Denkwerk

Denkwerk-Symposium 2006 in Berlin

Denken Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler anders? Beim ersten Denkwerk-Symposium am 16. November 2006 in Berlin präsentierten sich die geförderten Kooperationen und tauschten sich untereinander aus.
Schülerpräsentation: Denkwerk Ethnologie – Familie in der Diaspora, Marie-Krystin Borchers und Judith Hannemann vom Luisen-Gymnasium Bergedorf
Podiumsdiskussion: Professor Hubert Wolf, Universität Münster; Prof. Dr. Hans Joachim Meyer; Gabor Paal, Moderator; Dr. Manfred Nießen, Deutsche Forschungsgemeinschaft; Dr. Heinz-Peter Meidinger, Deutscher Philologenverband
Professor Stefan Maul, Institut für Sprache und Kultur des Vorderen Orients, Universität Heidelberg
Posterausstellung
Schülerpräsentation: Denkwerk Ethnologie – Miriam Marr und Angelina Timm, Gymnasium Heidberg
Schülerpräsentation: Geschichts-Netzwerk Sachsen-Anhalt, Archäologiewerkstatt Zethlingen – Sabine Andert, Maria Muhl, Jana Trümper, Elisabeth Wiesecke; Markgraf-Albrecht-Gymnasium Osterburg
Das erste Denkwerk-Symposium in Berlin beginnt mit einer Revolution. Beschworen vom Stuttgarter Sprechkünstler Timo Brunke begehren die kleinen Fußnoten wissenschaftlicher Werke auf: Sie wollen gelesen werden und sie als "kleinste Einheit von Informationen über den Menschen, die sich zu lesen lohnen", auch wirklich gelesen werden. Sie machen sich auf, Herz und Hirne von Schülern in ganz Deutschland zu erobern und sehen, dass eine andere, leisere "Revolution" in den Schulen bereits begonnen hat: Wissenschaftler, Lehrer und Schüler arbeiten zusammen, um den Forschergeist der Schüler zu wecken. "Denkwerk", so beschreibt es Ingrid Hamm, die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, "lehrt denken, lehrt analysieren, lehrt hinterfragen, lehrt erklären." Warum aber soll eine Stiftung, die doch Mutter eines ingenieur- und innovationsgetriebenen Technikhauses ist", den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs fördern? "Im Gegensatz zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen, müssen sich die Geisteswissenschaften keine Sorgen um den Nachwuchs machen. Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten sind voll", sagt Ingrid Hamm. Betrachtet man aber die Quoten der Studienabbrecher, so müsse man sich doch fragen, ob es der richtige Nachwuchs ist, der den Weg eines geisteswissenschaftlichen Studiums einschlägt. Im Jahr der Geisteswissenschaften (2007) wird die Robert Bosch Stiftung ihre Förderung im Programm Denkwerk erhöhen und hat gerade eine Million Euro für das kommende Jahr bewilligt. Die Zielsetzung: das wissenschaftliche und methodische Arbeiten an der Schule lehren, die (Studien-)Beratung zum richtigen hin gestalten und Schülern das Erlebnis des Analysierens und der Erkenntnis ermöglichen.

Schüler, Lehrer und Wissenschaftler vernetzen sich bei Denkwerk und arbeiten in zeitlich begrenzten Projekten zusammen. Elf Netzwerke sind seit Frühjahr 2004 entstanden, im nächsten Jahr sollen es mindestens 30 sein. Vorbild ist NaT-Working, das analoge Programm in den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. In fünf Jahren konnten über 100 NaT-Working-Projekte gefördert werden. Beim ersten Denkwerk-Symposium präsentieren sich die geisteswissenschaftlichen Kooperationen und tauschen sich aus. Vor großem Publikum geben beispielsweise Marie-Krystin Borchers und Judith Hannemann vom Luisen-Gymnasium Einblicke in ihre Forschungsarbeit an der Universität Hamburg. "Denkwerk Ethnologie – Familie in der Diaspora" heißt das Projekt. Die beiden Schülerinnen haben an der Universität gelernt, wie man ethnologische Feldforschung durchführt. Anschließend haben sie russisch-deutsche Familien in Hamburg befragt und deren Erziehungsverhalten untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass dort die traditionelle Rollenverteilung eine stärkere Gültigkeit besitzt, als sie es aus ihren eigenen Familien kennen: Die Söhne streben ihren Vätern nach, die Töchter lernen von den Müttern. Einen Einblick in die Arbeit des Geschichtsnetzwerks Sachsen-Anhalt gaben Schülerinnen aus Osterburg. Sie berichten von ihren Ausgrabungen in einem frühmittelalterlichen Urnengräberfeld in Zethlingen und Forschungsergebnissen zu den Langobarden.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan meinte kürzlich, dass es den Geisteswissenschaften an einer gemeinsamen Kultur fehle. "Beim Elitewettbewerb hat kein geisteswissenschaftliches Profil den Ausschlag gegeben", stellt Gabor Paal vom Südwestrundfunk fest, der die Podiumsdiskussion "Wozu Geisteswissenschaften in der Schule" moderiert. Aber warum eigentlich haben die Geisteswissenschaften keine Lobby? Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Philologenverband weiß, dass die Geisteswissenschaften in der Schule nach wie vor sehr beliebt sind: "70% der gewählten Leistungsfächer sind geisteswissenschaftlich." Auch der Lehrermangel sei kein Problem der Geisteswissenschaften, das Interesse sei sowohl auf Schüler- als auch auf der Lehrerseite vorhanden. "Aber der Brückenschlag zwischen Gymnasien und Universitäten funktioniert in den geisteswissenschaftlichen Fächern noch nicht. Da können die vielfältigen Aktivitäten der naturwissenschaftlichen Fakultäten Vorbild sein." Manfred Nießen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bestreitet das weitverbreitete Vorurteil, die Geisteswissenschaften seien in der Forschungsförderung benachteiligt. Er meint, dass Deutschland hinsichtlich der Förderung der Geisteswissenschaften international eher an der Spitze zu finden sei, da in anderen Ländern erst gar keine öffentlichen Fördereinrichtungen existieren, die Mittel für die Geisteswissenschaften bereitstellen. Außerdem sei die Bewilligungsquote der DFG bei den Geisteswissenschaften am höchsten, da der Wettbewerb unter den Antragstellern weit weniger scharf sei als in den Natur- oder Lebenswissenschaften.  Dennoch habe die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 2003 vermehrt eigene geisteswissenschaftliche Förderinitiativen gestartet, da es für dieses Wissenschaftsgebiet besonders wichtig sei, flexible und vielfältige Förderinstrumente anzubieten. Hans-Joachim Meyer, ehemaliger Wissenschaftsminister in Sachsen, beklagt die Ansammlung von Spezialisten und dass es zu wenige Kooperationen zwischen Geisteswissenschaftlern gebe. "Die Praxis zeigt: jeder beackert sein Äckerchen, es gibt kein Konzert der Wissenschaften", sagt Meyer. Die Naturwissenschaftler hätten erkannt, dass es ein Weiterkommen nur in der Gruppe gibt. Der Kirchenhistoriker und Leibniz-Preisträger Hubert Wolf (Universität Münster) widerspricht diesem Bild des geisteswissenschaftlichen Einzelkämpfers: "Wir Geisteswissenschaftler tragen zwar alleine die Verantwortung für ein Projekt, aber ohne unsere Teams sind wir nichts." Auf die Frage von Gabor Paal, was denn eigentlich gute Geisteswissenschaft sei, mag niemand auf dem Podium eine Antwort geben. Manfred Nießen sagt: Hauptkriterium für die Förderung eines Forschungsprojekts in den Geisteswissenschaften ist wie in anderen Wissenschaften auch die Aussicht auf weitere Erkenntnis." Heinz-Peter Meidinger erinnert daran, dass in der aktuellen Debatte um die Akzeptanz der Geisteswissenschaften und die Berührungsängste zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern nicht vergessen werden darf, dass es ursprünglich die Naturwissenschaftler an den Schulen waren, die unter Akzeptanzproblemen zu leiden hatten. "Das ging soweit, dass Mathematiklehrer zum Beispiel ein separates Lehrerzimmer benutzen mussten." Er fordert fächerübergreifenden Unterricht – auch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften – und mehr Arbeit mit Team. „Das steigert das Ansehen der Lehrer untereinander und weckt gleichzeitig das Interesse der Schüler.“ Hubert Wolf sieht eine Schwierigkeit darin, dass geisteswissenschaftliche Fächer den Ruf haben, einfacher zu sein als die Naturwissenschaften. Er hält ein kämpferisches Plädoyer für die Geisteswissenschaften : "Wir brauchen keine Massen an der Universität. Wir brauchen die guten Leute, die das Verständnis haben, die Latein können." In der Schule müsse vermittelt werden, dass das geisteswissenschaftliche Studium mindestens so schwierig ist, wie das der Naturwissenschaften. Die Geisteswissenschaftler seien die eigentlichen Lebenswissenschaftler, denn "Leben beschränkt sich nicht auf die biologischen Zusammenhänge und Prozesse. Geisteswissenschaftler müssen aufhören, sich zu ducken", fordert Wolf.

Professor Stefan Maul von der Universität Heidelberg lässt die Denkwerker bei seinem Vortrag "Wiedererstehende Welten. Von der Entzifferungsarbeit eines Assyriologen" in den Topf des Forschens schauen. Auf beeindruckende Art und Weise berichtete er aus dem Jahr 614 vor Christi und der Belagerung der Stadt Assur. Krieg und Zerstörung – die Stadt wurde über Jahrhunderte nicht wieder besiedelt – ermöglichen es den Forschern heute, die Sprache der Assyrer, ihre Lebensbedingungen, ihre Gedankenwelt, ihre Literatur, ihr Rechtswesen, ihre Gelehrsamkeit wieder erstehen zu lassen. Scherben von Tontafeln mit allen denkbaren Dokumenten waren durch das in der Stadt wütende Feuer bestens konserviert worden. Unter dem Schutt eines eingestürzten Hauses fand man mehrere verschüttete Räume und weit über tausend Tontafeln und -fragmente: die Bibliothek eines gelehrten Heilers namens Kisir-Aschur, der im Dienste des assyrischen Königs gestanden hatte. Aus diesen kulturhistorischen Funden konnten Wissenschaftler ganzheitlich beschriebene Krankheitssymptome und Therapien der Zeit nachvollziehen und in die Gedankenwelt der Assyrer einblicken. Die Ausgrabungen in Assur seien seit dem Irak-Krieg nicht mehr möglich, aber die deutschen Museen seien gut bestückt mit ungelesenem Material, berichtet der Assyriologe. "Wenn wir Werte, Kategorien und Leistungen einer fremden Kultur wirklich erschließen möchten, gelingt dies nur, wenn wir uns von ehrfürchtigem Respekt vor dem Anderen, von Offenheit, genauem Hinsehen und einer uneitel und mit Geduld erworbenen profunden Sachlichkeit leiten lassen", gibt Stefan Maul zum Abschluss seinen Vortrag den angehenden Geisteswissenschaftlern mit auf den Weg.

Im Epilog lässt Timo Brunke das Faszinosum der Geisteswissenschaften Gestalt annehmen. Als hamstergroßes Wesen mit großen lappigen Backen, Fell, Schildkrötenpanzer und nur einem Auge lauert es im Bücherregal der Berliner Staatsbibliothek einem Abiturienten auf, den es für die Geisteswissenschaft begeistern will. Zu diesem Zweck lässt es den jungen Mann tief in eine alte Handschrift, den in Elefantenhaut gebundenen "Codex Cortex", blicken. Und sein Plan geht auf: "Dergestalt aufgebaut stieg ich aus dem Folianten. Streichelte zum Abschied die bebende Haut des Elefanten. Ich wusste: ich würde wiederkommen, bald und für immer, spürte das Virus des Faszinosum in meinen Pupillen schimmern." Geschafft. Und alle, die es ohnehin noch nicht waren, sind es nun: Überzeugt von der Spannungskraft der Geisteswissenschaft.

(Stephanie Hüther / Atje Drexler; 16.11.2006)

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