Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

María Cecilia Barbetta

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2009

1972 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Nach dem Besuch einer deutsch-argentinischen Schule absolvierte sie eine vierjährige Lehrerausbildung für Deutsch als Fremdsprache. Sie unterrichtete Deutsch, bis sie im Oktober 1996 mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin kam.
Nach dem Abschluss ihrer Promotion entschloss sie sich, in Deutschland zu bleiben. Sie war fünf Jahre lang Lehrbeauftragte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und teilweise parallel hierzu beim ehemaligen Museumspädagogischen Dienst Berlin (heute Kulturprojekte Berlin) als wissenschaftliche Volontärin im Bereich Kunstausstellungen tätig.
Seit 2005 ist sie freie Autorin, 2006 bekam sie das Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2007 das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. Im selben Jahr nahm sie an der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin teil. Einladungen und Stipendienaufenthalte führten die Autorin u. a. nach Mexiko, Kuba und Los Angeles. María Cecilia Barbetta lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist seit 2011 Mitglied des deutschen P.E.N.

Auszeichnungen:
Aspekte-Literaturpreis für ihren Debütroman, 2008
Bayern2-Wortspielepreis, 2009
Stipendium der Villa Massimo Rom, 2013.

Video

Leseprobe

Irrfahrten mit Schwein
Als der erste Weltkrieg zu Ende war, entschied sich mein italienischer Urgroßvater, Europa den Rücken zu kehren und nach Argentinien auszuwandern. Irgendwann kaufte er in einem Vorort der Provinz Buenos Aires ein Grundstück. Er baute ein Haus, seine Ehefrau und seine Töchter kamen nach, der Boden wurde bearbeitet, Blumen gepflanzt, Obst und Gemüse angebaut, das, was übrig blieb, wurde regelmäßig an die Nachbarn verkauft, Hühner, Enten, Kaninchen, Schweine wurden gehalten, und so kam es, daß meine Mutter, als sie noch ein kleines Mädchen war, öfters mit einem Ferkel an der Leine spazierenging.
»Ein Weibchen«, erinnerte sie sich und lachte. Erzählt hatte ich ihr von Kirke, Homers schöngelockter Zauberin, die die Ankömmlinge auf ihrer Insel in Wölfe und Löwen, Odysseus’ Gefährten in Schweine verwandelt, nachdem sie diese ihre Heimat mittels einer Mixtur aus geriebenem Käse, Mehl, gelblichem Honig, pramnischem Wein und betörenden Säften gänzlich hat vergessen lassen.
Damals hatte ich gerade eine Lehrerausbildung für Deutsch als Fremdsprache abgeschlossen und schrieb aus freien Stücken an einer wissenschaftlichen Arbeit, in deren Zentrum »Circe« stand, eine in der Tradition der phantastischen Literatur verfaßte Erzählung des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar. Jene würde eineinhalb Jahre später an der Freien Universität Berlin als magisterreif anerkannt werden, parallel dazu würde ich eine Zulassung zur Promotion erhalten, im Oktober 1996 Argentinien verlassen und nach Europa aufbrechen.

Das Faszinierende an Cortázars Erzählung »Circe« erschien mir derzeit ihre dehnbare Grenze, die Tatsache, daß in der Hauptfigur Delia Mañara, einer bürgerlichen, jungen Heldin aus dem Buenos Aires der 1920er Jahre, eine mythologische Identität angelegt ist, vorausgesetzt der Leser wird zum Komplizen, wie es Cortázar nennt, und geht der im Titel gelegten Spur nach. Die Überschrift, einziger eindeutiger Hinweis auf Delias zweite Natur, ist sozusagen die Tür, die man aufstoßen kann, um in eine tiefere Textschicht zu gelangen, in eine archaische, von merkwürdigen Haus- und gezähmten Raubtieren bevölkerte Welt und in eine durch die Gesetze der ewigen Wiederkehr regierte Zeit.

Passend zu ihrem geheimnisumwobenen Naturell kennzeichnet Cortázars Heldin ein Faible für selbstzubereitete Liköre und Pralinen, deren Ingredienzien sie mit äußerster Sorgfalt aussucht. Die Nachbarn glauben, die zweiundzwanzigjährige Delia sei in die seltsamen Todesumstände ihrer ersten beiden Freunde verwickelt, mehr noch, das gesamte Stadtviertel tratscht und tuschelt darüber, es werden böswillige Vermutungen aufgestellt und anonyme Briefe in Umlauf gebracht, vor allem dann, als Mario, der neue, dritte, Freund, in Delias Leben auftaucht. Das argentinische Viertel, welches Delia Mañara derart in Aufruhr bringt, heißt Almagro, die Straßen, die die Handlung der doppelbödigen Geschichte umkreisen, heißen Castro Barros, Avenida Rivadavia, Gascón… Es sind dieselben, die Mariana Nalo, die Protagonistin meines Debütromans, sechzig, siebzig Jahre später entlanggeht. Beim Schreiben an der Änderungsschneiderei Los Milagros war ich von Anfang an von einer ganz privaten Mythologie beflügelt, von dem geheimen Wunsch, Delia Mañara und Mariana Nalo könnten sich eines Tages über den Weg laufen, Mariana und Delia könnten sich im Reich der Phantasie begegnen, zwischen den Zeilen, und – ohne ein Wort darüber verlieren zu müssen – sich erkennen und verschmitzte Blicke tauschen.

Am 30. Juni 2008 ereignete sich das, was sich ereignen mußte. Der S. Fischer Verlag hatte zur Vorabpräsentation meines Romans ins LCB eingeladen. Das Wetter war mild, und die Lesung fand draußen auf der Terrasse statt. Sie verlief gut, diesen Eindruck hatte ich, bis zu dem Moment, als alles ganz anders wurde, die Zuhörer nicht länger zuhörten, die Anwesenden nicht mehr nach vorne schauten, wo die Bühne war, sondern den Blick nach rechts unten wandten, in Richtung See und Wiese. Ich las weiter vor, obwohl die meisten Gäste jetzt nur noch die Wiese anstarrten, sie schienen sogar belustigt zu sein, einige lachten hell auf. Sechs Tage später, am 6. Juli 2008, vermittelte mir »Buch und Bache«, eine Glosse im Berliner Tagesspiegel, ein Gefühl dafür, was sich da unten alles ereignet haben soll: »Montagabend im Literarischen Colloquium am Wannsee, die argentinische Autorin María Cecilia Barbetta liest auf der Terrasse aus ihrem Roman Änderungsschneiderei Los Milagros. Es raschelt im Gebüsch. Ein dickes Wildschwein kommt rausgelaufen. Eine Sau hinterher. Ein Frischling folgt. Noch einer. Noch einer, noch einer, sieben, acht. Und dann noch eine Sau.«
Zugegeben: Am Tag meiner allerersten Lesung fand ich diese Begegnung der besonderen Art ziemlich irritierend, aber spätestens seit der Zeitungslektüre konnte ich mich dafür begeistern, und zwar so sehr dafür begeistern, daß ich ihren Zyklus unbedingt festhalten wollte, ich, die ich die Hoffnung nicht aufgebe, daß Leben und Literatur eigensinnige Wege gehen und durch geheimnisvolle Gesetzmäßigkeiten miteinander verbunden sind.

(unveröffentlicht)

Bücher

bibliografie.gif
Änderungsschneiderei Los Milagros.
Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008

Kontakt für Lesungen

S. Fischer Verlag
Tel: 069 / 6062-318