Deutsch-türkischer Schüleraustausch

Schulsysteme

Zum Schulsystem in der Türkei

Die türkische Bevölkerung ist aufgrund des starken Bevölkerungswachstums sehr jung. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung befinden sich im schulpflichtigen Alter und die Zahl der Schülerinnen und Schüler nimmt stetig zu. Für den Bildungssektor bedeutet dies die Notwendigkeit, Reformmaßnahmen durchzuführen. Seit Jahren werden umfangreiche Bemühungen zur Reformierung des zentralistischen und auf veralteten Methoden und Strukturen beruhenden Bildungswesens unternommen, um sich dem Bologna-Prozess der europäischen Staaten anzuschließen.

Die Vorschule
In den meisten Städten wird eine einjährige Vorschulerziehung angeboten, die eine spielerische Vorübung zum Schulbesuch darstellt und deren Besuch freiwillig ist. Die Einschulung erfolgt mit sechs Jahren.

Die Grundschule
Nach der Erziehungsreform des Jahres 1997 ist die Schulpflicht von fünf auf acht Jahre erhöht worden. Die frühere fünfjährige Grundschule (der Primärbereich) und die dreijährige Mittelschule (der Sekundarbereich I) sind im Primärbereich zusammengezogen worden. Die Entscheidung, welche Schulform weiterbesucht werden kann, erfolgt nach dem neuen System erst im Alter von 15 Jahren - nach acht gemeinsamen Schuljahren. Mit der Grundschulausbildung ist für viele Schüler, insbesondere in ländlichen Gebieten, die Bildung praktisch abgeschlossen.

Das Gymnasium
Nach erfolgreicher Beendigung der achtjährigen Grundschule können weiterführende Schulen - Gymnasien - besucht oder unmittelbar betriebliche Berufsausbildungen begonnen werden. Die Gymnasien lassen sich in öffentliche und private allgemeinbildende Gymnasien, die ihre Schüler in erster Linie auf das Hochschulstudium vorbereiten, sowie in Technische- und Berufsgymnasien unterteilen, die sowohl einen Weg zur Hochschulreife als auch zur beruflichen Bildung bieten.

1. Die staatlichen allgemeinbildenden Gymnasien gliedern sich in:
  • Klassische Gymnasien (Lisesi), die ihre Schüler auf der Basis klassischer Bildungsprogramme ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechend fördern;
  • Naturwissenschaftliche Gymnasien (Fen Lisesi), die über moderne Labors verfügen und Programme für begabte Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften durchführen. Angesichts der Lehrqualität haben die Abiturienten dieser Schulen bessere Chancen bei den Aufnahmeprüfungen der Universitäten;
  • Anadolu-Gymnasien (rund 350) mit Fremdsprachenunterricht (Anadolu Lisesi), die ihre Schüler (über das allgemeine Curriculum des Gymnasiums hinaus) durch Fachunterricht in einer Fremdsprache (meist Englisch) auf das Hochschulstudium vorbereiten. Die Anadolu-Gymnasien, insbesondere die 12 mit deutschsprachigem mathematisch-naturwissenschaftlichem Fachunterricht, sind von großer Bedeutung für die schulische Integration von Remigrantenkindern. Der Besuch dieser begehrten Gymnasien ist mit hohen Kosten verbunden und von Bestehen einer Aufnahmeprüfung abhängig.

2. Die Berufsgymnasien bieten ein vielfältiges Programmangebot und lassen sich unterteilen in:
  • technische Gymnasien;
  • Gymnasien für Handel und Tourismus;
  • sonstige Berufsgymnasien.

Das türkische Bildungsministerium hat 2001 die Schulpflicht an Gymnasien von drei auf vier Jahre erhöht und Fremdsprachenunterricht (meist Englisch) ab Klasse 4 bis zum Ende des Gymnasiums nach europäischen Lehrmethodenstandards sowie umfassende Änderung der Lehrpläne im Grundschulbereich eingeführt.

Im Schuljahr 2004/2005 wurde die zweite Pflichtfremdsprache eingeführt. Dies hat insbesondere die Stellung des Deutschunterrichtes an türkischen Schulen gestärkt.

Probleme des Bildungsalltags
Qualitätsmindernd auf das gesamte Bildungssystem wirkt sich oft die Praxis des Bildungsalltags aus: Schulraumnot, zu hohe Klassenfrequenzen beziehungsweise zu wenig Lehrkräfte und schlechte Lehrmittelausstattung sind häufig auftretende Probleme. Im Vordergrund der Methodik steht rezeptives Lernen und somit ein entsprechend autoritärer Frontalunterricht.

Die Privatschulen
An den oft sehr gut ausgestatteten Privatschulen hingegen sieht die Situation anders aus. Dort wird beispielsweise seit Jahren schon ab der Vorschule oder der ersten Klasse der Grundschule eine oder sogar zwei Fremdsprachen gelernt. Der finanzielle Aufwand sein Kind auf eine solche Schule schicken zu können, ist jedoch erheblich und kann nur von relativ wenigen Eltern geleistet werden.

Geschichtliche Rahmenbedingungen des Bildungswesens und Auswirkungen auf den Schulalltag
Einen historischen Wendepunkt für das türkische Bildungswesen stellen die zwanziger Jahren dar: Die junge, laizistisch ausgerichtete Republik übernahm aufgrund ihrer bedingungslosen Westorientierung das westliche Wissenschaftsverständnis. Im Sinne des Staatsgründers Kemal Atatürk wurden nach europäischem Muster Schulen und Universitäten zu säkularen Orten erklärt. Bis heute besteht dort Kopftuchverbot. Um die Gleichheit von Mann und Frau zu betonen wurde die Koedukation eingeführt.

Ein Merkmal der türkischen Bildungs- und Erziehungspolitik ist ihre geschichtlich bedingte kollektivistisch-patriotische Orientierung. Zu Wochenbeginn und -ende versammeln sich die Schüler auf dem Schulhof und singen die türkische Nationalhymne. Jeden Morgen wird gemeinsam im Chor ein Schuleid aufgesagt. Um die Gleichheit der Schüler zu betonen gibt es an türkischen Schulen Uniformen, die je nach Schultyp unterschiedlich sind.

Das Schüler-Lehrer-Verhältnis beruht auf Autorität und Gehorsam, die beide nicht in Frage gestellt werden. Der Lehrerberuf ist bei Gründung der Republik sehr gefördert worden. In der Türkei gibt es sogar einen „Tag der Lehrer“. Durch den Beamtenstatus ist der Lehrerberuf heute zwar noch anerkannt, aber für Viele nicht mehr so attraktiv, da das geringe Einkommen viele Lehrer zwingt, eine Nebentätigkeit auszuüben.

Fremdsprachenkenntnisse der Austauschschüler
In der Regel sollte sichergestellt sein, dass die am Austausch teilnehmenden Schüler gute bis sehr gute Englischkenntnisse besitzen. Die meisten Schüler in der Türkei sprechen, wenn sie eine Fremdsprache beherrschen, besser Englisch als Deutsch. Da es sich bei Schüleraustauschprojekten mit der Türkei meist nicht vorrangig um einen klassischen Sprachaustausch, sondern um einen Kulturaustausch handelt, hat sich als Mittlersprache Englisch bewährt.

Zum Schulsystem in Deutschland

In Deutschland sind die einzelnen Bundesländer für das Schulsystem zuständig. Aus diesem Grund findet man in jedem Bundesland andere Schul- und Universitätsstrukturen, Prüfungsordnungen und Immatrikulationsregelungen. Koordiniert wird das Schulwesen durch die Ständige Konferenz der Kultusminister.

Bis vor einiger Zeit waren die Deutschen noch sehr von ihrem eigenen Bildungswesen überzeugt. Im Jahr 2002 sorgte die OECD mit ihrer PISA-Studie (Program for International Student Assessment) daher für Aufregung im Land, als sie die Fähigkeiten 15-jähriger Schüler testete und sich Deutschland im internationalen Vergleich nur auf einem unterdurchschnittlichen Platz wiederfinden konnte. Seit diesem nationalen Schock wurden einige Reformen im Bildungswesen in Angriff genommen.

Der Kindergarten
Der Besuch eines Kindergartens für Kinder zwischen drei und sechs Jahren ist in Deutschland freiwillig. Deshalb müssen Eltern für die Betreuung ihrer Kinder bezahlen. In manchen Städten gibt es zusätzlich Kinderkrippen mit den gleichen Leistungen für Kinder unter drei Jahren.

Die Grundschule
In Deutschland gilt für alle Kinder eine neunjährige Schulpflicht. Der Besuch öffentlicher Schulen ist kostenfrei. Normalerweise werden die Kinder mit sechs Jahren eingeschult und besuchen vier Jahre die Grundschule. Die Eltern erhalten danach eine Empfehlung des Lehrers für eine weiterführende Schule. Diese Empfehlung basiert auf der Einschätzung der Leistungen, Fähigkeiten und Interessen des Kindes durch den Lehrer.

Die weiterführenden Schulen
Die unterschiedlichen weiterführenden Schulen sind: Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Sie unterscheiden sich in den Leistungsanforderungen und in der Gewichtung von Praxis und Theorie.
  • Die Hauptschule umfasst die 5. bis 9. Klasse als Pflichtunterricht, das 10. Schuljahr ist freiwillig. Sie bereitet die Schüler auf eine Berufsausbildung vor und wird mit dem Hauptschulabschluss abgeschlossen. Nach Beendigung der Hauptschule beginnen die Jugendlichen normalerweise eine Lehre in einem handwerklichen Betrieb, die meistens mit Unterricht in der Berufsschule kombiniert wird.
  • Die Realschule umfasst die Klassen 5 bis 10 und führt zum Abschluss „Mittlere Reife“. Sie ist für Schüler ausgelegt, die eine Lehre in einem kaufmännischen Betrieb oder einem medizinischen Beruf (z.B. Krankenschwester) absolvieren möchten. Der Schwerpunkt in Realschulen liegt verstärkt im mathematischen Bereich und in der Vermittlung von Sprachkenntnissen, weniger im Handwerk.
  • Das Gymnasium vermittelt eine vertiefte allgemeine Bildung. Es bereitet die Schüler auf eine höhere bzw. akademische Ausbildung vor und endet je nach Bundesland nach 12 oder 13 Schuljahren mit dem Abitur, das Voraussetzung für ein Universitätsstudium ist.
  • Kritiker sehen die Einstufung in der Grundschule als zu früh angesetzt an und befürchten, dass die Begabung und die Fähigkeiten eines Kindes in diesem Alter noch nicht richtig beurteilt werden können. Aus diesem Grund haben einige Bundesländer sogenannte Gesamtschulen eingerichtet, in denen alle Schüler bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Im Anschluss kann nach weiteren zwei bis drei Jahren auch hier das Abitur erworben werden.

Die Schultypen
In der Regel bieten in Deutschland staatliche Schulen, auch im Vergleich zu privaten Einrichtungen, einen sehr hohen Standard. Die meisten deutschen Schulen sind Halbtagsschulen. Der Staat unterstützt jedoch die Einrichtung von Ganztagsschulen. Seit 2003 sind mehr als 6000 Schulen für den Aus- und Aufbau einer Ganztagsschule gefördert worden.

Die Fremdsprache Englisch
An deutschen Schulen wird als erste Fremdsprache ab der fünften Klasse überwiegend Englisch unterrichtet. Heutzutage wird Englischunterricht, teilweise ab der 1. Klasse als Pflichtfach, flächendeckend in allen Bundesländern angeboten.

Probleme des Bildungsalltags
Kritiker des deutschen Bildungswesens beklagen, dass sich das Schulsystem hauptsächlich auf Karriere und schulische Höchstleistungen konzentriere, dabei aber die Entwicklung der Persönlichkeit auf der Strecke bleibe. Viele deutsche Schulen bieten nur wenige Freizeitangebote neben dem regulären Stundenplan an.

Anders als in vielen anderen Ländern verläuft der Unterricht in Deutschland sehr förmlich. Außerhalb des Klassenzimmers besteht nur selten Kontakt zwischen Schülern und Lehrern. In manchen städtischen Schulen ist die abnehmende Disziplin der Schüler zu einem großen Problem geworden. Trotz dieser Probleme und der schlechten PISA-Ergebnisse waren deutsche Schulen unter anderem sehr schnell bei der Einbeziehung neuer Technologien und des Internets in den Unterricht. Viele Schulen bieten ihren Schülern Unterricht am Computer und sind mit modernen, schnellen Internetverbindungen ausgestattet.

Zukunftsperspektiven
Zukünftig sind Neuerungen im deutschen Schulsystem zu erwarten: Der Trend geht hin zu mehr individueller Förderung in Schulen, die Schüler nicht nach Leistungsniveau aufteilen, und zu Ganztagsschulen. Im vorschulischen Bereich bemüht man sich um die Verbesserung der frühkindlichen Bildung und der sprachlichen Frühförderung in Kindergärten und Kindertagesstätten.

Quellenhinweis
Die vorliegende Arbeitshilfe basiert auf der Erfahrungsgrundlage verschiedenster Institutionen, Vereine, Privatpersonen etc., zu denen nähere Informationen unter dem Menüpunkt „Links“ zu finden sind. Besonders hingewiesen sei auf die aktuellen Arbeitshilfen der “Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.“ (IJAB) und das „Handbuch zum deutsch-türkischen Jugendaustausch“ der Körber-Stiftung, welches jedoch nicht mehr im Handel erhältlich ist.