Saša Stanišic

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2008

geboren 1978 in Visegrad in Bosnien-Herzegowina. 1992 kam er nach Heidelberg und studierte Deutsch als Fremdsprache und slawische Philologie. Nach einem Lehraufenthalt in den USA folgte das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Seit 2001 veröffentlicht Stanisic auf Deutsch – entstanden sind zahlreiche Erzählungen und Essays in Anthologien und Zeitschriften (Edit, Volltext, Geo, Sprache im technischen Zeitalter, Lichtungen), darüber hinaus szenische und Hörspielarbeiten sowie literarische Blogs. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde 2007 mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet und wird derzeit in 24 Sprachen übersetzt, darunter ins Chinesische, Isländische und Hebräische.
Für seine Publikationen erhielt Sasa Stanisic zahlreiche Stipendien, unter anderem das »Grenzgänger-Stipendium« der Robert Bosch Stiftung. Weitere Stipendienaufenthalte führten ihn in die Villa Waldberta bei München, ins Künstlerhaus Ahrenshoop und nach Graz, wo er ein Jahr lang als Stadtschreiber tätig war. 2007 nahm er mit dem Max-Kade-Stipendium am International Writing Program der University of Iowa teil.

Leseprobe

Doppelpunktnomade
Homesickness: Heimweh. Hausübelkeit. Heimatkrankheit. Eigenheimbrechreiz. »Fremd« ist ein solider Titel für ein Lehrbuch des Deutschen als Fremdsprache,
fremd ist eine Leerstelle, die es mit Vokabelwissen zu füllen gilt. Die deutsche Sprache als Fremde. Die Sprache als deutsche Fremde.
Habe ich ausgelesen. Habe ich gelernt. Habe ich mir entfremdet, die Sprache gesammelt. Flüchtigkeiten der Orte gehortet, der neuen Namen, der Adjektive. Arbeitshefte zu Verästelungen der Satzlaunen angelegt, wohin mit dem Verb? Brot kaufen ein. Ankommen bedeutete zuerst Verständnisfragen: man wohnte in der »Einbahnstraße« und sagte Wüste, wenn man das Wissen meinte.
Und solche Witze.
Die Sprache wechselte die Grammatik, die Phonologie wechselte die Phonologie, der Rest waren Glück, Disziplin und motivierte Lehrer. Privilegiert durch eine intakte Familie und eine Schule, die wirklich etwas für die Orientierung im Chaos des Neuen tat.
Je versprachlichter ich wurde, syntaktischerer, dialektal verwurzelter, je mehr neuen Text ich dem neuen Alphabet entästelte, desto sozial unsichtbarer hätte ich werden können. Wollte ich aber nicht, also schrieb ich, um vorhanden zu bleiben. Im Vokabelwissen und in Wortneubildungen allein kann man aber nicht sesshaft werden. Meine Schachtelsatzversessenheit fühlte sich an, als wollte ich jemandem etwas beweisen, der mir nichts rückbeweisen konnte.

Auszug eines unveröffentlichten Romans.

Bibliografie

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Wie der Soldat das Grammofon repariert. Roman. München: Luchterhand Verlag, 2006