Grenzgänger

Michael Ebmeyer:

Michael Ebmeyer wurde 1973 in Bonn geboren, wuchs in Bielefeld auf, studierte in Tübingen und Barcelona und lebt heute in Berlin. Sein Roman „Der Neuling“, im Frühjahr 2009 erschienen, führte Michael Ebmeyer auf zwei ausgiebige Lese- und Konzerttouren zusammen mit der sibirischen Sängerin Tschyltys: erst durch den deutschsprachigen Raum, dann durch Sibirien.
Der Neuling

In Michael Ebmeyers Roman verschlägt es einen schüchternen Stuttgarter Versandhauslogistiker nach Sibirien, wo er sich zum obsessiven Liebhaber wandelt und nicht mehr zurück in sein altes Leben findet.

Seit seiner Scheidung lebt Matthias Bleuel wie betäubt vor sich hin. Als sein greiser und russlandsentimentaler Chef ihn bittet, nach Kemerowo in Südsibirien zu reisen, um dort in einer winzigen Zweigstelle des Versandhauses eine Urkunde zu überbringen, willigt er ein, weil er zu schwach zum Neinsagen ist.

Doch in der sibirischen Sommerlandschaft erkennt sich Bleuel plötzlich selbst nicht mehr wieder. In Liebe zur geheimnisvollen Sängerin Ak Torgu entflammt, die dem kleinen Volk der Schoren angehört, wird der verzagte Logistiker zum geistergläubigen Heisssporn. Es setzt alles aufs Spiel, um Ak Torgu für sich zu gewinnen.

Michael Ebmeyer erstellte zusammen mit Minu Barati das Drehbuch für die Verfilmung des „Neulings“, der unter dem Titel „Ausgerechnet Sibirien“ im Jahr 2012 in den Kinos zu sehen war. Matthias Bleuel wurde darin von Joachim Król dargestellt.

Roman
Kein & Aber, Zürich, Februar 2009
ISBN: 978-3036955322

Bildergalerie

Zwei Dinge, die ich schon lange gern tun wollte: Nach Sibirien reisen. Und eine eigene Variante zu einem meiner literarischen Lieblingsthemen schreiben – ein unauffälliger Mensch wird aus seinem Trott gerissen und ist danach nicht wiederzuerkennen.

Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, das beides auf einmal anzugehen. Ich dachte mir einen scheuen Logistiker aus, der für ein fiktives Stuttgarter Modeversandhaus arbeitet, und ließ ihn vom greisen Firmenpatriarchen auf eine seltsame Dienstreise nach Kemerowo in Südwestsibirien schicken. Dort verliebt er sich in eine Sängerin und werdende Schamanin, die dem kleinen Volk der Schoren angehört, und setzt alles daran, sie für sich zu gewinnen und mit seinem bisherigen Leben abzuschließen.

Den Kontakt nach Kemerowo hatte mir ein glücklicher Zufall ein Jahr zuvor beschert. Nun konnte ich, unter der Obhut von Nina Beskrownych, einer ebenso kundigen wie geduldigen Einheimischen, die außerdem perfekt Deutsch spricht, eine Reise durch das Gebiet machen und Schauplätze und Eindrücke für meine Geschichte sammeln. Und so falsch es wäre, zu glauben, diese Geschichte sei eine Aufbereitung meiner eigenen Sibirienerlebnisse, so wichtig ist es mir, festzuhalten, dass die Augusttage in Kemerowo und Umgebung, in den Taigabergen von Gornaja Schorija, im schorischen Dorf Tschuwaschka und auf dem Fluss Mras-Su, zu den besonders prägenden und nachwirkenden Momenten nicht nur in meinem Leben als Autor zählen.

Nicht Vorbild, aber große Inspiration für Ak Torgu, die Sängerin im Roman, ist die schorische Sängerin Tschyltys. Ihre Musik kannte ich vor meiner Reise schon von einer CD, nun konnte ich ihr persönlich begegnen. Und nicht nur das. Tschyltys nahm uns mit zu einer Opferzeremonie am heiligen Ort Arshan, den Kalten Quellen, wo wir nach traditionellem schorischen Ritus den Geistern Wodka, Milch, Wurst und Brot darbrachten. Dieser Ausflug – mit dem Motorkahn; die Kalten Quellen sind nur auf dem Wasserweg zu erreichen – war der Höhepunkt einer Reise, die von Anfang an viel tiefer nach Sibirien hinein führte, als ich, ein unbedarfter Tourist mit einer Handvoll Konversationsbröckchen aus „Russisch Wort für Wort“, es mir je erhofft hätte.

„Der Neuling“, mein sibirischer Roman, ist eine hoffentlich einigermaßen abgründige Geschichte über einen Mann auf dem Weg in die Obsession, einen, der als verzagter Langweiler in die Fremde fliegt und als liebestrunkener Geisterseher endet. Und auch wenn ich mir alle Gleichsetzungen seiner Sibirienreise mit meiner Sibirienreise natürlich strikt verbitten muss: das „Fleisch“ dieser Geschichte kommt ohne Wenn und Aber aus dem unvergesslichen Stück Spätsommer, das ich im Gebiet Kemerowo verbringen durfte.