Susanne Messmer:
Chinageschichten
Mein Interesse an China bezog sich zunächst auf den jungen chinesischen Film und Punk- und Rockmusik in China, aber als ich im Sommer 2008 - ich war während der Olympischen Spiele in Peking - immer wieder von deutschen Redakteuren gefragt wurde, die immer gleichen Zeitungstexte über „den chinesischen Menschen“ und seine Konformität zu schreiben, da erinnerte ich mich plötzlich an meine erste Reise nach Peking im Jahr 2004. Dort waren sie mir sofort aufgefallen: Die alten Menschen, die überall mit einer Selbstverständlichkeit den öffentlichen Raum besetzen, die den westlichen Reisenden verwundert. Alte Männer, die ihre Singvögel spazieren tragen, alte Frauen, die im Park Schattenboxen trainieren. Männer, die auf dem Bürgersteig Skat spielen, Frauen, die in den Gassen der Altstadt plaudern oder gemeinsam musizieren. Diese alten Menschen wirken selbst auf den ahnungslosesten Touristen, als hätten sie viel zu erzählen - und sie wirken alles andere als konform.
Während die deutschen Medien über Goldmedaillen und Dopingskandal berichteten, führte ich in einer Art Trotzreaktion erste Vorgespräche mit um die Achtzigjährigen in Peking, mit Großeltern von Kollegen von Kollegen, ich war begeistert - und bekam schließlich die Möglichkeit, im Frühsommer 2009 meine Gespräche fortzusetzen, zu vertiefen und eine Reihe neuer, spannender Gesprächspartner ausfindig zu machen. Als wildfremde Autorin aus dem Westen Leute zum Erzählen zu bewegen, die vielleicht nicht einmal ihren eigenen Kindern davon berichtet haben, was ihnen in der turbulenten Vergangenheit Chinas im letzten Jahrhundert widerfahren ist - das war manchmal ein großes Kunststück. Was mir dabei geholfen hat: Meine Übersetzerinnen Li Man und Dang Yuan und deren kindliche Neugier, meine Schwangerschaft bei den ersten Gesprächen im Sommer 2008 und meine sechs Monate alte Tochter Mei, die ich oft zu den zweiten Gesprächen im Sommer 2009 mitbrachte. Wer trotz Schwangerschaft und Baby noch so viel arbeitet, der muss wirklich überzeugt sein von dem, was er tut - dies die einhellige Meinung.
Und so war es ja auch. Ich wollte unbedingt wissen, ob es in einem Land wie China, während der größten Hungersnot seit Menschheitsgedenken oder während der Kulturrevolution zum Beispiel, überhaupt möglich ist, die Suche nach individuellem Glück nicht aufzugeben. Wie haben diese Leute überlebt, wie haben sie sich durchgeschlagen und wie haben sie ihre Würde bewahrt? All das habe ich erfahren. Ich hoffe, dass mein Buch „Chinageschichten“ mit Gesprächsprotokollen, das im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist, einen kleinen Beitrag zu einer Geschichte des privaten Lebens in China leisten kann. Ich hoffe, dass es 2010 in einem Pekinger Café eine Ausstellung der Porträtfotos meiner Interviewpartner geben wird, ich hoffe, dass ich werde anwesend sein können und am meisten hoffe ich, dass sich dort alle, die ich gesprochen habe, kennen lernen werden.
Susanne Messmer
Chinageschichten
Verbrecher Verlag, Oktober 2009
Mein Interesse an China bezog sich zunächst auf den jungen chinesischen Film und Punk- und Rockmusik in China, aber als ich im Sommer 2008 - ich war während der Olympischen Spiele in Peking - immer wieder von deutschen Redakteuren gefragt wurde, die immer gleichen Zeitungstexte über „den chinesischen Menschen“ und seine Konformität zu schreiben, da erinnerte ich mich plötzlich an meine erste Reise nach Peking im Jahr 2004. Dort waren sie mir sofort aufgefallen: Die alten Menschen, die überall mit einer Selbstverständlichkeit den öffentlichen Raum besetzen, die den westlichen Reisenden verwundert. Alte Männer, die ihre Singvögel spazieren tragen, alte Frauen, die im Park Schattenboxen trainieren. Männer, die auf dem Bürgersteig Skat spielen, Frauen, die in den Gassen der Altstadt plaudern oder gemeinsam musizieren. Diese alten Menschen wirken selbst auf den ahnungslosesten Touristen, als hätten sie viel zu erzählen - und sie wirken alles andere als konform.
Während die deutschen Medien über Goldmedaillen und Dopingskandal berichteten, führte ich in einer Art Trotzreaktion erste Vorgespräche mit um die Achtzigjährigen in Peking, mit Großeltern von Kollegen von Kollegen, ich war begeistert - und bekam schließlich die Möglichkeit, im Frühsommer 2009 meine Gespräche fortzusetzen, zu vertiefen und eine Reihe neuer, spannender Gesprächspartner ausfindig zu machen. Als wildfremde Autorin aus dem Westen Leute zum Erzählen zu bewegen, die vielleicht nicht einmal ihren eigenen Kindern davon berichtet haben, was ihnen in der turbulenten Vergangenheit Chinas im letzten Jahrhundert widerfahren ist - das war manchmal ein großes Kunststück. Was mir dabei geholfen hat: Meine Übersetzerinnen Li Man und Dang Yuan und deren kindliche Neugier, meine Schwangerschaft bei den ersten Gesprächen im Sommer 2008 und meine sechs Monate alte Tochter Mei, die ich oft zu den zweiten Gesprächen im Sommer 2009 mitbrachte. Wer trotz Schwangerschaft und Baby noch so viel arbeitet, der muss wirklich überzeugt sein von dem, was er tut - dies die einhellige Meinung.
Und so war es ja auch. Ich wollte unbedingt wissen, ob es in einem Land wie China, während der größten Hungersnot seit Menschheitsgedenken oder während der Kulturrevolution zum Beispiel, überhaupt möglich ist, die Suche nach individuellem Glück nicht aufzugeben. Wie haben diese Leute überlebt, wie haben sie sich durchgeschlagen und wie haben sie ihre Würde bewahrt? All das habe ich erfahren. Ich hoffe, dass mein Buch „Chinageschichten“ mit Gesprächsprotokollen, das im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist, einen kleinen Beitrag zu einer Geschichte des privaten Lebens in China leisten kann. Ich hoffe, dass es 2010 in einem Pekinger Café eine Ausstellung der Porträtfotos meiner Interviewpartner geben wird, ich hoffe, dass ich werde anwesend sein können und am meisten hoffe ich, dass sich dort alle, die ich gesprochen habe, kennen lernen werden.
Susanne Messmer
Chinageschichten
Verbrecher Verlag, Oktober 2009