Robert Bosch Juniorprofessur Nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen

Dr. Nina Farwig

Der Dschungel ist ein dickes Buch
Die Biologin Nina Farwig untersucht als Robert Bosch Juniorprofessorin für Nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen die Auswirkung des Artensterbens auf den Regenwald in Südafrika

Von Julia Rommel

Will man die großen Zusammenhänge in der Natur verstehen, zum Beispiel das Waldwachstum, fängt man am besten mit den kleinen Dingen an. Zum Beispiel mit der Beobachtung, dass Vögel und Ameisen dabei helfen, Pflanzensamen zu verbreiten. Daraus kann man - zusammen mit anderen Dingen - ableiten, wie ein Wald wächst und sich ausdehnt. Dieses einfache Prinzip gilt für viele Bereiche der Forschung, sei es für die Physik, die Chemie oder eben die Biologie. Es ist ein Prinzip der Grundlagenforschung und eines, das die Juniorprofessorin Nina Farwig in ihrer Arbeit leitet.

Die promovierte Biologin untersucht an der Philipps-Universität Marburg, wie sich der Wandel in der biologischen Vielfalt auf Ökosysteme auswirkt. Um diese Fragen zu beantworten, setzt sie im Kleinen an: Im ersten Schritt müssen alle Lebewesen in einem Waldgebiet erfasst und die Abhängigkeiten zwischen der Tier- und Pflanzenwelt aufgedeckt werden. "Wir wollen zunächst verstehen, wie Ökosysteme überhaupt funktionieren", sagt die 32-jährige Wissenschaftlerin. "Wenn zum Beispiel eine Orchideenart auf die Bestäubung durch einen Schmetterling angewiesen ist und dieser Schmetterling verschwindet, dann ist auch bald die Orchideenart weg."

Rein in die Gummistiefel, raus in die Natur

Das heißt für sie, rein in die Gummistiefel und raus in die Natur zum Beobachten: Welche Tiere und Pflanzen gibt es in einem Waldgebiet? Welche Aufgaben übernehmen Tiere bei der Befruchtung und Bestäubung der Pflanzen? Wie reproduziert sich eine Art und welche Lebewesen sind daran beteiligt? Nina Farwig hat sich auf Afrika spezialisiert, "denn mich hat die Vielfalt in den Tropen begeistert«. Manchmal fällt ihr nur das englische Wort ein, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Dann zögert sie kurz, sucht eine Weile, bevor sie es doch stehen lässt: "Und wenn die Waldarbeiter mit den Harvestern, also den Erntemaschinen, in den Wald fahren, dann befragen wir die natürlich auch für unsere Forschung."

Bereits für ihre Diplomarbeit im Fachgebiet Ökologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz forschte sie auf Madagaskar. Später promovierte sie über Biodiversität im Kakamega-Waldgebiet im Westen Kenias, ein Gebiet, das durch die Menschen immer stärker dezimiert wird. Bäume werden abgeholzt oder niedergebrannt, um den Boden landwirtschaftlich zu nutzen. Wo sich früher kilometerweit ein Waldteppich erstreckte, wächst heute Zuckerrohr oder Tee auf Plantagen. Vom Tropenwald sind nur noch Inseln inmitten der Kulturlandschaft geblieben. Als Teil des internationalen Forschungsprojekts BIOTA-Africa untersuchte die junge Wissenschaftlerin in ihrer Dissertation und später als Post-Doc, wie sich die Zerstückelung des Waldes auswirkt - auf die Ausbreitung von Samen, auf die Regeneration des Waldes und auf die Artenvielfalt der darin beheimateten Vögel.

Bei der reinen Grundlagenforschung, dem Beobachten und Verstehen, will Nina Farwig es aber nicht belassen. Dass Vielfalt allein für sich erhaltenswert ist, davon sind nur wenige Menschen überzeugt, "denn der Natur an sich, den Arten wird meist kein Wert zugewiesen", sagt die Ökologin. "Deshalb ist es wichtig, zu kommunizieren, wie unsere Erkenntnisse angewendet werden können und welchen Nutzen die Menschen davon haben."

Servicedienstleistungen im Ökosystem

So stellte Nina Farwig fest, dass in dem großen, noch zusammenhängenden Kakamega-Waldgebiet mehr Vogelarten leben als in den isolierten Waldstücken. Und Vögel übernehmen - wie auch andere Tiere - sogenannte natürliche Servicedienstleistungen in einem Ökosystem: Ohne sie könnten viele Pflanzen nicht wandern. Außerdem fressen sie Insekten und halten so Schädlinge in Schach. Davon profitiert wiederum die Landwirtschaft. Diese vielschichtigen "Servicedienstleistungen" der Vögel kann man beziffern und den geldwerten Vorteil errechnen, den Landwirte von einer großen Biodiversität haben. Und im nächsten Schritt darüber nachdenken, wie man bestimmte Vogelarten in den Waldfragmenten ansiedeln könnte - zum Beispiel, indem man Hecken pflanzt, sodass die Vögel zwischen den Teilstücken wandern können.

Nina Farwig ist ein konzentrierter Mensch. Jemand, der schnell und präzise formuliert und dem Zuhörer ständige Aufmerksamkeit abverlangt. "Man hat zwar verstanden, dass die Biodiversität allgemein abnimmt", sagt sie, "und man hat verstanden, was daran schuld ist: der Kahlschlag von Wäldern, der Straßenbau oder die veränderte Bodennutzung durch die Landwirtschaft. Aber wie genau das auf die Funktionalität des gesamten Ökosystems wirkt, kann man noch nicht erklären."

Seit Mitte 2008 beschäftigt sie sich nun mit den Veränderungen in südafrikanischen Wäldern. Mithilfe der ersten von der Robert Bosch Stiftung vergebenen Juniorprofessur für Nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen erforscht sie, ab welchem Punkt das Verschwinden von bestimmten Tier- und Pflanzenarten kritisch wird und ein ganzes Ökosystem gefährdet. Und sie entwickelt Lösungen, an welcher Stelle man eingreifen kann - zum Beispiel, indem man einen jungen Wald zum Schutz einzäunt oder lokale Imkereien fördert, um die Bestäubung durch Bienen zu nutzen. Bis 2013 unterstützt die Stiftung Nina Farwig mit einem Forschungsbudget von 1 Million Euro darin, Antworten auf diese Fragen und Empfehlungen für weitere kleine Schritte auf dem Weg zum großen Ganzen zu entwickeln - dem Erhalt unserer natürlichen Ressourcen.
Der Artikel "Der Dschungel ist ein dickes Buch" ist im Magazin "Wissen" der Stiftung erschienen (Februar 2010).
Berlin/Stuttgart. From hornbill birds in South Africa to lemurs in Madagascar and botanical studies in Kenya’s Kakamega Forest - despite her relatively short career experience as a biologist, Nina Farwig has already been up close and personal with a lot of flora and fauna. But the 31-year-old has a special area of interest: the decline in species diversity and the way in which this is impacting on ecosystems, and, by extension, human beings as well.

Nina Farwig is the first Robert Bosch Junior Professor for research into the “Sustainable Use of Renewable Natural Resources.” She was awarded the title at an official ceremony at the Bosch offices in Berlin. The laudatory speech was given by Klaus Töpfer, former German environment minister and former executive director of the UN environment program. In our interview, Nina Farwig explains what she plans to do with the grant from the Robert Bosch Stiftung:

The Robert Bosch Stiftung is giving you a grant of almost one million euros over the next five years. What will you do with the money?
I intend to use it to study the potential for regeneration in small, natural forested areas in South Africa. I want to know how ecosystems react when there is a decline in species numbers. The most important question to answer is whether a minimum number of species is necessary in order to ensure that the functions of the ecosystems and their benefits for human beings can be preserved.

What benefits do you mean in this context?
Well, for example, an ecosystem provides people with wood for building and medicinal plants, but it is also important for the pollination of cultivated plants.

What’s so special about this project?
The world’s forests are dwindling, so it is of crucial importance to preserve or expand the remaining forested areas in the long term. For that reason, we need to develop sustainable use strategies to ensure that we can preserve both biological diversity and ecosystem functions.

What kind of utilization strategies would these be?
For example, forest plantations could be networked with natural areas of forest, using corridors or forest islands as “stepping stones,” and thus boosting the regeneration potential in these monocultures.

Specifically, what will the funding be used for?
The funds will be used for German and South African associates, doctoral students, undergraduates, and field assistants, for travel expenses, and also for items of equipment for field research. These include laptops, binoculars, GPS devices, insect nets, and the like.

(Interview: Jörg Kirchhoff)