Poesie in die Stadt: China
Kurator des Projektes ist der in Peking lebende chinesische Lyriker Xi Chuan, der für das deutsche Publikum die wichtigsten lyrischen Stimmen Chinas ausgewählt hat. Zum Auftakt stellte Xi Chuan einige der Dichter im Rahmen von Poesiefesten in den Literaturhäusern vor. Die Übersetzung der chinesischen Gedichte haben die Sinologen Marc Hermann und Raffael Keller übernommen.
Im Herbst ist zudem ein Hörbuch mit chinesischer Lyrik im Hörbuchverlag Fly Fast Concepts erschienen, für das die Schauspieler Hanns Zischler, Sebastian Koch, Matthias Brandt, Frank Arnold, Christoph Maria Herbst, Gerd Wameling, Ulrich Noethen, Marek Harloff, Sophie Rois, Corinna Harfouch und Alexander Khuon unter der Regie von Torsten Feuerstein die Gedichte in deutscher Übersetzung sprechen.
Xi Chuan (eigtl. Liu Jun), 1963 in Xuzhou, in der Provinz Jiangsu geboren, arbeitete nach dem Englisch-Studium zunächst als Redakteur und war eine Zeitlang Gastprofessor in den USA. Heute unterrichtet der bekannte Lyriker und Übersetzer Klassische Chinesische Literatur an der Zentralakademie der Schönen Künste in Beijing. Xi Chuan wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
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Ausgewählte Gedichte
Der in Peking lebende chinesische Lyriker Xi Chuan stellte bei der Auftaktveranstaltung am 6. Juli im Literaturhaus Stuttgart seine Auswahl lyrischer Stimmen aus dem heutigen China vor.
Lyrik auf Plakatwänden, Bauzäunen und Litfaßsäulen
„Die Schrift wird zum Bild, die Stadt wird zur Galerie“, erhofft sich Dr. Maja Pflüger, Projektleiterin bei der Robert Bosch Stiftung, von der Plakataktion im urbanen Raum. Ausgehend von der Idee der oppositionellen Wandzeitung während der Kulturrevolution soll die Lyrik in diesem Sommer zum Medium der öffentlichen Diskussion werden und die Betrachter mit ungewöhnlichen poetischen Einblicken konfrontieren.
Gedichte mit den Augen erleben
Moritz Schell und Frederic Seybicke, Studenten der Hochschule der Medien in Stuttgart, setzten die Gedichte während der Auftaktveranstaltung multimedial in Szene. Gleich zu Beginn erlebten die Zuschauer in einer Wohnzimmerkulisse den Vortrag ausgewählter Texte durch Xi Chuan und die Schauspielerin Helene Grass, während der projizierte Regen vor dem Fenster tröpfelte und im Stimmengewirr Blütensamen durch die Luft wirbelten.
Der wache Blick für die soziale Wirklichkeit
Xi Chuan gab anschließend im Gespräch mit dem Übersetzer und Sinologen Marc Hermann einen Einblick in die Entwicklung chinesischer Dichtkunst nach der Kulturrevolution. In der westlichen Wahrnehmung wird chinesische Poesie häufig mit hermetischer Lyrik gleichgesetzt: Diese wollte sich von den maoistischen Sprach- und Denkschablonen befreien, blieb allerdings in moralischem Pathos und repräsentativem Anspruch verhaftet.
Seit den achtziger Jahren entwickelte sich als Gegenbewegung die posthermetische Schule, welche an der Alltagswirklichkeit und ihrer Sprache orientiert ist. Mit einem wachen Blick für die soziale und politische Wirklichkeit setzt sich diese Lyrik spielerisch und selbstironisch mit der gesellschaftlichen Gegenwart im Reich der Mitte auseinander.
Die Frage nach derzeitiger Zensur und politischer Verfolgung von Autoren beantwortete Xi Chuan eher verhalten: China sei ein großes Land und nicht zuletzt durch das Internet gebe es Möglichkeiten, zu publizieren. Lyrik werde außerdem aufgrund der kleinen Leserschaft wenig kontrolliert und sei deshalb die vitalste und experimentierfreudigste aller Künste. „Wir Lyriker haben heute viel Freiheit, weil wir nicht mehr so wichtig sind“, brachte Xi Chuan die Marginalisierung der Dichtkunst unverblümt auf den Punkt.
Lyriklesungen auf Polizeirevieren
Im Wechsel zwischen Deutsch und Chinesisch wurden im Anschluss ausgewählte Gedichte rezitiert, während sich im Hintergrund projizierte Strommasten in Schriftzeichen verwandelten und Wolkenkratzer in die Höhe wuchsen. Die Zuhörer lernten unter anderen Yan Jun kennen, der in „Charta. Ein Sonett“ die Abschaffung von Karaoke-Bars und die regelmäßige Durchführung von Lyriklesungen auf Polizeirevieren fordert. Und sie lauschten den Worten von Yu Jian, der in seinem Gedicht „Durch den Zoll“ zwischen den Zeilen Kritik übt: „Weil das Muster seines Fells von unbekannter Herkunft ist, wird der Tiger verhaftet.“
Der Abend endete für das Stuttgarter Publikum mit chinesischer Weisheit aus Xi Chuans Feder: „Die Gescheiten sehen zu, dass sie noch vor Einbruch der Dunkelheit ihr tägliches Quantum Klugheit aufgebraucht haben.“
(Lena Hoche, August 2009)