Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Eveline Passet und Raimund Petschner:

Eveline Passet studierte Slavistik und Romanistik in Paris, arbeitet heute als Literaturübersetzerin und Rundfunkautorin in Berlin. Sie hat u.a. Werke von Benjamin Constant, Alfred de Musset, Wassili Rosanow, Alexander Kuprin, Daniel Pennac und Wassili Golowanow ins Deutsche gebracht. Eveline Passet, die seit vielen Jahren Workshops und Fortbildungen für Übersetzer leitet, ist eine der Ko-Autorinnen von „Spurwechsel. Ein Film vom Übersetzen“ (2003) sowie zusammen mit Gabriele Leupold Herausgeberin von „Im Bergwerk der Sprache. Eine Geschichte des Deutschen in Episoden“ (Wallstein Verlag, Göttingen, 2012).

Raimund Petschner, geb. 1948 in Bad Vilbel bei Frankfurt/M., studierte Soziologie, Psychologie und Germanistik und arbeitete einige Jahre als Lehrer an Hauptschulen. Seit Anfang der achtziger Jahre hat er zahlreiche Sendungen für den Rundfunk geschrieben, aber auch Prosa und Lyrik veröffentlicht; er erhielt u.a. das Alfred Döblin-Stipendium. Raimund Petschner lebt in Berlin. Features für den Rundfunk z.B.: „Erfahrungsseelenkunde. Karl Philipp Moritz als Schriftsteller und Psychologe“ (DLRKultur, 2006), „Die stärkste Droge überhaupt. Literarische Sichten auf Krieg, von Remarque bis Babtschenko“ (DLRKultur, 2009), „Vorbeischaukelnd am Weltuntergang. Autoren mit dem Mut zum Idyllischen heute“ (DLRKultur, 2012).

Radiofeatures mit gemeinsamer Verfasserschaft, u.a.: 

  • Das unergründlich Lebendige. Alberto Giacometti und die Suche nach der Wirklichkeit (DLF, 2007)
  • Tangente Süd. Literarische Versuche, heutige Räume zu beschreiben (DLRKultur, 2008)
  • Der Tag startet meist bedeckt. 100 Jahre Volksautos (WDR, 2008)
  • Das Fluidum der Welt und die Not des Lebens. Die Wandlungen des Lew Nikolajewitsch Tolstoj (DLRKultur, 2010)
Ein Dorf im neuen Russland
Jasnaja Poljana und das Erbe Tolstojs

Jasnaja Poljana – jenes Dorf und Gut in der russischen Region Tula, wo Lew Tolstoj geboren wurde und den größten Teil seines Lebens verbracht hat – existiert noch heute und ist, hundert Jahre nach dem Tod des Autors, ein Ort, an dem vieles probiert wird. Da soll zum einen (unter Leitung eines Ururenkels des Schriftstellers) das literarische, philosophische und religiöse Erbe Tolstojs in die Gegenwart verlängert werden, zum anderen ist daran gedacht, Kulturtourismus, Kulturwirtschaft systematisch zu betreiben und Jasnaja Poljana mit seinem Museum zum Motor der Regionalentwicklung zu machen. Chemiekombinat und Stahlwerk in unmittelbarer Nähe zwingen dazu, zwischen handfesten Interessen und moralisch-spirituellen Zielen in der Tradition Tolstojs die Spannung auszuhalten, auszubalancieren. Daneben gilt es wie überall den Alltag zu leben, in Schule, Kindergarten, Wohnblock, Datscha, Krankenhaus und Geschäft.

Wie bewegt sich Jasnaja Poljana – oder: wie wird es bewegt – zwischen Geist und Macht? Hat Kultur dort eine Chance, etwas anderes zu sein als ein Standortfaktor, nämlich: unmittelbar Einfluß zu nehmen auf die Selbstreflexion und Selbsterziehung von Menschen, wie es vermutlich im Sinne Tolstojs gewesen wäre?

Deutschlandfunk
Regie: Anna Panknin
Redaktion: Sabine Küchler
Erstausstrahlung: 21.08.2009, 20:10 Uhr
Die Collage von Raimund Petschner entstand unter Verwendung herumliegender ärztlicher Unterlagen aus den 1960er Jahren, entdeckt in einem aufgelassenen Ambulatorium in Krapivna (40 km von Jasnaja Poljana). Die Räume des Ambulatoriums sollen, wenn alles gut geht, in absehbarer Zukunft restauriert und für kulturelle und soziale Zwecke genutzt werden. Das Museum von Jasnaja ist an dem Projekt beteiligt. Krapivna ist übrigens der Ort, wo Tolstoj als Friedensrichter – als Berater und Schlichter in Angelegenheiten der Landverteilung nach der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 – gewirkt hat.