Grenzgänger

Emma Braslavsky:

Emma Braslavsky arbeitet seit 1999 als freie Autorin und Kuratorin in Berlin. Seither erschienen eine Reihe von Essays, vor allem zu aktueller Kunst, Hörstücke und Erzählungen. Ihr Romandebüt „Aus dem Sinn" wurde 2007 mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis sowie mit dem Franz-Tumler-Debütpreis ausgezeichnet. 2008 erschien ihr zweiter Roman „Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik". Beide Bücher stießen auf ein begeistertes Echo im Feuilleton. Seit 2010 bringt sie darüber hinaus gemeinsam mit einem Musiker und Komponisten die Hörcomic-Serie „Agent Zukunft" heraus. Ihr dritter Roman „Alles in Ordnung" erschien im Februar 2014 bei Ullstein.
Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik

Am Tag nach Breschnews Tod, am 11.11.1982, beginnt wie jedes Jahr zur Stunde 11 die närrische Zeit. Von staatswegen wird allerdings Trauer angeordnet, weshalb schon ein mutiger Narr sein muss, wer sich öffentlich maskiert. Sieben Geschwister von teilweise verschiedenen Vätern sind unterdessen auf dem Weg nach Westthüringen, zur Beerdigung ihrer Mutter Elfriede. Nur der älteste Bruder fehlt – 1972 kam er auf mysteriöse Weise ums Leben. Dennoch scheint er anwesend zu sein, als seine Geschwister die Mutter zu Grabe tragen. Oder ist daran nur die fünfte Jahreszeit schuld?

Emma Braslavsky erzählt in ihrem zweiten Roman eine Familiengeschichte, die drei Generationen umfasst und vom preußischen Osten bis ins amerikanische Utah reicht. Über ihre Herkunft wissen die Geschwister nicht viel, die Mutter hat vor allem das Leben der Großmutter tief im Dunkel der Historie vergraben. Mit dieser Ungewissheit gehen Gedächtnis und Identität eine neue, ungewohnte Verbindung ein, und lauter mögliche Variationen über ihr Schicksal umranken im Gespräch der Geschwister den Sarg. Die vielen absurden, traurigen und komischen Lebens- und Todesgeschichten, die zahlreichen Mythen und Legenden fügt Emma Braslavsky geschickt zu einer skurrilen Zeremonie der Erinnerung zusammen. 

Roman
Claassen Verlag, Berlin, September 2008
ISBN: 978-3-54600432-9

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Für die einen ist Schweigen eine Strafe, für die anderen ein Akt der Befreiung. Nein, obwohl es eine zutiefst biografische Frage war (Was passierte mit meiner Urgroßmutter, nachdem sie eines Tages aus dem Leben der Familie spurlos verschwunden ist?), aus der die Idee für das Buch und die Recherchereise geboren ist, spürte ich schon am Tag meiner Ankunft die Lust, einen Lebenslauf für sie zu erfinden, weil mich gleichzeitig die Angst überkam, sie könnte einfach nur langweilig oder verwirrt gewesen und auf eine banale Weise in einen Fluss gestürzt, fortgerissen und ertrunken sein. Schließlich muss ich heute damit leben – sie ist tot. Deshalb suchte ich nicht nur nach ihren Spuren – Spuren, die mich bis an die Schwelle des beginnenden 20. Jahrhunderts führen sollten und für die man einen Spürhund brauchte, dessen Nase durch den Qualm und Gestank eines ereignisreichen Jahrhunderts hindurch riechen konnte.

Anstatt also vehement die Wahrheit zu suchen, suchte ich eher nach Antworten auf die Frage: Was macht die Geschichte eines Menschen wahr? Oder um genau zu sein: Was macht die Geschichte einer Schlesierin wahr? Wahre und wahrhaftige (deutsch-polnische + polnisch-deutsche = schlesische) Geschichten sammelte ich 2.000 Kilometer kreuz und quer zehn Tage lang. Archive durchforstete ich und verdanke der Hebamme Emma Grimm und ihren präzisen Randbemerkungen in den Geburtseinträgen ein Arsenal an soziologischen Details zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aus denen ich weiterkonstruieren konnte. Darum ist es diesmal kein biografischer Roman geworden, sondern ein fiktionale biografische Familienstudie. Und vor allem ein Abschluss des Gedankens, den ich mit meinem ersten Roman „Aus dem Sinn“ aufgenommen habe: Wie verhalten sich Erinnerungen, Zeit und Identität zueinander? Diese Frage ergab sich zwangsläufig aus der Redseligkeit meiner egerländischen Familienseite. Und in diesem Roman: Wie verhalten sich keine (oder Null-)Erinnerungen, Zeit und Identität zueinander? Also: Wenn keiner redet und es nichts zu erinnern gibt. Eine wichtige Nebenerkenntnis habe ich gewonnen: Verschwiegenheit ist schlesisch und zugleich Tugend und Fluch! Weitere stehen im Roman.