Grenzgänger

Susanne Messmer:

Susanne Messmer, geboren 1971, lebt in Berlin und Peking. Im Alter von achtzehn Jahren gründete sie ihr erstes Kulturmagazin, mit achtundzwanzig ihre erste Plattenfirma. Sie studierte neue deutsche Literatur und Philosophie. Heute arbeitet sie als Kulturjournalistin für Presse und Funk (taz, Merian, Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Deutschland Radio Kultur, SWR2 usw.).
Chinageschichten
 

Die Männer und Frauen, die in „Chinageschichten“ zu Wort kommen, sind heute um die achtzig Jahre alt. Sie waren also 1949, als Mao Zedong auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China ausrief, um die Zwanzig. Damit gehören sie zur Aufbaugeneration ihres Landes. Sie haben noch ein Stück altes China erlebt, kennen das Ende der letzten Dynastie aus den Erzählungen der Eltern, wissen, wie geschnürte Füße aussahen und wie es in Peking zur Zeit der japanischen Besatzung zuging.

Einige von ihnen haben vor 1949 den Bürgerkrieg auf der Seite der Kommunisten erlebt, andere sprechen am liebsten von der Zeit nach 1953, als in China Aufbruchstimmung herrschte. Einige sind fast verhungert, als Mao Zedong den „Großen Sprung nach vorn“ ausrief und eine der schlimmsten Hungersnöte der Geschichte auslöste. In „Chinageschichten“ erzählen Menschen von der Kulturrevolution und von der Öffnung Chinas in den achtziger Jahren. 1989, als die chinesische Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens niedergeschlagen wurde, gingen die Protagonisten dieses Buches in Rente. Sie berichten auch von ihren Enkeln, den „brandneuen Menschen“, die in relativem Wohlstand aufgewachsen sind und nie die „Bitterkeit gekostet“ haben.

In diesem Buch kommen Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten vor: ein Sohn eines Lehrers in der Provinz Sichuan, der in Peking leitender Ingenieur wurde und mehrfach beruflich ins Ausland reiste, eine Tochter aus einer armen Pekinger Handwerkerfamilie, die in den fünfziger Jahren freiwillig aufs Land ging und dort das Land mit aufbauen wollte; ein Soldat, der im antijapanischen Krieg auf Seiten der Kommunisten kämpfte – sowie ein Pekingopernsänger, der im Peking vor der japanischen Besatzung auf eine Opernschule ging und während der Kulturrevolution Revolutionsopern sang.

„Chinageschichten“ ist – in der Tradition der Gesprächsprotokoll-Literatur – ein Versuch der Annäherung an das Land „unterhalb“ der großen Politik, aus der Perspektive des privaten Lebens und der Vertracktheiten der Organisation des Alltags zwischen gesellschaftlichen und politischen Wandlungsprozessen, wie sie selten drastischer waren als in diesem letzten Jahrhundert in China, und individueller Selbstbehauptung und Glücksuche. Das Buch ist mit aktuellen Porträtfotos bebildert und enthält Fotos aus den privaten Archiven.

320 Seiten
Verbrecher Verlag, Oktober 2009
ISBN: 978-3-940426-42-0

Bildergalerie

Mein Interesse an China bezog sich zunächst auf den jungen chinesischen Film und Punk- und Rockmusik in China, aber als ich im Sommer 2008 – ich war während der Olympischen Spiele in Peking – immer wieder von deutschen Redakteuren gefragt wurde, die immer gleichen Zeitungstexte über „den chinesischen Menschen“ und seine Konformität zu schreiben, da erinnerte ich mich plötzlich an meine erste Reise nach Peking im Jahr 2004. Dort waren sie mir sofort aufgefallen: Die alten Menschen, die überall mit einer Selbstverständlichkeit den öffentlichen Raum besetzen, die den westlichen Reisenden verwundert. Alte Männer, die ihre Singvögel spazieren tragen, alte Frauen, die im Park Schattenboxen trainieren. Männer, die auf dem Bürgersteig Skat spielen, Frauen, die in den Gassen der Altstadt plaudern oder gemeinsam musizieren. Diese alten Menschen wirken selbst auf den ahnungslosesten Touristen, als hätten sie viel zu erzählen – und sie wirken alles andere als konform.

Während die deutschen Medien über Goldmedaillen und Dopingskandal berichteten, führte ich in einer Art Trotzreaktion erste Vorgespräche mit um die Achtzigjährigen in Peking, mit Großeltern von Kollegen von Kollegen, ich war begeistert – und bekam schließlich die Möglichkeit, im Frühsommer 2009 meine Gespräche fortzusetzen, zu vertiefen und eine Reihe neuer, spannender Gesprächspartner ausfindig zu machen. Als wildfremde Autorin aus dem Westen Leute zum Erzählen zu bewegen, die vielleicht nicht einmal ihren eigenen Kindern davon berichtet haben, was ihnen in der turbulenten Vergangenheit Chinas im letzten Jahrhundert widerfahren ist – das war manchmal ein großes Kunststück. Was mir dabei geholfen hat: Meine Übersetzerinnen Li Man und Dang Yuan und deren kindliche Neugier, meine Schwangerschaft bei den ersten Gesprächen im Sommer 2008 und meine sechs Monate alte Tochter Mei, die ich oft zu den zweiten Gesprächen im Sommer 2009 mitbrachte. Wer trotz Schwangerschaft und Baby noch so viel arbeitet, der muss wirklich überzeugt sein von dem, was er tut – dies die einhellige Meinung.

Und so war es ja auch. Ich wollte unbedingt wissen, ob es in einem Land wie China, während der größten Hungersnot seit Menschheitsgedenken oder während der Kulturrevolution zum Beispiel, überhaupt möglich ist, die Suche nach individuellem Glück nicht aufzugeben. Wie haben diese Leute überlebt, wie haben sie sich durchgeschlagen und wie haben sie ihre Würde bewahrt? All das habe ich erfahren. Ich hoffe, dass mein Buch „Chinageschichten“ mit Gesprächsprotokollen, das im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist, einen kleinen Beitrag zu einer Geschichte des privaten Lebens in China leisten kann. Ich hoffe, dass es 2010 in einem Pekinger Café eine Ausstellung der Porträtfotos meiner Interviewpartner geben wird, ich hoffe, dass ich anwesend sein können werde und am meisten hoffe ich, dass sich dort alle, die ich gesprochen habe, kennen lernen werden.