Jenny Erpenbeck:
Heimsuchung
Der Roman handelt von der Identität eines Ortes. Während meiner Recherchereise in Warschau frage ich mich, ob es eine solche Identität tatsächlich gibt – hier, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Ob sich eine solche Identität aus den Längen- und Breitengraden auf der Erdkugel herleiten läßt, aus der Luft, die über einem Ort steht, damals wie heute, aus dem Wetter, das sich grundsätzlich ähnlich geblieben sein wird – oder ob diese Identität in den Häusern, Straßen, Menschen wohnt und mit diesen verschwindet. Ich kann die Frage nicht beantworten. Immerhin, alte Kastanienbäume finde ich im Krasinski-Park, dort, wo der Historiker Ringelblum aus der Kanalisation gekrochen ist, um sich zu retten – Bäume, in deren Geäst mein Blick sich mit dem Blick Ringelblums über die Zeiten hinweg vielleicht trifft. Ich gehe, gehe, gehe – der ehemalige Flohmarkt, der arme Teil des Ghettos, der Umschlagplatz schließlich, ein paar alte Mauern, eine Gruppe von Studenten, und dort, wo die Gleise nach Treblinka führten, Hochhäuser. Ich frage mich, ob ich da leben wollte, in den Hochhäusern, mit Blick auf den Umschlagplatz, im Fundament die Gleise. Ich frage mich, ob man Erinnerung überbauen kann, oder ob sie nicht doch aus einem Material ist, das für alle Zeit seine unsichtbare Spur mitten durch den Beton zieht, sogar noch, wenn sie aus den Gedächtnissen der Menschen verschwunden ist. Ich frage mich, ob das eine Frechheit ist, einen solchen Ort mit erinnerungslosem Leben zu füllen, oder ein Trost – und kann die Frage nicht beantworten.
Jenny Erpenbeck
Heimsuchung (Roman)
192 Seiten, 12,1 x 21,3 cm
ISBN 978-3-8218-5773-2
Februar 2008
Der Roman handelt von der Identität eines Ortes. Während meiner Recherchereise in Warschau frage ich mich, ob es eine solche Identität tatsächlich gibt – hier, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Ob sich eine solche Identität aus den Längen- und Breitengraden auf der Erdkugel herleiten läßt, aus der Luft, die über einem Ort steht, damals wie heute, aus dem Wetter, das sich grundsätzlich ähnlich geblieben sein wird – oder ob diese Identität in den Häusern, Straßen, Menschen wohnt und mit diesen verschwindet. Ich kann die Frage nicht beantworten. Immerhin, alte Kastanienbäume finde ich im Krasinski-Park, dort, wo der Historiker Ringelblum aus der Kanalisation gekrochen ist, um sich zu retten – Bäume, in deren Geäst mein Blick sich mit dem Blick Ringelblums über die Zeiten hinweg vielleicht trifft. Ich gehe, gehe, gehe – der ehemalige Flohmarkt, der arme Teil des Ghettos, der Umschlagplatz schließlich, ein paar alte Mauern, eine Gruppe von Studenten, und dort, wo die Gleise nach Treblinka führten, Hochhäuser. Ich frage mich, ob ich da leben wollte, in den Hochhäusern, mit Blick auf den Umschlagplatz, im Fundament die Gleise. Ich frage mich, ob man Erinnerung überbauen kann, oder ob sie nicht doch aus einem Material ist, das für alle Zeit seine unsichtbare Spur mitten durch den Beton zieht, sogar noch, wenn sie aus den Gedächtnissen der Menschen verschwunden ist. Ich frage mich, ob das eine Frechheit ist, einen solchen Ort mit erinnerungslosem Leben zu füllen, oder ein Trost – und kann die Frage nicht beantworten.
Jenny Erpenbeck
Heimsuchung (Roman)
192 Seiten, 12,1 x 21,3 cm
ISBN 978-3-8218-5773-2
Februar 2008
Weitere Informationen
Cover des Romans "Heimsuchung"