Grenzgänger

Jenny Erpenbeck:

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte Jenny Erpenbeck in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Sie lebt als freie Autorin und Regisseurin in Berlin.
Heimsuchung
 

Heimsuchung reicht tief in die deutsche Vergangenheit. Eine literarische Spurensuche von stupender Wucht. Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden eine Art kollektives literarisches Gedächtnis des letzten Jahrhunderts, geformt in einer Literatur, die nicht nur großartige Sätze und Bilder zu bieten hat, sondern die auch Wunden reißt, verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt. Worin das Geheimnis dieser Geschichten besteht, woraus sich ihr Glanz, ihre Wucht und ihre eminente Dramatik entfalten, ist schwer zu sagen. Sicher aber ist eins: Mit diesem Buch ist Jenny Erpenbeck ihr Meisterstück gelungen.

Roman
192 Seiten
ISBN: 978-3-8218-5773-2

Bildergalerie

Der Roman handelt von der Identität eines Ortes. Während meiner Recherchereise in Warschau frage ich mich, ob es eine solche Identität tatsächlich gibt – hier, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Ob sich eine solche Identität aus den Längen- und Breitengraden auf der Erdkugel herleiten läßt, aus der Luft, die über einem Ort steht, damals wie heute, aus dem Wetter, das sich grundsätzlich ähnlich geblieben sein wird – oder ob diese Identität in den Häusern, Straßen, Menschen wohnt und mit diesen verschwindet. Ich kann die Frage nicht beantworten. Immerhin, alte Kastanienbäume finde ich im Krasinski-Park, dort, wo der Historiker Ringelblum aus der Kanalisation gekrochen ist, um sich zu retten – Bäume, in deren Geäst mein Blick sich mit dem Blick Ringelblums über die Zeiten hinweg vielleicht trifft. Ich gehe, gehe, gehe – der ehemalige Flohmarkt, der arme Teil des Ghettos, der Umschlagplatz schließlich, ein paar alte Mauern, eine Gruppe von Studenten, und dort, wo die Gleise nach Treblinka führten, Hochhäuser. Ich frage mich, ob ich da leben wollte, in den Hochhäusern, mit Blick auf den Umschlagplatz, im Fundament die Gleise. Ich frage mich, ob man Erinnerung überbauen kann, oder ob sie nicht doch aus einem Material ist, das für alle Zeit seine unsichtbare Spur mitten durch den Beton zieht, sogar noch, wenn sie aus den Gedächtnissen der Menschen verschwunden ist. Ich frage mich, ob das eine Frechheit ist, einen solchen Ort mit erinnerungslosem Leben zu füllen, oder ein Trost – und kann die Frage nicht beantworten.