Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Artur Becker

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2009

geboren 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren) als Artur Bekier. Er lebt seit 1985 in Deutschland und studierte Kulturgeschichte Osteuropas sowie Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft. Seit den 1990er Jahren schreibt und veröffentlicht er Romane, Novellen, Erzählungen, Gedichte und Aufsätze, daneben ist Artur Becker auch als Übersetzer tätig. Für seine erste Publikation, den Roman »Der Dadajsee« wurde er 1997 mit der Auszeichnung des Deutschen Schriftstellerverbandes »Das neue Buch in Niedersachsen und Bremen« bedacht; es folgten zahlreiche Förderungen und Stipendien, unter anderem Aufenthaltsstipendien in Bremen, Krakau, New York, Berlin und Rom zwischen 1997 und 2005. Der Deutsche Literaturfonds Darmstadt förderte die Arbeit an den Romanen »Onkel Jimmy, die Indianer und ich« und »Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken« in den Jahren 2000 und 2007. Die Projektförderung der Robert Bosch Stiftung ermöglichte 2005 Grenzgänger-Recherchen in Mittel- und Osteuropa.

Auszeichnungen:
Aufenthaltsstipendium im Deutschen Studienzentrum Venedig, 2010
Jahresstipendium für Literatur des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, 2011
DIALOG-Preis der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e. V., 2012

Leseprobe

Verehrtester! Sie haben auch mich nicht vergessen, der ich doch so viele, viele Jahre, Leben, Tode und Generationen später nach Deutschland kam, um meinen eigenen Schatten zu suchen, den ich in meinem masurischen Geburtsland für immer verloren habe. Ja, Verehrtester, ich habe nämlich wie Sie auch meinen besten Freund verloren, doch nicht deshalb etwa, weil ich krank oder gar verrückt bin, nein, das nicht – ich musste ihn verlieren, weil man nur so, heimat- und obdachlos, der Sonne direkt ins Gesicht sehen kann. Wir können machen, denken und reden, was wir wollen, aber die Sonne ist unser eigentliches Zuhause, unsere Hoffnung und Bestimmung, denn in der Sonne wohnen alle Schatten der irdischen Nationen, von denen wir meinen, sie seien die einzigen berechtigten Vertreter der menschlichen Gattung auf Erden. Doch, Verehrtester, wer einmal seinen Schatten verloren hat, wie Sie oder ich, der weiß, wie trügerisch die Einträge in unseren Geburtsurkunden, Schulzeugnissen und Reisepässen sind. Und nun erlaube ich mir, Ihnen zwei lang gesuchte Schatten und Freunde aus meiner Kindheit zu schicken! Der eine heißt »Das Kind auf den Wiesen«, und der andere »Es ist schon spät«. Verehrtester: Meine Kindheit und meine erste Liebe sind für mich die Rettung und das wichtigste Gift gegen den erbarmungslosen Tod gewesen, der in Bartoszyce auf unserem kleinen Friedhof in der Nähe der alten ostpreußischen Molkerei wohnt und die ganze Welt beherrscht. Und ich habe mir – ähnlich wie Sie es getan hatten – eine deutsche Zunge von besten Schneidern und Schustern Preußens anfertigen lassen, damit ich hier in meinem neuen Land nicht einsam zu Abend essen muss, alleine vor dem Spiegel sitzend und trinkend: Und das verstehen Sie besser als jeder andere Dichter, wie teuer uns die Einsamkeit kommen kann – Ihr ergebenster Diener und Verehrer: Artur Becker!


Das Kind auf den Wiesen

Verlacht. Das Kind auf den Wiesen.
Trinken wir den letzten Spruch.
Er mag trocken bleiben, aber das ist gesund auf der Zunge.
Bei mir wie ein Priester. Auf den Wiesen lagern meine Träume.
Doch es ist alles von Gleichzeitigkeit berauscht.
Die Füchse warten auf den Winter. Das Heidekraut
Hat keine Angst, sich zu vermehren.
Schlösser der Kreuzritter bevölkern die Wälder.
Man erwartet nicht, dass es jeden Moment kracht.
Dass ein Luftschiff abstürzt. Im Herbst sind die Leichen
Zu penetrant. Es riecht nicht nach Tod und Kleiderschränken.
Meine Kindheit. Bis zu den Knien wanderten wir im Dickicht.
Schwarze Gummistiefel der Segler, Fischer und Liebhaber
Trugen wir. Mein Vater und meine Mutter saßen
Auf grauen Holzbänken. Die Sonne leckte ihre Füße.
Da wurde ich geboren. Da war ein Kontinent.

Bücher

bibliografie.gif
Kosmopolen. Auf der Suche nach einem Europäischen Zuhause.
Essays. Verlag weissbooks.w, Frankfurt a. M. 2016

Sieben Tage mit Lidia.
Roman. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2014

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.
Roman. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2013

Der Lippenstift meiner Mutter.
Roman. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2010

Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten.
Gedichte. STINT Verlag, Bremen 2008

Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken.
Roman. weissbooks.w, Frankfurt am Main 2008

Das Herz von Chopin.
Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2006

Die Zeit der Stinte.
Novelle. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2006.

Kino Muza.
Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2003

Die Milchstraße.
Erzählungen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2002

Onkel Jimmy, die Indianer und ich.
Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2001

Dame mit dem Hermelin.
Gedichte. Carl Schünemann Verlag, Bremen 2000

Jesus und Marx von der ESSO-Tankstelle.
Gedichte. STINT Verlag, Bremen 1998

Der Gesang aus dem Zauberbottich.
Gedichte. Verlag H. M. Hauschild, Bremen 1998

Der Dadajsee.
Roman. STINT Verlag, Bremen 1997

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