Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Léda Forgó

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2008

geboren 1973 in Kazincbarcika/ Nordungarn, aufgewachsen in Budapest. Während der Schulzeit Kinderdarstellerin in mehreren Spielfilmen und Theaterstücken. 1991/92 Regieassistentin beim Ungarischen Rundfunk. Studium der Geschichte erst in Pecs/Südungarn, ab 1994 in Stuttgart, anschließend dort Studium des Figurentheaters.
1998 Umzug nach Berlin, 2011 in ein Dorf in Schleswig-Holstein, wo sie seither mit ihren Kindern lebt. 2002 hat sie den Studiengang »Szenisches Schreiben« an der Berliner Universität der Künste abgeschlossen, vorher und danach zahlreiche Theaterstücke, Monologe, Minidramen verfasst, Kurzgeschichten und eine Kinderbuchreihe geschrieben.
Ihr Stück »Onkel Gol und die Wespen« wurde im Jahr 2002 im Rahmen der Göttinger Dramatikerwerkstatt aufgeführt.

Léda Forgó erhielt zahlreiche Stipendien, u.a. war sie Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung, 2000-2002; Stipendium des Berliner Senats; 2000; Einladung zur Göttinger Dramatikerwerkstatt, 2000; Alfred-Döblin-Stipendium, 2010; Stipendium Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2011; Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg, 2012; Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein, 2012;

Auszeichnungen:
Anerkennungspreis des Hohenemser Literaturpreises, 2013.

Leseprobe

Als er das erste Mal einen Konzertsaal betrat, wurde ihm klar, dass er Pianist war. Er war zwanzig Jahre alt. Er hatte noch nie ein Instrument in der Hand gehabt, geschweige denn je Klaviertasten berührt. Er hatte noch nie den Namen Rachmaninow gehört, aber als er dessen Klavierkonzert durch ein offenes Fenster hörte, blieb er stehen. Er wollte eigentlich zu Pizza Hut, denn er hatte einen Bärenhunger. Er hatte keine Ahnung, dass ihn sein Weg an der Musikakademie vorbei führte. Den Hunger vergaß er, als die Töne heraus sickerten und wie kleine, scharfe, farbige Stiche in sein Hirn stachen. Er steuerte auf den Eingang zu und betrat den Konzertsaal. Zum Glück war die Pause schon vorbei, so wurde er nicht aufgehalten. Er ließ sich in der letzten Reihe nieder. Eine virtuos schwappende Tonleiter kroch unter seine Haut. Auf seinen Wangen, in seinen Ohren und auf dem Hals glühten rote Flammen. Wenn er aufgeregt war, bekam er an diesen Stellen rote Flecken.
In seiner Brust hämmerten große Gewichte und er hatte Angst, dass sie die Bauchwand durchbrechen und in seinen Unterleib rutschen würden. Ihm war weinerlich zumute, er hatte das Bedürfnis sich zusammenzurollen. Gleichzeitig überkam ihn eine Seligkeit, dass er am liebsten nach vorne gerannt wäre, um direkt bei der Quelle der Töne zu sein. Er grinste wie ein Idiot.
Dann stachen die Töne zu. Als ob all seine je empfundenen Schmerzen aus ihm herausgebrochen seien. Sie nagelten ihn an den Stuhl. Das Grinsen gefror auf seinem Gesicht. Er hatte das Gefühl, als ob man ihm Blei in die Ohren gegossen hätte. Es wurde ganz still in ihm. Er verschwand. Er wurde zum Stromleiter. Seine Augen wurden rund und er starrte auf die rechte Schulter eines vor ihm sitzenden Herrn. Sein Körper war reglos etwas nach vorne gebeugt. In einer biegsamen Spannung, wie ein sehniges Tier kurz vor dem Sprung. Bei manchem Einsatz zuckte der Körper nur leicht.
Wenn seine Mutter ihn jetzt gesehen hätte, hätte sie gedacht, er habe einen epileptischen Anfall oder er würde sterben. Aber so hatte sie ihn nie gesehen. In ihrem Haus war Musik verboten.

Die Töne begannen sich in seinem Kopf zu zerteilen. Er konnte sich nicht wehren. Die Stimmen trennten sich und zeichneten eigene Kurven vor seinen Augen. Er sah Striche nebeneinander laufen wie bei einem EKG-Schreiber. Das war seine Art, die Töne zu sehen, da er keine Noten kannte. Schon beim ersten Anhören war für ihn die Melodie wie ein gelöstes Rätsel, wie ein 3DBild, bei dem sich nach längerem Betrachten eine versteckte Figur herauswölbt. Er hörte sie zum ersten Mal und kannte diese Musik. Er, der bis heute dem Taubengurren in der Hauswand lauschte und dem Streifen des Windes im hochgewachsenen Gras.

Bis zu diesem Tag hatte es für ihn Musik ohne Instrumente gegeben. Das Universum war für ihn in Geräuschquellen aufgeteilt: die des Glücks und die der Qual. Glück waren Hagelkörner an Fensterscheiben. Uhrticken. Tropfende Wasserhähne. Kochwasser. Schritte auf Kies. Das Pfeifen des Windes. Hämmern einer Schreibmaschine. Klappern von Besteck am Porzellangeschirr.

Auszug aus dem neuen, noch unveröffentlichten Roman

Bücher

bibliografie.gif
Vom Ausbleiben der Schönheit.
Roman. Rowohlt Verlag, Berlin 2010

Der Körper meines Bruders.

Roman. Atrium Verlag, Zürich 2007