Zukunftsfähig durch Bildung

Die Qualifizierungsinitiative für Deutschland: In der Krise die Weichen für bessere Bildung stellen

Auf dem Bildungsgipfel 2008 in Dresden haben Bund und Länder beschlossen, die öffentlichen und privaten Bildungsinvestitionen bis 2015 auf sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts zu steigern. Das von der Unternehmensberatung McKinsey & Company im Auftrag der Robert Bosch Stiftung vorgelegte Investitionsszenario „Die Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ rechnet erstmals durch, welche zusätzlichen Ressourcen unserem Bildungssystem damit im Zeitraum zwischen 2010 bis 2015 jährlich zur Verfügung stehen. „Auf Basis derzeitiger Prognosen für das BIP stehen uns bis 2015 bei linearem Anstieg bis zu 46 Mrd. Euro pro Jahr mehr für Bildungsausgaben zur Verfügung“ schätzt Nelson Killius, Partner bei McKinsey.

Das Investitionsszenario listet konkrete Maßnahmen und damit Investitionsentscheidungen auf, die mit diesen zusätzlichen Mitteln finanziert werden können. „Die bis 2015 erforderliche Prioritätensetzung muss zugunsten der frühen Jahre erfolgen. Hier werden die Fundamente für die weitere Bildungskarriere gelegt, hier haben wir den größten Nachholbedarf, hier ist der größte Rückfluss zu erwarten“, so Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. Neben frühkindlicher Bildung stehen die allgemeinbildenden Schulen, die weitere Professionalisierung des Lehrerberufs und der Schulleitungen, die Stärkung der Berufsausbildung sowie die Steigerung der Quote von dringend benötigten akademisch Qualifizierten im Vordergrund der Empfehlungen. (Download in Randbox)



Vorgänger-Studie "Zukunftsvermögen Bildung"

Studie von McKinsey & Company im Auftrag der Robert Bosch Stiftung

Um Wachstum und Wohlstand in Deutschland zu erhalten, müssen die Bildungsanstrengungen intensiviert und stark beschleunigt werden. Auf die steigende Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften ist bisher weder der Arbeitsmarkt noch das Bildungssystem vorbereitet. Im Gegenteil: Der Bildungsabstand Deutschlands zu den wichtigen Industriestaaten vergrößert sich zusehends.

Wie hoch der Investitionsbedarf ist, welche Maßnahmen ergriffen werden können und welche pädagogischen Innovationen zu empfehlen sind, beschreibt die Studie „Zukunftsvermögen Bildung“ der Unternehmensberatung McKinsey & Company im Auftrag der Robert Bosch Stiftung. Die Studie stellt dar, wie die Bildungsreform in Deutschland beschleunigt, die Fachkräftelücke geschlossen und das Wachstum gesichert werden kann. Namhafte Bildungsexperten beschreiben den notwendigen pädagogischen Paradigmenwechsel, mit dem wir unser Bildungskapital erhöhen und gerechtere Ergebnisse erzielen können.

Aus der Studie "Zukunftsvermögen Bildung":
1  Zukunftsfähig durch Bildung
Eine Aufforderung zum Umdenken
von Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin Robert Bosch Stiftung
und Nelson Killius, Principal McKinsey & Company

2  Wie wir mehr Fachkräfte gewinnen

Arbeitsmarkt- und bildungspolitische Maßnahmen

Reserven für den Arbeitsmarkt heben
  • Der demographische Wandel
  • Wertschöpfungsverlust durch Fachkräftemangel
  • Steigerung der Erwerbstätigenquote

Bildungskapital erhöhen
  • Neue bildungspolitische Weichenstellungen
  • Die Investitionsfelder

Bildungsausgaben und ihre Rendite


Exkurs: Den pädagogischen Paradigmenwechsel einleiten

Individualisierung von Bildungswegen - von Peter Fauser
Durchlässigkeit an den Übergängen - von Hartmut Ditton
Professionalisierung des pädagogischen Personals - von Manfred Prenzel

3  Höherqualifizierung und Professionalisierung

Zwei Beispiele der Veränderung

Facharbeiter akademisch qualifizieren
  • Investition in ein Studium
  • Zulassungshindernisse
  • Positive Anreize zur Erhöhung der Studienquote
  • Veränderungsbedarf

Schulleiter professionalisieren
  • Schulleitung als Beruf
  • Fragmentierte Professionalisierung
  • Nachhaltige Systementwicklung
  • Die nötigen Investitionen

4  Wie der Wandel umgesetzt werden kann

Am Beispiel Schweiz und Großbritannien

Schweiz: Wandel des Schulmanagements
Großbritannien: "Instruction to deliver"

5  Zukunftsinvestition Bildung

Aufgaben und Finanzierung des Reformprozesses
Wenn unsere Volkswirtschaft künftig weniger Erwerbstätige hat, so werden diese, selbst bei moderaten Wachstumszielen, eine deutlich höhere Wertschöpfung erbringen müssen. Dafür brauchen wir vor allem mehr beruflich und akademisch Höherqualifizierte. Wir haben im Folgenden untersucht, wie viele von ihnen bei Hebung von bisher nur unzulänglich erschlossenen Arbeitsmarktreserven zu gewinnen wären. Würden wir die Erwerbstätigenquote und die durchschnittliche Arbeitszeit auf europäisches Best Practice-Niveau erhöhen, so könnten wir damit zu zusätzlichen 3,8 Millionen Vollzeitbeschäftigten (im Folgenden VZÄ) kommen, vor allem durch die stärkere Beteiligung von Frauen, älteren Erwerbstätigen und Migranten am Arbeitsmarkt. Alle drei Gruppen sind auf dem heutigen Arbeitsmarkt unterrepräsentiert, bieten aber noch erhebliche Reserven, sofern die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Erwerbstätigkeit erleichtern oder gar begünstigen.
Um die Lücke von rund 600.000 zusätzlich benötigten Akademikern zu schließen, werden wir mehr Facharbeiter zu einer Höherqualifizierung durch ein Studium motivieren müssen. Nur über diesen Hebel kann die Akademikerlücke bis 2020 geschlossen werden. Präziser ausgedrückt: Es müssten rund 8% der unter 35-jährigen Facharbeiter von heute bis 2020 ein dreijähriges Studium erfolgreich absolviert haben. In diesem Fall hätten wir im Jahr 2020 rund 600.000 zusätzliche Akademiker durch Höherqualifizierung gewonnen – und die Fachkräftelücke wäre geschlossen (VZÄ: Vollzeitbeschäftigte).
Bildung hat für die Gesellschaft eine strategische Bedeutung. Innovationskraft und Wachstum sind unmittelbar abhängig von höheren Qualifikationen. Doch weder unsere Arbeitsproduktivität noch unser Bildungskapital sind dieser Aufgabe gewachsen. Bis 2020 tut sich eine Lücke von 2,4 Millionen Fachkräften auf, die wir nur mit synchronen Weichenstellungen in der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik werden schließen können.

Welche Initiativen und welche Investitionen dafür erforderlich sind, zeigt die von McKinsey & Company im Auftrag der Robert Bosch Stiftung verfasste Studie »Zukunftsvermögen Bildung – Wie Deutschland die Bildungsreform beschleunigt, die Fachkräftelücke schließt und Wachstum sichert«. Namhafte Bildungsexperten beschreiben darin den notwendigen pädagogischen Paradigmenwechsel, mit dem wir unser Bildungskapital erhöhen und gerechtere Ergebnisse erzielen können. Bildung kostet, aber sie ist eine zwingende Zukunftsinvestition – und eine rentable dazu.

Bildung ist unser wichtigstes Zukunftskapital: Im Zuge des Strukturwandels von der industriellen zur wissensbasierten Gesellschaft, die zudem die Folgen des demografischen Wandels schultern muss, lassen sich Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und auch die Zukunftschancen des Einzelnen nur durch steigende Qualifikationen und eine breite Anhebung des Bildungsniveaus gewährleisten. Wenn wir hier nicht investieren und die fällige Modernisierung wie Optimierung unseres Bildungswesens vorantreiben, werden wir bei schrumpfender und alternder Bevölkerung materiell wie sozialstaatlich auf Vieles verzichten müssen, was uns heute selbstverständlich zur Verfügung steht.

Da künftig weniger Erwerbstätige für die Finanzierung aller staatlichen Leistungen aufkommen, müssen wir – um der demografischen Zange zu entgehen – alle Reserven für den Arbeitsmarkt mobilisieren, diese durch möglichst hohe Qualifikationen zu steigender Wertschöpfung wie zu einem längeren Arbeitsleben befähigen und überdies bildungspolitisch für einen breiten Nachschub an Hochqualifizierten – weit über das heutige Niveau hinaus – sorgen.

Fachkräftelücke und volkswirtschaftlicher Schaden
Auf die steigende Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften ist bisher weder unser Arbeitsmarkt noch unser Bildungssystem vorbereitet. Selbst bei einem moderaten Wachstumsziel von 1,5 Prozent pro Jahr droht uns dadurch schon bis 2020 ein Fehlbestand an 2,4 Millionen qualifizierten Arbeitskräften, je zur Hälfte Facharbeiter und Akademiker, dessen bis 2020 auflaufender volkswirtschaftlicher Schaden sich auf 1,2 Billionen Euro summiert. Dieser Einnahmeausfall durch entgangene Wertschöpfung trifft Arbeitnehmer, Arbeitgeber, den Staat wie auch die Sozialkassen.

Reserven heben
Vor allem bei den akademisch Qualifizierten, die wir zur Eroberung innovativer Zukunftsmärkte brauchen, hat sich der Abstand zu anderen Ländern vergrößert – bis 2020 fehlen uns 1,2 Millionen zusätzliche Akademiker. Mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie dem Abbau der Altersteilzeit und der stufenweisen Anhebung des Renteneintrittsalters, mit Anreizsystemen, wie dem Ausbau der Betreuungsplätze für Unter-Dreijährige und der steuerlichen Begünstigung haushaltsnaher Dienstleistungen, sowie mit einer gezielteren Anwerbung qualifizierter Migranten lässt sich der Bedarf an höher Qualifizierten, so zeigen unsere Berechnungen, bestenfalls zur Hälfte decken.

Denn die Lücke verdankt sich auch den systemischen Defiziten unseres Bildungswesens, dem es mit seinen bisherigen Instrumenten und Strategien nicht befriedigend gelingt, die optimale Lernbefähigung jedes Einzelnen zu gewährleisten und höhere Bildungserfolge zu erzielen. Nur mit synchronen Weichenstellungen auf beiden Feldern, mit arbeitsmarkt- wie bildungspolitischen Maßnahmen, werden wir die Lücke schließen und den Nachschub gewährleisten können.

Studienberechtigtenquote erhöhen
Auf mehr Abiturienten werden wir angesichts des demografischen Wandels und auch aufgrund der sozialen Selektivität unseres Schulsystems nicht hoffen können. Wir werden den Bedarf an akademischen Kräften kurzfristig nur durch »Nachrüstung« beruflich Qualifizierter decken können, längerfristig müssen wir den Nachschub von unten durch entsprechende Investitionen auf allen Ebenen – von der frühkindlichen Bildung bis zur betrieblichen Weiterbildung – sichern.

Bisher lässt unser Bildungswesen Korrekturen nach »oben« nur unter erschwerten Bedingungen zu. Hier gilt es, mehr Durchlässigkeit zu schaffen, um möglichst viele junge Menschen zum aussichtsreichen Wettbewerb auf dem globalisierten Arbeitsmarkt zu befähigen, auch damit sie die Folgen des demografischen Wandels tragen können. Dafür müssen die Engpässe unseres Bildungssystems, an denen Abbrüche in viel zu hoher Zahl erfolgen, durch neue pädagogische Leitbilder aufgeschlossen werden.

Den pädagogischen Paradigmenwechsel einleiten
Drei Gastbeiträge namhafter Pädagogen – Peter Fauser, Hartmut Ditton und Manfred Prenzel – haben die entscheidenden Stellwerke identifiziert, mit denen wir unser »Bildungskapital erhöhen« und bessere wie gerechtere Ergebnisse erzielen können.

1. Wir brauchen Strategien und geeignete Instrumente einer konsequenten Individualisierung des Lernens, maßgeschneiderte Lernförderung, an den Übergängen ein begleitendes Case-Management und eine Feedbackkultur, um jeden Einzelnen auf den verschiedenen Stationen seiner Bildungsbiographie fördern zu können.

2. Statt Segmentierung und Selektierung müssen wir Durchlässigkeit zwischen den horizontalen und vertikalen Teilsystemen unseres Bildungswesens schaffen, Transparenz an den Schnittstellen und nachvollziehbare Kriterien für die Anschlussfähigkeit von Bildungswegen. Hochschulen und Berufsverbände können durch Kooperationen, Bildungsallianzen und Vernetzungen einen Beitrag dazu leisten.

3. Der Schlüssel zum Wandel liegt in der Professionalisierung des pädagogischen Lehr- und Leitungspersonals. Die Grundlagen müssen in einer neu zugeschnittenen Ausbildung gelegt werden, die den in einer Zukunftsbranche Tätigen gerecht wird.

Wir konkretisieren den pädagogischen Paradigmenwechsel an zwei Beispielen, die zugleich zeigen, wie der Wandel zu mehr Durchlässigkeit, Professionalisierung und Höherqualifizierung eingeleitet werden kann: an der akademischen Qualifizierung von Facharbeitern und der Professionalisierung von Schulleitern.

Facharbeiter akademisch qualifizieren
Obwohl schon heute beruflich Qualifizierten der Hochschulzugang möglich ist, haben 2006 nur 2630 von ihnen – trotz der Aussicht auf ökonomische Vorteile und eine höhere Arbeitsplatzsicherheit – Gebrauch davon gemacht. Die »Opportunitätskosten« sind zu hoch, die Zugänge unübersichtlich, die Anrechnung von Qualifikationen nicht einheitlich geregelt, die Förderinstrumente den Lebensumständen von Berufstätigen nicht angemessen.

Wir brauchen aber rund 8 Prozent der unter 35-jährigen Facharbeiter von heute, die bis 2020 ein dreijähriges Studium erfolgreich absolviert haben müssten, um im Jahr 2020 rund 600.000 zusätzliche Akademiker durch Höherqualifizierung zu gewinnen und die Fachkräftelücke schließen zu können.

Wir unterbreiten in dieser Studie zahlreiche Vorschläge, wie Anreize zur Studienaufnahme geschaffen werden können – durch neue Modelle der »Bildungsteilzeit«, durch Bildungsfonds unter Beteiligung auch der Arbeitgeber und durch Förderinstrumente, die Abstand nehmen von dem Prinzip der »Bedürftigkeit«. Hier lassen sich mit entsprechenden Investitionen an Geld und Ideen beeindruckende Renditen erzielen – für den Einzelnen, für die Unternehmen, den Staat und die Sozialkassen – und zudem mehr »Studierfähige« aus den eher bildungsferneren Schichten gewinnen.

Schulleiter professionalisieren
Die »eigenständige« Schule lässt besonders Schulleiter vor gänzlich neuen Aufgabenfeldern stehen, die mit herkömmlichen pädagogischen Befähigungen nicht zu bewältigen sind. Schulleitung wird ein neuer Beruf, für den auch Führungseignung erforderlich ist. Das hat Konsequenzen für die Neugestaltung der Erstqualifikation und verlangt eine Höherqualifizierung der derzeit aktiven Leitungspersonen an unseren Schulen.

Die Gründung einer bundesweiten »Akademie für Bildungsmanagement und pädagogische Führungskräfte« sollte einen solchen Professionalisierungsprozess, dem Beispiel anderer Länder folgend, mit Nachdruck, Tempo und Nachhaltigkeit befördern. Sie stellt bundesweite Qualitätsstandards sicher, sorgt für die weiterführende Professionalisierung von Führungspersonen auf allen Ebenen (Schule, Schulaufsicht, Kultusministerien), sichert den Forschungsstand, schafft Netzwerke und positioniert sich im internationalen bildungspolitischen Diskurs.

Zukunftsinvestition Bildung
Auch in Deutschland kommt man angesichts der gesamtstaatlichen Bedeutung der Bildungsqualität nicht umhin, für ein professionell geführtes bundesweites System mit verbindlichen Maßstäben und Standards für alle zu sorgen. Die ambitionierten energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung sind ein Beispiel dafür, wie komplexe Modernisierungsanstrengungen mit klaren Vorgaben vorangebracht werden können. Diese brauchen wir auch in der Bildungspolitik und zwar sowohl für eine Anhebung des allgemeinen Niveaus, eine Erhöhung der Akademikerquote wie auch für eine Reduzierung der Schul- und Studienabbrecher. Bildungsausgaben sind Investitionen in unsere Zukunft. Die Bürger wissen um ihre wohlstandsentscheidende Bedeutung. Sie erwarten ein verbindliches Bekenntnis der politischen Führung zu entscheidenden Reformen und Investitionen, das dem Gewicht dieser Zukunftsfrage angemessen ist.