Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Michael Stavarič

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2012
Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2008

geboren 1972 in Brno/Tschechoslowakei, zog Stavarič 1979 nach Österreich. Er studierte Bohemistik und Publizistik in Wien, wo er heute als freier Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnist und Kritiker lebt. Stavarič übersetzte u.a. Essays von Jiří Gruša, schrieb Kinderbücher und Gedichte. Er erhielt zahlreiche Stipendien, unter anderen das Projektstipendium für Literatur des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (2008), das Mira-Lobe-Stipendium des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (2009), das Stipendium der Max Kade Foundation New York (2009) und das Wiener Autorenstipendium (2010). Seine Kinderbücher wurden 2010 und 2012 auf der IBBY Honour List aufgenommen. 2013 übernahm Michael Stavarič die Poetikdozentur des internationale Forschungszentrums Chamisso-Literatur (IFC) am Institut für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Auszeichnungen:
International Poetry Competition Award, 2002
Literaturpreis der Akademie Graz, 2003
Publikumspreis des Literaturfestivals Wortspiele, 2006
Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, 2007 sowie 2009, 2011, 2012
Buch.Preis, 2007
Förderungspreis der Stadt Wien
Kinderbuchpreis der Stadt Wien, 2009
Hohenemser Literaturpreis gemeinsam mit Agnieszka Piwowarska, 2009
Literaturpreis Wartholz, 2009
Kinderbuchpreis der Stadt Wien, 2010
Luchs (Literaturpreis), 2013

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Leseprobe

A Short-Story
Wenn ich träume, gehört mir die Welt ganz allein. Im Kopf kann mir keiner gefährlich werden. Im Heim sagen sie, dass man ihnen nicht blöd kommen soll, das mögen sie überhaupt nicht, einen vorlauten Bastard mit Sommersprossen. Im Sommer kann mich aber gar nichts aus der Ruhe bringen, ist einfach so. Ich erinnere mich, wie mir jemand erzählte, dieses Heim auf dem Land, das ist für ein Kind wie geschaffen. Die frische Luft. In der Stadt bekommt man doch nur Allergien, in Arlberg am Walde ticken die Uhren noch anders: »Du wirst sehen, ein Leben in der Stadt wirst du dir danach nicht mehr vorstellen können, unmöglich.«

Der Bahnhof war gut dreißig Kilometer entfernt, es hat über eine Stunde gedauert, bis sie kamen, um mich abzuholen. Ich stand am Bahnsteig, war viel zu still für mein Alter. Ich meine, es wäre mir nie in den Sinn gekommen davonzulaufen, wenn Gefahr drohte. Ich hatte keine Angst vor Tieren. Zum Heim fuhren wir in einem rostigen Lieferwagen, dem alten Bäcker hatte der gehört. Bis er sich einen Herzinfarkt holte, seitdem gab es zum Frühstück nur noch Toast. Der Doktor im Dorf drüben hinter dem Berg glaubte bis zuletzt an seine Version mit dem Zwerchfell: »Der wird wieder!« Ich sah in den Rückspiegel, die Landschaft, die mir den Kopf verdreht, nach links, nach rechts, aber niemand fuhr auf, hinten war alles wie ausgestorben, bewaldete Bergkuppen: »Hier oben sind wir ganz unter uns.« Was ist gegen Luftveränderung schon einzuwenden. Gar nichts!

Die Ankunft im Hof unter einer morschen Pappel: »Die wird übermorgen gefällt, pass auf, dein Kopf! Die Äste, die mürben.« Aber ich bin kein Gast, mir gegenüber lässt man bald jede Höflichkeit fallen, wenn die Pappel im Hof erst umgeschnitten ist, wenn sie fällt, das weiß ich. Plötzlich. Die Türen, dass sie quietschen, ist doch normal, wir sind schließlich auf dem Land. Es gibt Stallfliegen, im Heim zirkuliert die Luft angenehm kühl, schon bald werd ich mich eingewöhnen, bestimmt: »Bald wirst du dich eingewöhnen, Junge.« Für gewöhnlich dauert das angeblich eine Woche. Wer es dann noch nicht kapiert hat, dem ist nicht zu helfen.

Insgeheim habe ich mich darauf eingestellt, dass es länger dauert. Ich meine, ich bin einer von der schnellen Sorte, die Zeit, das Unglück, dass heute alles so schnell seinen Wert verliert. Sie haben mir gleich in der ersten Woche ein Fahrrad in die Hand gegeben, eines mit löchrigem Sattel, ganz unbequem. Vor dem Fenster die Landschaft, ich kann nicht sagen, dass es nicht schön ist. Der liebe Gott hat sein Bestes getan, unter dem Horizont alles gut eingeklemmt, damit nichts abhanden kommt. Jeden Morgen denke ich über das Leben nach, seine bessere Hälfte, dass es nichts Verwerflicheres gibt, als daran zu denken, dass man sich sein Leben nicht aussuchen kann.

unveröffentlichter Text aus dem gleichnamigen Roman

Bücher

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Milli Hasenfuss.
Kinderbuch (zusammen mit Ulrike Mötgen). Kunstanstifter, Mannheim 2016

Königreich der Schatten.
Roman. C.H.Beck Verlag, München 2013

Gloria nach Adam Riese.
Kinderbuch (zusammen mit Dorothee Schwab). Luftschacht Verlag, Wien 2012

Nadelstreif & Tintenzisch. Ein Bestiarium
Kinderbuch (zusammen mit Deborah Sengl). Haymon, Innsbruck/Wien 2011

Hier gibt es Löwen.
Kinderbuch (zusammen mit Renate Habinger). Residenz, St.Pölten/Salzburg 2011

Déjà-vu mit Pocahontas.
Raritan River, Czernin Verlag Wien, 2010

Die kleine Sensenfrau.
Kinderbuch (zusammen mit Dorothea Schwab). Luftschacht, Wien 2010

Brenntage.
Roman. C.H.Beck Verlag, München 2010

Böse Spiele.
Roman. C.H.Beck Verlag, München 2009

Magma.
Roman. Residenz, Salzburg 2008

Nkaah. Experimente am lebenden Objekt.
Prosa. Kookbooks, Berlin/Idstein 2008

Biebu. Mein Bienen und Blümchenbuch.
Kinderbuch. Residenz, Salzburg 2008

Gaggalagu.
Kinderbuch. Kookbooks, Berlin/Idstein 2006

Stillborn.
Roman. Residenz, Salzburg 2006

Europa – eine Litanei.
Prosa. Kookbooks, Berlin/Idstein 2005

Tagwerk. Landnahme. Ungelenk.
Gedichte. G & R, Wien 2003

Flügellos.
Gedichte. Edition Va Bene, Klosterneuburg 2000