Emma Braslavsky:
Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik
Für die einen ist Schweigen eine Strafe, für die anderen ein Akt der Befreiung. Nein, obwohl es eine zutiefst biografische Frage war (Was passierte mit meiner Urgroßmutter, nachdem sie eines Tages aus dem Leben der Familie spurlos verschwunden ist?), aus der die Idee für das Buch und die Recherchereise geboren ist, spürte ich schon am Tag meiner Ankunft die Lust, einen Lebenslauf für sie zu erfinden, weil mich gleichzeitig die Angst überkam, sie könnte einfach nur langweilig oder verwirrt gewesen und auf eine banale Weise in einen Fluss gestürzt, fortgerissen und ertrunken sein. Schließlich muss ich heute damit leben - sie ist tot. Deshalb suchte ich nicht nur nach ihren Spuren - Spuren, die mich bis an die Schwelle des beginnenden 20. Jahrhunderts führen sollten und für die man einen Spürhund brauchte, dessen Nase durch den Qualm und Gestank eines ereignisreichen Jahrhunderts hindurch riechen konnte.
Anstatt also vehement die Wahrheit zu suchen, suchte ich eher nach Antworten auf die Frage: Was macht die Geschichte eines Menschen wahr? Oder um genau zu sein: Was macht die Geschichte einer Schlesierin wahr? Wahre und wahrhaftige (deutsch-polnische + polnisch-deutsche = schlesische) Geschichten sammelte ich 2000 Kilometer kreuz und quer zehn Tage lang. Archive durchforstete ich und verdanke der Hebamme Emma Grimm und ihren präzisen Randbemerkungen in den Geburtseinträgen ein Arsenal an soziologischen Details zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aus denen ich weiterkonstruieren konnte. Darum ist es diesmal kein biografischer Roman geworden, sondern ein fiktionale biografische Familienstudie. Und vor allem ein Abschluss des Gedankens, den ich mit meinem ersten Roman „Aus dem Sinn“ aufgenommen habe: Wie verhalten sich Erinnerungen, Zeit und Identität zueinander? Diese Frage ergab sich zwangsläufig aus der Redseligkeit meiner egerländischen Familienseite. Und in diesem Roman: Wie verhalten sich keine (oder Null-)Erinnerungen, Zeit und Identität zueinander? Also: Wenn keiner redet und es nichts zu erinnern gibt. Eine wichtige Nebenerkenntnis habe ich gewonnen: Verschwiegenheit ist schlesisch und zugleich Tugend und Fluch! Weitere stehen im Roman.
Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik (Roman)
Claassen Verlag, Berlin, September 2008
ISBN 9783546004329
Für die einen ist Schweigen eine Strafe, für die anderen ein Akt der Befreiung. Nein, obwohl es eine zutiefst biografische Frage war (Was passierte mit meiner Urgroßmutter, nachdem sie eines Tages aus dem Leben der Familie spurlos verschwunden ist?), aus der die Idee für das Buch und die Recherchereise geboren ist, spürte ich schon am Tag meiner Ankunft die Lust, einen Lebenslauf für sie zu erfinden, weil mich gleichzeitig die Angst überkam, sie könnte einfach nur langweilig oder verwirrt gewesen und auf eine banale Weise in einen Fluss gestürzt, fortgerissen und ertrunken sein. Schließlich muss ich heute damit leben - sie ist tot. Deshalb suchte ich nicht nur nach ihren Spuren - Spuren, die mich bis an die Schwelle des beginnenden 20. Jahrhunderts führen sollten und für die man einen Spürhund brauchte, dessen Nase durch den Qualm und Gestank eines ereignisreichen Jahrhunderts hindurch riechen konnte.
Anstatt also vehement die Wahrheit zu suchen, suchte ich eher nach Antworten auf die Frage: Was macht die Geschichte eines Menschen wahr? Oder um genau zu sein: Was macht die Geschichte einer Schlesierin wahr? Wahre und wahrhaftige (deutsch-polnische + polnisch-deutsche = schlesische) Geschichten sammelte ich 2000 Kilometer kreuz und quer zehn Tage lang. Archive durchforstete ich und verdanke der Hebamme Emma Grimm und ihren präzisen Randbemerkungen in den Geburtseinträgen ein Arsenal an soziologischen Details zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aus denen ich weiterkonstruieren konnte. Darum ist es diesmal kein biografischer Roman geworden, sondern ein fiktionale biografische Familienstudie. Und vor allem ein Abschluss des Gedankens, den ich mit meinem ersten Roman „Aus dem Sinn“ aufgenommen habe: Wie verhalten sich Erinnerungen, Zeit und Identität zueinander? Diese Frage ergab sich zwangsläufig aus der Redseligkeit meiner egerländischen Familienseite. Und in diesem Roman: Wie verhalten sich keine (oder Null-)Erinnerungen, Zeit und Identität zueinander? Also: Wenn keiner redet und es nichts zu erinnern gibt. Eine wichtige Nebenerkenntnis habe ich gewonnen: Verschwiegenheit ist schlesisch und zugleich Tugend und Fluch! Weitere stehen im Roman.
Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik (Roman)
Claassen Verlag, Berlin, September 2008
ISBN 9783546004329