Der Kultur auf der Spur
Timo Köster arbeitet seit drei Jahren als Robert Bosch Kulturmanager in der Internationalen Elias Canetti Gesellschaft in Ruse, Bulgarien. Die Gesellschaft konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Bereiche Kunst und Kultur, politische Bildung sowie auf das Erbe von Elias Canetti und die Forschung über sein Werk. Im Interview erzählt Timo Köster über seine Erfahrungen in Bulgarien.
Herr Köster, was ist für Sie das Besondere an der Kulturarbeit in Bulgarien?
Das Spannende in Bulgarien ist, dass sich vieles im Aufbau befindet, dass Dinge passieren, die in Deutschland nicht passieren würden, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Das gilt nicht nur für die Kulturarbeit, sondern generell für den Balkan. In Deutschland ist vieles Gesetz, jede Kunstform hat sich entwickelt und hat ihre Ausdrucksform. In Bulgarien steckt dagegen noch viel in den Kinderschuhen. Und man ist sehr hungrig nach dem, was in anderen Ländern passiert. Mit meiner Arbeit versuche ich, die Leute miteinander zu verbinden und zu vernetzen. Meine Aufgabe besteht nicht darin, einfach deutsche Kultur nach Bulgarien zu importieren und zu sagen: Hier habt ihr was, entweder ihr versteht es oder ihr versteht es nicht. Sondern ich habe schon den Anspruch, dass es bei den Projekten zu einem echten, gegenseitigen Austausch kommt und die Leute zusammenarbeiten.
Was denken Sie, sind die größten Unterschiede zur Kulturarbeit in Deutschland?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich keinen Vergleich ziehen kann, weil ich nach dem Studium sofort nach Bulgarien gegangen bin. Grundsätzlich gewinnt aber das Kulturmanagement in Deutschland immer mehr an Bedeutung und Professionalisierung, was sich auch an den zahlreichen Studiengängen in diese Richtung zeigt. Dieser Bereich ist in Bulgarien noch sehr unterentwickelt. Dort klammern die künstlerischen Leiter großer Institutionen Fragen von PR, Öffentlichkeitsarbeit oder Betriebswirtschaft oft noch aus.
Warum haben Sie sich für das Kulturmanagerprogramm beworben?
Nachdem ich während des Studiums ein halbes Jahr in Bulgarien gelebt hatte, wuchs in mir der Wunsch, dort einmal länger zu arbeiten. Während meines Studienaufenthalts habe ich bewusst in einer Gastfamilie gelebt, um schneller in die Sitten, Bräuche und Kultur des Landes einzutauchen. So habe ich auch die Sprache trotz der Kürze der Zeit relativ passabel gelernt. Zurück in Deutschland bin ich auf das Kulturmanagerprogramm gestoßen, für das ich mich beworben habe. Und zu meiner großen Überraschung und Freude wurde ich genommen. Im Jahr 2005 kam ich nach Ruse in Bulgarien und bin dort seit drei Jahren für die Internationale Elias Canetti Gesellschaft tätig.
Wie sahen Ihre Anfänge in Ruse und in der Elias Canetti Gesellschaft aus?
Im Jahr 2005 bei meiner Ankunft in Ruse gab es in der Elias Canetti Gesellschaft genau einen Computer und eine Bibliothekarin als fest angestellte Mitarbeiterin. Das Canetti-Zentrum wurde gerade aus der Taufe gehoben. Es fanden zwar vereinzelt ein paar größere Projekte statt, ein stetiges Kulturprogramm gab es aber nicht. Das ist jetzt anders. Denn im Laufe der Jahre habe ich im Rahmen der Projekt- und Programmarbeit versucht, das Zentrum und vor allem den Bereich Kunst und Kultur aufzubauen.
Wie sind Sie beim Aufbau der Programmarbeit vorgegangen?
Das erste halbe Jahr war ich damit beschäftigt zu schauen, was in der Stadt passiert, vor allem im Kulturbereich. Ich bin auch in ganz Bulgarien herumgefahren und habe mich potentiellen Partnern vorgestellt. Die Netzwerkarbeit steckt dort wirklich noch in den Kinderschuhen, ebenso wie auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen des Landes.
Was haben Sie nach dieser Zeit der Recherche für Schlussfolgerungen für Ihre eigene Arbeit gezogen?
Sehr deutlich war, dass die Stadt Ruse geprägt ist von klassischen Kulturangeboten. Das ist aber keineswegs rein negativ gemeint. Es gibt die großen Institutionen: Theater, Oper oder Philharmonie. Es gab aber keine freie, alternative Szene. Das wollte ich ändern. Denn ich finde es sehr wichtig, dass das Kulturprogramm und vor allem die Kunst gesellschaftliche Themen aufgreift, kritisch beleuchtet und möglicherweise auch provoziert. Das wollte ich auch mit dem Kulturprogramm der Elias Canetti Gesellschaft erreichen. Mit unserem Programm haben wir vorrangig ein junges Publikum angesprochen. Aber ich habe gemerkt, dass man sich in der Bevölkerung auch generell für unser Programm interessiert und unseren Ansatz versteht, nicht immer nur Mainstream zu zeigen, bei dem hinterher wenig oder nichts hängen bleibt. Mittlerweile gelten unsere Veranstaltungen in der Stadt als die Avantgarde. Dadurch haben wir unseren festen Platz in der städtischen Kulturlandschaft gefunden.
Sie waren jetzt drei Jahre für die Internationale Elias Canetti Gesellschaft tätig. Für welche Aufgaben fühlen Sie sich nach dem Ende des Kulturmanagerprogramms qualifiziert?
Auf Grund der Position und Verantwortung, die ich hatte, sei es in der Projektarbeit oder in Personalführungsaufgaben, habe ich mich sowohl persönlich als auch beruflich weiterentwickelt. Grundsätzlich kann man nach dem Programm im internationalen Kulturmanagement tätig sein. Ich selbst würde sehr gerne für eine deutsche Kulturinstitution arbeiten. Zudem überlege ich auch zu promovieren.
Was ziehen Sie nach dieser Zeit für ein Fazit, was haben Sie in Ruse erreicht?
Was ich grundsätzlich immer sehr spannend fand, ist der internationale Kontext. Canetti hat in seiner Autobiographie geschrieben, dass Ruse zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr multiethnisch war. Das Buch habe ich im Vorfeld gelesen und war dadurch sehr gespannt auf diese Stadt, auch wenn ich wusste, dass es heute nicht mehr so ist, wie es damals beschrieben wurde. Aber wenn es mir vielleicht ein bisschen gelungen ist, wieder etwas Internationalität nach Ruse zu bringen, vor allem im Kulturbereich, dann bin ich schon glücklich.
Von Sabine Erath, Juli 2008