu lernen Niederlagen zu ertragen und Siege nicht überzubewerten.
Herr Fischer, Fußball und Soziale Verantwortung, warum passt das nach ihrer Überzeugung zusammen?
Fußball hat einen großen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Bundesligavereine und Bundesligaspieler haben daher, sowohl im Positiven als auch im Negativen, Vorbildcharakter. Daher müssen wir uns für Antidiskriminierung, Gewaltprävention und Fairplay einsetzen und soziale Verantwortung übernehmen. Insbesondere sollte man dort nachhaltig helfen, wo Problemfelder der Gesellschaft bestehen und mit der jungen Generation gearbeitet wird, beispielsweise in Kindergärten, Schulen, Sozialeinrichtungen und Ausbildungsbetrieben.
Hat der Fußball eine Botschaft, die Sie auch außerhalb des Spielfelds vermitteln möchten?
Fußball vermittelt viele Werte, die auch die demokratische Gesellschaft ausmachen: Toleranz, das Miteinander, das Füreinander, Fairplay, zu lernen Niederlagen zu ertragen und Siege nicht überzubewerten.
Klaus-Dieter Fischer, Präsident des Bundesligavereins Werder Bremen, übernimmt seit 1970 Verantwortung im Verein.
Kann sich ein Fußballverein seine Fans überhaupt aussuchen oder gar heranziehen?
Wir können uns unsere Fans nicht aussuchen, weil sie automatisch kommen. Wir müssen aber mit unseren Fans den Kontakt aufrecht erhalten und pflegen. Fans die gegen unsere Wertvorstellung verstoßen, denen muss man diese nahebringen. Durch unsere positiven Botschaften wollen wir natürlich weiterhin Fans dazu gewinnen.
Werder Bremen erweitert mit dem Projekt das Engagement gegen Vorurteile, Extremismus und Gewaltbereitschaft. Gibt es für Sie ein persönliches Schlüsselerlebnis, das Ihr Engagement erklärt?
Mein persönliches Schlüsselerlebnis hat nicht speziell mit Werder Bremen zu tun. Es war meine persönliche Auseinandersetzung als im Krieg (1940) geborener mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Sie haben seit 1970 eine Führungsrolle im Verein. Wie haben sich Verhalten und Ansprüche der Fans gegenüber dem Verein seitdem entwickelt?
Es ist ein Auseinanderklaffen der „Fankultur“ zu beobachten. Die Zeiten, in denen Generaldirektor zusammen mit dem Hafenarbeiter beim Fußballspiel stand sind längst passé, auch durch den Komfort in den Stadien, den nicht alle Schichten unserer Gesellschaft bezahlen können. Deshalb ist es wichtig, mit den teuren Plätzen in Logen, insbesondere die Plätze der jungen und nicht so begüterten Fans zu subventionieren, diese Preise günstig zu halten. Diese Entwicklung hat auch dazu geführt, dass viele das Spiel und das „Drumherum“ als Event betrachten und der „nur“ am Fußball interessierte Fan von uns erwartet, Vereinstradition und Fannähe insbesondere durch die Vereinsführung und die Spieler, zu wahren.
Was erwarten Sie von dem neuen Lernzentrum?
Ich erwarte insbesondere durch Wertevermittlung, dass klar wird, dass Gewalt und Diskriminierung keine Mittel einer demokratischen Gesellschaft sind. Für den Fußball bedeutet das, dass Konkurrenz zum Sport gehört, aber Feindschaft und Hass keinen Platz erhalten dürfen, weder in den Werten, noch in den Taten.
Wir können uns unsere Fans nicht aussuchen, weil sie automatisch kommen. Wir müssen aber mit unseren Fans den Kontakt aufrecht erhalten und pflegen. Fans die gegen unsere Wertvorstellung verstoßen, denen muss man diese nahebringen. Durch unsere positiven Botschaften wollen wir natürlich weiterhin Fans dazu gewinnen.
Werder Bremen erweitert mit dem Projekt das Engagement gegen Vorurteile, Extremismus und Gewaltbereitschaft. Gibt es für Sie ein persönliches Schlüsselerlebnis, das Ihr Engagement erklärt?
Mein persönliches Schlüsselerlebnis hat nicht speziell mit Werder Bremen zu tun. Es war meine persönliche Auseinandersetzung als im Krieg (1940) geborener mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Sie haben seit 1970 eine Führungsrolle im Verein. Wie haben sich Verhalten und Ansprüche der Fans gegenüber dem Verein seitdem entwickelt?
Es ist ein Auseinanderklaffen der „Fankultur“ zu beobachten. Die Zeiten, in denen Generaldirektor zusammen mit dem Hafenarbeiter beim Fußballspiel stand sind längst passé, auch durch den Komfort in den Stadien, den nicht alle Schichten unserer Gesellschaft bezahlen können. Deshalb ist es wichtig, mit den teuren Plätzen in Logen, insbesondere die Plätze der jungen und nicht so begüterten Fans zu subventionieren, diese Preise günstig zu halten. Diese Entwicklung hat auch dazu geführt, dass viele das Spiel und das „Drumherum“ als Event betrachten und der „nur“ am Fußball interessierte Fan von uns erwartet, Vereinstradition und Fannähe insbesondere durch die Vereinsführung und die Spieler, zu wahren.
Was erwarten Sie von dem neuen Lernzentrum?
Ich erwarte insbesondere durch Wertevermittlung, dass klar wird, dass Gewalt und Diskriminierung keine Mittel einer demokratischen Gesellschaft sind. Für den Fußball bedeutet das, dass Konkurrenz zum Sport gehört, aber Feindschaft und Hass keinen Platz erhalten dürfen, weder in den Werten, noch in den Taten.
Lernzentren für Fußballfans
Die Lernzentren gehen auf eine Idee aus England zurück, in den Fußballstadien Bildungsangebote für Fans einzurichten. Zum Programm gehören ein Besuch des Vereinsmuseums, des Stadions, einer Trainingseinheit und der Geschäftsstelle. Im Lernzentrum finden zudem Unterrichtseinheiten zu politischer Bildung statt. Besucher sind Schulklassen, Fanclubs und Ordner. Im neuen Lernzentrum im Bremer Ostkurvensaal stehen zudem Jugendliche mit Migrationshintergrund im Fokus, die trotz ihrer Fußballbegeisterung eher selten den Weg ins Stadion finden. Lernzentren gibt es bereits in Dortmund, Bochum und Bremen. In diesem Jahr sollen weitere Standorte folgen.
Die Lernzentren gehen auf eine Idee aus England zurück, in den Fußballstadien Bildungsangebote für Fans einzurichten. Zum Programm gehören ein Besuch des Vereinsmuseums, des Stadions, einer Trainingseinheit und der Geschäftsstelle. Im Lernzentrum finden zudem Unterrichtseinheiten zu politischer Bildung statt. Besucher sind Schulklassen, Fanclubs und Ordner. Im neuen Lernzentrum im Bremer Ostkurvensaal stehen zudem Jugendliche mit Migrationshintergrund im Fokus, die trotz ihrer Fußballbegeisterung eher selten den Weg ins Stadion finden. Lernzentren gibt es bereits in Dortmund, Bochum und Bremen. In diesem Jahr sollen weitere Standorte folgen.