Grenzgänger

Andrei Schwartz:

Am Pier von Apolonovka

Ich nenne sie Albatrosse, diese Jungs und Mädchen am Kai der Sewastopoler Bucht. Die Sewastopoler Albatrosse sind ein Sinnbild für das unauflösbare Dilemma, indem sich die Stadt befindet: eine Stadt - viel zu mittellos für Glanz und Gloria, und viel zu lebendig für den Schrottplatz. 

Am Pier von Apolonovka ist ein Film über einen Sommer an der Mole von Apolonovka, vom ersten bis zum letzten Ferientag. 

Irgendwann haben uns die jungen und die alten Albatrosse mit zu sich nach Hause genommen, und uns ihr Korabelnaja, das ehemals berühmte Viertel der Werftarbeiter gezeigt. Dort wo heute statt sozialistischem Pathos nur noch eine verstaubte Verträumtheit herrscht. Bald merkten wir, dass viele der dortigen Bewohner gescheiterte, versöhnte oder trotzige Albatrosse sind. Noch eins haben sie gemeinsam: Früher oder später kreuzen sich ihre Wege am Kai. 

Der Betonstreifen am Hafen ist Korabelnajas wichtigste Veranstaltungsbühne. Für die Kinder aus dem Viertel bedeuten die Sprünge von der Betonkante so etwas wie die ersten Initiationsriten. Es sind Augenblicke voller Lebensmut und Glück, wenn die Sprünge der Albatrosse von einer mediterranen Leichtigkeit beflügelt werden, aber auch Momente, die manchmal von einer tiefen Traurigkeit kundtun. 

Solche Jungs und Mädchen wie der hübsche 14-jährige Pusch, der weder Mädchen noch Piercing so cool wie Mopeds findet, oder die schüchterne 13-jährige Nastja, die ihrer verflossenen Erstliebe immer noch nachtraut und beinahe an einer Überdosis Drogen gestorben wäre, verbringen ihren Sommer gemeinsam an der Mole. 

Auch die 80-jährige Galina, die rüstige Primadonna vom benachbarten Hügel, verliert noch ein paar Tränen über die Bassstimmen ihres früheren Geliebten. Allerdings nicht bevor sie ihr allmorgendliches Schwimmen an dem heruntergekommenen Strand von Apolonovka absolviert oder mit Henkerwitz über das himmlische Schicksal ihres Lieblingshuhns doziert. Und da wäre noch der drahtige Dauerschwimmer Sergej, der auf seinem Haupt seine nasse Badehose als Sonnenschutz trägt und trotz seiner 85 Jahre keinesfalls den „dritten Punkt“ (Sex) zu vernachlässigen gedenkt. 

Ein Stück weiter, auf den eisernen Pollern, finden Verliebtheit und Nachrichtentausch statt. Der Pier ist ebenso Refugium für die vernachlässigten Teenies wie auch Schauplatz für die Feierabendträume ihrer Eltern. Ankunft und Abfahrt der städtischen Fähre, Ankerplatz für die geschundenen Matrosen der Flotte und Umladestation für ihre verrostete Hinterlassenschaft, wenn die Taucher ihre unförmige Last am Pier ablegen. Es sind solche Berserker wie Wowa und Andrej, der eine ein tätowierter ehemaliger Häftling, der andere ein entlassener Milizionär. „Früher bin ich weggelaufen und er hat versucht, mich zu erwischen“ - meint Wowa. „Und heute laufen wir beide davon!“ - erwidert dazu sein Kumpel Andrej. 

Das Aufeinandertreffen dieser Parallelwelten ist das, was Apolonovka so faszinierend macht. Die Mole ist Durchgangsstation und Wartesaal in einem. Ein Zentrum der „unwichtigen Ereignisse“, das einen ahnen lässt, was sich da draußen tut. Ausgangs- und Endpunkt vieler Geschichten, die man kaum in jeder Einzelheit entziffern kann und muss.

Ein Film von
Andrei Schwartz

Montage
Inge Schneider

Kamera
Marcus Winterbauer
Susanne Schüle

Ton
Andreas Turnwald
Helge Haack

Produzent
Ernst Ludwig Ganzert

Eine Koproduktion der EIKON West mit ZDF und WDR in Zusammenarbeit mit ARTE mit Unterstützung der Filmstiftung NRW.
Entwickelt mit Unterstützung des MEDIA Programms der Europäischen Union, des „Gerd Ruge Projekt-Stipendiums“ der Filmstiftung Nordrhein Westfalen, und des „Grenzgänger“- Programms der Robert Bosch Stiftung.

2008, 86 Min. 

Bilder zum Film