Denkwerk
Die Geschichtslehrerin Dr. Silvia Wimmer macht die Schüler auf einen Text aus der Broschüre „Die letzten und die ersten Tage. Amerikaner und Bayern begegnen sich“ aufmerksam. Eine Arbeit von Schülern für Schüler, die im Rahmen des Projektes entstanden ist.




 Phase 1 des Projekttages am Humboldt-Gymnasium Vaterstetten, an dem die Tafeln für eine Ausstellung über das Projekt erstellt werden: Zunächst werden Quellen gesichtet.






Schülerinnen sichten zeitgenössische Kataloge zur NS-Kunst. Sie suchen nach Werken des Bildhauers Josef Thorak.








Gruppenarbeit: Die Schüler - unterstützt von dem Geschichtsstudenten Felix Heilbrunner (links) - beschäftigen sich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.






Phase 2 des Projekttages: Schreiben der Texte. Der erste Entwurf steht bereits. Die Schüler diskutieren ihren Text für die Ausstellungstafel mit der Lehrerin.







Phase 3 des Projekttags: Auswahl der Exponate. Hier wird ein Exponat präsentiert, das aus den Familienbeständen einer Schülerin stammt: Splitter von Bomben, die 1944 in der Nähe von Vaterstetten abgeworfen wurden.





Die Schüler erforschen die letzten Kriegstage in Baldham und Vaterstetten.









Bilder - hier zu den letzten Kriegstagen - werden ausgesucht, beschrieben und ihre Anordnung auf den Ausstellungstafeln in einer Skizze festgehalten.







Letzte Phase des Projekttages: Die Schüler geben Texte für die Ausstellungstafeln ein und stellen diese in die E-Lernplattform Moodle ein.







Die Geschichtslehrerin Dr. Silvia Wimmer mit Felix Heilbrunner, Martina Fink und Fabian Baum, drei Geschichtsstudenten, die beim Projekttag tatkräftig geholfen haben.







Die Klasse 9a des Humboldt-Gymnasiums Vaterstetten am Projekttag in der Kollegstufenbibliothek.








Die letzten und die ersten Tage. Fremdsicht und Eigenwahrnehmung am Ende des Zweiten Weltkrieges

Glückliche Parallele der historischen Quellen

Manchmal braucht es neben engagierten Protagonisten einfach das passende (historische) Zusammentreffen, um Schüler, Lehrer und Wissenschaftler erfolgreich zu verbinden: Bayerische Pfarrer notierten auf Anweisung des Erzbistums München und Freising ihre Eindrücke kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Kriegs- und Einmarschberichten und bei den amerikanischen Militärbehörden wurden damals in etlichen bayerischen Landkreisen Jahresberichte über die Situation verfasst. Diese Parallele der historischen Quellen ist die ideale Grundlage für das Denkwerk-Projekt, das Professor Ferdinand Kramer mit Schülern und Lehrern mehrerer Gymnasien auf die Beine stellte.

Kramer, der den Lehrstuhl für bayerische Geschichte am Historischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München innehat, arbeitet seit zwei Jahren mit neunten Klassen und Lehrern von drei Gymnasien und anfangs auch zwei Realschulen. Die Fremdsicht (der US-Amerikaner) und die Eigenwahrnehmung der Bevölkerung (durch teilweise sehr offene und deutliche Berichte der Pfarrer) ermöglichen den direkten Vergleich und Blick zurück in eine Zeit, die Schüler sowieso und Lehrer auch fast nur noch aus Erzählungen kennen.

Geschichte und heutige Lebenswelt haben viel gemeinsam

Geschichte samt Quellenstudium, Analyse und Interpretation, auch wenn es sich um spannendes Neuland handelt, ist die eine Seite. Doch was kann Jugendliche im Alter von 14 oder 15 Jahren motivieren, sich damit im Klassenverband intensiv zu beschäftigen? Kramer gibt eine klare Antwort: „Die Wahrnehmung von Fremdem und Eigenem hat viel mit der Lebenswelt von heute zu tun, in der Mitschüler oder Nachbarn mit Migrationshintergrund normal sind.“ Und, diese Geschichte(n) passierte(n) eben nicht irgendwo weit weg, sondern genau da, wo die Schüler heute leben, in ihren Heimatorten. „Die Landesgeschichte als Geschichte des näheren Raumes spielt in der Schule eine große Rolle“, erklärt Ferdinand Kramer. Sie praktisch zu unterfüttern durch ein solches Projekt der Alltagsgeschichte, erweitert den Spielraum der Pädagogen. Und führt sie und ihre Schüler immer wieder an die Frage, unter welchen Prämissen man sich und seine Umgebung wahrnimmt, egal ob heute oder vor über 60 Jahren.

Neue Eindrücke beleben den Unterricht

Ein weiterer Aspekt kommt dem Vorhaben zugute. Innerhalb der neuen Oberstufe an bayerischen Schulen erhält die wissenschaftlich orientierte Projektarbeit einen höheren Stellenwert. So habe man mit dem Denkwerk-Vorhaben „die wunderbare Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten“, sagt Kramer. Diese Pionierarbeit folgt einem klaren Plan. Nach der Vorbereitung im Unterricht - wobei neben Geschichte auch Englisch als Schulfach eingebunden werden kann - gibt es tageweise Einführungen in wissenschaftliche Arbeitsformen, mal in der Schule, vor allem aber an den Orten historisch-wissenschaftlichen Geschehens: eine Kurzvorlesung von Professor Kramer in der Universität zum Kriegsende in Bayern, Besuch und Sichtung der Originalquellen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und im Archiv des Erzbistums München und Freising oder Exkursionen in die Bayerische Staatsbibliothek. „So aufgeladen“, wie Kramer es beschreibt, „kehren Schüler und Lehrer zurück in die Schulen“. Sie nehmen ihre Eindrücke und Erkenntnisse mit in den Unterricht und in dafür angesetzte Projekttage. Weitere historische Methoden und Exponate kommen zum Einsatz: So zum Beispiel das Gespräch mit einem über 80-jährigen Zeitzeugen, der von seiner Flucht nach Bayern berichtet, Bombensplitter, die ein ortsansässiger Landwirt den Jugendlichen zur Verfügung stellte, oder Fotos aus ihren Familien.

Großer Respekt für den Einsatz der Lehrer

Rund 200 Schüler aus Bad Aibling, Traunstein, Vaterstetten und Wasserburg waren bisher involviert. Kramer erlebt, „dass die Schüler unterschiedlich auf das Thema ansprechen“. Doch, „es ist erstaunlich und beachtlich, welche methodische Sensibilität sich im Verlauf der Arbeit entwickelt und welches Vorwissen viele Schüler mitbringen“. Damit zollt er vor allem den Lehrern großen Respekt. Sie arbeiteten eigenständig und hoch engagiert. Die beiden Lehrerinnen Dr. Bettina Scherbaum und Dr. Silvia Wimmer sorgen dafür, dass die Projekte jahrgangsgerecht mit dem Leistungsvermögen der Schüler, den Abläufen an den Schulen und den Anforderungen des Lehrplans kompatibel sind. Regelmäßige Koordinationstreffen mit dem kleinen Lehrstuhlteam von Kramer - „wir haben eine Brückenfunktion“ - sorgen dafür, dass beide Seiten ihren Teil professionell erfüllen können.

Beeindruckt hat ihn, wie die Texte einer Broschüre und später für eine Ausstellung zum Projekt entstehen. „Da wird sehr gute Arbeit vor Ort geleistet, und wir müssen nur wenig korrigieren“, sagt Kramer. Er ist sich sicher, dass die Schüler auch beim Transfer der Ergebnisse viel lernen. Denn es ist gelungen, die Ausstellungsprofis des Hauses der Bayerischen Geschichte für die Gestaltung der Präsentation zu gewinnen. Für die Schüler bedeutet dies, dass sie zusätzlich „Prozesswissen“ erwerben, wie es sonst im Schullalltag kaum möglich ist. Die Resonanz auf das Projekt und seine Ergebnisse ist hoch. Ob direkt in den Schulen, den Heimatorten, im Ministerium oder in der Presse - die Wahrnehmung von Siegern und Besiegten am Ende des Zweiten Weltkriegs, aufgearbeitet vom Nachwuchs, den Lehrern und dem wissenschaftlichen Team um den Historiker Kramer findet großes Interesse. Der Professor ist sich sicher, „dass diese Arbeit wichtige Anregungen und Impulse für die Studienwahl gibt“. Klares Denken und Formulieren, so Kramer, sei dafür die beste Voraussetzung.