„Wenn nicht jetzt, wann denn dann?“

Werkstatt Zeitgeschichte

Das Alter ist kreativ und schaffensreich. Dies zeigte sich einmal mehr während der „Werkstatt Zeitgeschichte“ der Robert Bosch Stiftung. Eingeladen waren 29 Autoren zwischen 61 und 88 Jahren, die für den von der Stiftung ausgeschrieben Otto-Mühlschlegel-Preis 2007/2008 Themen der Zeitgeschichte literarisch aufgearbeitet - und dabei nicht nur nach Meinung der Jury eine beachtliche Kreativität an den Tag gelegt hatten.

In drei Werkstattgesprächen konnten die spätberufenen Schriftsteller Anfang Juni mit Experten, vor allem aber mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen. Im Mittelpunkt der Werkstatt standen dabei Fragen nach den Motiven des literarischen Engagements sowie nach der alltäglichen Lust und Last des Schreibens und nach den handwerklichen Herausforderungen, die mit der Aufarbeitung von zeitgeschichtlichen Fragenstellungen verbunden sind. Mit dem Altersforscher Andreas Kruse, dem Zeithistoriker Eberhard Jäckel und der Journalistin Wibke Bruhns führten drei ausgemachte Experten durch die Gespräche.

Professor Kruse erläuterte in seinem Eröffnungsvortrag sehr anschaulich, dass Kreativität über den ganzen Lebenslauf hinweg möglich ist - und im Alter sogar häufig erst richtig zu Geltung gelangt. Nach dem Charakteristikum der Kreativität im Alter befragt, berichteten die Teilnehmer der Werkstatt über die „Möglichkeit, neu gewonnene Autonomie zu nutzen“, den „Traum, im Rentenalter das ursprüngliche Berufsziel zu verwirklichen“ oder auch die „Chance, sich einem ganz neuen Fachgebiet zuzuwenden“ - und bestätigten damit die Thesen des Altersforschers eindrücklich.

Im zweiten Werkstattgespräch widmete sich mit Professor Eberhard Jäckel, ein international anerkannter Experte dem Thema „oral history“. Dabei gelang es Jäckel, der im Juni selbst seinen 80. Geburtstag feierte, eine durchaus kontroverse, zugleich aber auch äußerst anregende Diskussion über die Rolle von Zeitzeugenberichten in literarischen bzw. journalistischen Werken zu provozieren und mit den Teilnehmer über die Herausforderungen und Stolpersteine ins Gespräch zu kommen, die bei der Verwendung von Zeitzeugenquellen auftreten (können).

Mit Gedanken zu den Motiven des Schreibens und zu den Widerständen, die es beim Griff in die Tasten bzw. zum Stift alltäglich zu überwinden gilt, eröffnete Wibke Bruhns das dritte Werkstattgespräch. Für ihr Werk „Meines Vaters Land“, in dem sie die Geschichte ihrer Familie und ihres Vaters Hans Georg Klamroth erzählt, der als Hitler-Attentäter in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, wurde Bruhns im vergangenen Jahr im Rahmen des Otto-Mühschlegel-Preises ausgezeichnet. Vor diesem Hintergrund wollte sie von den Teilnehmern der Werkstatt wissen, welche Motive der literarischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte zugrunde liegen. „Ich mach’s für mich!“, war ebenso eine Antwort wie „Ich schreibe für meine Kinder und meine Enkel, unsere Familie“ und „Ich schreibe, weil mir das Schicksaal des Men-schen unter die Haut gegangen ist und ich ihm ein Andenken setzen will“.

Die Antworten der Teilnehmer unterstreichen, was sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung zog: Die literarisch-journalistische Auseinandersetzung mit Fragen der Zeitgeschichte und die literarische Kreativität im Alter basieren auf höchst unterschiedlichen Motiven. Dies mag mit ein Grund für die große Vielfalt sein, mit der das Schaffen älterer Menschen unsere Gesellschaft bereichert.