Grenzgänger

Jo Lendle:

Jo Lendle wurde 1968 geboren und lebt in Köln. 2008 und 2009 erschienen seine vom Feuilleton gefeierten Romane „Die Kosmonautin“ und „Mein letzter Versuch, die Welt zu retten“, 2011 der Roman „Alles Land“ (alle bei DVA).
Die Kosmonautin

Der Roman „Die Kosmonautin“ führt seine Heldin an einen Ort, der nicht ganz von dieser Welt ist. Das gilt fürs ferne, ungreifbare Ziel ihrer Reise – den Mond –, aber auch für den Weltraumbahnhof, auf dem sie den Start ihrer Mission erwartet. Solch ein Durchgangs- und Abschiedsort hat selbst ein bisschen moony zu sein, als Vorgeschmack, als Übergang. Außerdem ist diese Hella Bruns zur Zeit des Romans gerade auch ziemlich en la luna.

Keine Namen also, keine Spezifikationen. Ich beschloss, die Orte des Romans zu erfinden und meiner Heldin nach Abschluss der Niederschrift hinterher zu reisen.

Was lag also näher als die von Übergängen gezeichneten zentralasiatischen Ränder der zerbrechenden Sowjetunion? Die Handlung des Romans spielt in naher Zukunft, fühlt sich aber an wie längst vergangen – solche Zeitkrümmungen trifft man im Postsozialismus leicht. Dort findet sich, in der kasachischen Steppe, der wichtigste Weltraumbahnhof der Erde. Dahin wollte ich.

Baikonur liegt heute in Kasachstan, ist aber russisches Territorium, außerdem militärisches Sperrgebiet etc. Irgendwann hatte ich die Erlaubnisse zusammen und plante, mich einer deutschen Raumfahrtdelegation anzuschließen, die einem Raketenstart beiwohnen wollte. Der verschob sich von Monat zu Monat – nach einem Jahr Warten war ich am Ende des Romans angelangt, ich wollte los.

Roman
192 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, München, Februar 2008
ISBN: 978-3-421-04343-6
ISBN: 978-3-442-74015-4 (Taschenbuch)

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Jo Lendle reiste im Spätsommer 2006 nach Kasachstan, er schreibt:

„Also flog ich auf eigene Faust nach Almaty, in die alte Hauptstadt. Ich hatte keine Ahnung, was zu tun war. Einen Tag lang streifte ich durch die Straßen, am Abend nahm ich eine Seilbahn auf den Berg, um hinunter zu schauen. Oben kam ich ins Gespräch mit einem Baptistenpfarrer, der nach fünf Jahren Mission eben zurück in die Heimat gekommen war.

Er nahm mich mit. Vierundzwanzig Stunden lang mit der Bahn durch unbewegliche Landschaft in die neue, prunksüchtige Hauptstadt Astana zu seinen Eltern. Wir fuhren mit dem Auto zu einer ehemaligen Kolochose an der sibirischen Grenze, wo Freunde von ihm leben (abends versuchten wir ihre Kuh einzufangen, ich lief ein paar Stunden in die Steppe hinaus). Wir ruderten auf dem schönsten Bergsee Kasachstans – weil am nächsten Tag der Präsident erwartet wurde, stand hinter jedem Baum ein Polizist. Wir redeten natürlich unablässig über Gott, von verschiedenen Seiten.

All das vermischte sich, ballte sich zusammen zu kleinen Kugeln, wie sie der Wind durch die Steppe treibt. Manche von ihnen wehen jetzt durch den Roman: Er spielt nicht in Kasachstan, aber Kasachstan spielt hinein.“