"Man muss den Ton eines Werkes hören können"
Häufig rezipieren wir übersetzte Literatur und sind uns der Tatsache gar nicht bewusst, dass ein Übersetzer am Werk war und ein literarisches Werk neu geschaffen hat. Wir sehen nicht, wie viel Arbeit und Schwierigkeiten in einer solchen literarischen Übersetzung stecken. Der Status des Übersetzers wird auch bei Publikationen deutlich: Während Verlage Rechte in der Regel wahren, kommt es bei Zeitschriftenveröffentlichungen oder Internetpublikationen vor, dass der Name des Übersetzers nicht genannt wird. Das zeigt sehr deutlich, dass das Anliegen des Hieronymus-Tags – nämlich ein Licht auf die Übersetzer und das Übersetzen zu werfen – wichtig ist.
Worin besteht die Leistung des Übersetzers und wo liegen die Grenzen?
Schleyermacher spricht von zwei Wegen des Übersetzens: Entweder der Übersetzer versucht, den Autor und die Fremdheit seiner Sprache zu vertreten oder er nähert sich den Lesegewohnheiten des zielsprachlichen Lesers an und präsentiert ihm einen Text, der ihm möglichst vertraut ist. In diesem Vermittlungsakt liegen sowohl die Leistungen als auch die Grenzen des Übersetzens. Bei allen Bemühungen um Lesbarkeit und Vermittlung der Ideen des Autors wird es trotzdem immer Dinge geben, die dem Leser unverständlich bleiben. Jeder Text enthält eine Summe an Übersetzungsschwierigkeiten, bei denen der Übersetzer entscheidet, was unbedingt erhalten werden soll und worauf man möglicherweise verzichten muss.
Kann man prozentual ausdrücken, welcher Anteil an einem übersetzten Text auf den Autor, welcher auf den Übersetzer zurückgeht?
Der angestrebte Wert sollte bei 90 Prozent Autor und 10 Prozent Übersetzer liegen. Natürlich bringt jeder Übersetzer seinen eigenen Sprachkosmos mit. Das fängt bei seinem aktiven Wortschatz an und hört auf bei bestimmten Hintergründen, die er kennt, bei Leseerfahrungen, bei intertextuellen Bezügen, die sich ganz entscheidend auf das Übersetzen auswirken können. Und wenn ein Übersetzer gleichzeitig auch Autor ist, dann fällt das Problem der individuellen Sprache noch sehr viel mehr ins Gewicht.
Individualität spielt also immer eine gewisse Rolle. Kann man trotzdem sagen, was einen guten Übersetzer ausmacht? Gibt es bestimmte Qualitätskriterien?
Ich denke, ein guter Übersetzer ist seinen Texten gegenüber sehr kritisch und weiß genau, dass es immer Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Ein guter Übersetzer interessiert sich auch für die Hintergründe des literarischen Werkes und überlegt, wie der Text in einer anderen Kultur funktioniert. Ein guter Übersetzer pflegt den Sprachkontakt und informiert sich über Weiterentwicklungen. Und ganz wichtig ist: Man muss als Übersetzer den Ton eines Werkes hören können und muss den Mut haben, nach dem Ton in der eigenen Sprache zu suchen. Jemand, der sich nur auf die Inhalte konzentriert, übersieht die Ebene der stilistischen Elemente in der Literatur.
Ich übersetze vorwiegend Gegenwartsliteratur aus dem Ukrainischen. Das versetzt mich in die Lage, dass ich die Autoren meistens hören kann und ihr Umfeld kenne. Ich achte darauf, wie der Text klingt, welcher Sprache sich der Autor bedient, wie er die Dinge, die er schreibt, motiviert.
Die globalisierte Welt rückt immer enger zusammen, was aber nicht bedeutet, dass wir uns gleichzeitig auch besser verstehen. Welchen Beitrag können Übersetzer in der Völkerverständigung leisten?
Ich glaube, dass es uns über Literatur gelingt, fremde Welten zu erschließen, Welten, zu denen uns der Zugang sonst versperrt wäre. Und dieser literarische Brückenbau ist letztlich auch ein Verdienst des Übersetzers. Außerdem kennen sich Übersetzer häufig sehr gut in den Kulturen und Lebenswelten ihrer Sprachen aus, aus denen sie übersetzen. Diesen großen Schatz teilen sie mit ihren Lesern. Und wenn man aus kleinen Sprachen wie dem Ukrainischen übersetzt, ist das für die Verfügbarkeit literarischer Zeugnisse natürlich von besonderer Bedeutung.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie durch Ihre Textauswahl letztlich auch das Bild anderer Menschen und ihr Wissen über das jeweilige Land prägen?
Das ist immer ein Wechselspiel zwischen Aktion und Reaktion. Einerseits bin ich mit dem Ukrainischen nicht in der komfortablen Situation, dass ich Aufträge ablehne, weil ich etwas als nicht übersetzenswert befinde. Andererseits kann ich als Übersetzer lesenswerte Texte suchen und den Verlagen vorschlagen. Insofern kann ich tatsächlich versuchen, Einfluss zu nehmen. Allerdings haben die Verlage meistens genaue Vorstellungen davon, was sie in ihr Programm aufnehmen möchten. Selbst wenn ich der Meinung wäre, man müsse unbedingt die ukrainischen Avantgardisten aus den 1920er Jahren übersetzen, ist nicht gesagt, dass dieser Wunsch am Ende Erfolg hat.
Ihre Arbeit geht weit über das Übersetzen literarischer Werke hinaus. Als Koordinatorin des Projekts "Textabdrücke" an der Universität Tübingen unterstützen Sie den Nachwuchs. Was ist das Besondere an diesem Angebot?
Wir sind im Frühjahr 2009 mit der Besonderheit eines „Translators in Residence Programs“ angetreten. Dabei kooperieren wir mit erfahrenen literarischen Übersetzern, die sich über einen längeren Zeitraum hier aufhalten. Zum einen führen sie die Studierenden in das literarische Übersetzen ein und zeigen ihnen, wo ihr künftiger Berufsweg hinführen könnte. Zum anderen bauen sie mit literarischen Veranstaltungen eine Brücke in die Öffentlichkeit. Das ist meines Wissens in dieser Form in Deutschland einmalig. Deshalb weiten wir das Projekt systematisch auf weitere Philologien neben der Slawistik aus.
Gibt es denn Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung im literarischen Übersetzen?
Wir haben in Deutschland gut aufgestellte Philologien ohne Nachwuchssorgen, ich denke an die Anglistik, Amerikanistik oder die Romanistik. Anders sieht es bei den sogenannten kleinen Sprachen aus, zum Beispiel bei einer ganzen Reihe osteuropäischer Sprachen wie Litauisch, Slowakisch oder Ukrainisch. Hier sind die Möglichkeiten, die Sprache gut zu erlernen, sehr beschränkt. Und wenn jemand die Sprache nicht beherrscht, kann er nicht so einfach Kontakt zur literarischen Szene herstellen.
(Lena Hoche, September 2009)
Am 30. September wird traditionell an den Bibelübersetzer Hieronymus erinnert, es ist sein Namens- und zugleich sein Todestag. Hieronymus gilt seit Jahrhunderten als Schutzpatron der Übersetzer.
Der Gelehrte und Kirchenvater Sophronius Eusebius Hieronymus (ca. 331–420 n. Chr.) beherrschte sieben Sprachen und übersetzte zahlreiche Werke, darunter auch die Bibel. Seine Übersetzung des Alten und Neuen Testaments aus dem Griechischen und Hebräischen ins Lateinische ist die bis heute für die katholische Kirche verbindliche Vulgata. Lange Jahre lebte er als Einsiedler in der Wüste – eine Arbeitssituation, die auch heutigen Übersetzern vertraut ist.
Der 30. September soll als Internationaler Übersetzertag etabliert und stärker in die Öffentlichkeit getragen werden. Dafür setzen sich in Deutschland beispielweise der Deutsche Übersetzerverband und der von der Robert Bosch Stiftung geförderte Verein „Weltlesebühne“ ein.
Der Internationale Übersetzertag möchte ein Bewusstsein für die Bedeutung der Übersetzung in Vergangenheit und Gegenwart wecken und zeigen, wer hinter den Übersetzungen steht, mit denen jeder im Alltag konfrontiert ist. Die Steigerung der öffentlichen Wahrnehmung der Kunst des Übersetzens und des Engagements von Literaturübersetzern ist auch ein zentrales Anliegen der Förderprogramme der Robert Bosch Stiftung und der DVA-Stiftung.