Denkwerk
Wissenschaftler im Klassenzimmer! Die studentische Mitarbeiterin Cordula Preiß und Dr. Monika Fritz-Scheuplein vom Unterfränkischen Dialektinstitut der Universität Würzburg beim Schulbesuch in der Kl. 8c der St. Ursula-Schule in Würzburg.





Gruppenarbeit beim UDI-Schulbesuch in der Klasse 8c der St. Ursula-Schule in Würzburg









Die studentische Mitarbeiterin Cordula Preiß gibt den Schülern Hinweise.










Beim jährlichen Fränki-Mini-Kongress präsentieren die Schüler ihre Projektergebnisse. Hier Louis Offner (links) und Michael Schneider von der Klasse 8c des Steigerwald Landschulheims Wiesentheid auf dem Mini-Kongress am 17. Juli 2009 an der Uni Würzburg.




Welche Dialektwörter wählen Unterfranken, wenn sie „wählerisch beim Essen“ sagen wollen? Sonja Grams (links) und Vanessa Spegt von der Klasse 8a des Johannes-Butzbach-Gymnasiums Miltenberg vor den Ergebnissen ihrer Feldforschung auf dem Mini-Kongress.




Die Jury folgt aufmerksam den Schülerpräsentationen. Die Jurymitglieder (v.l.n.r.): OStR Franz Josef Erb (Gymnasiallehrer, Matthias-Grünewald-Gymnasium), Bezirksrätin Christine Bender (Bezirk Unterfranken), Dr. Rainer Meisch (Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur), Prof. em. Dr. Norbert Richard Wolf. Nicht zu sehen ist Louise Baker-Schuster (Projektleiterin Robert Bosch Stiftung).
Kathrin Schmitt von der Klasse 8b des Hermann-Staudinger-Gymnasiums Erlenbach bei der Präsentation zur Hypothese „Frauen sprechen mehr Dialekt als Männer“.







Die Zuhörer auf dem Mini-Kongress: Schüler, Lehrer und Wissenschaftler.










Sprechen Gymnasiasten weniger Dialekt als Hauptschüler? Dieser Frage gingen Felix Rother und Jacqueline Bauer von der Klasse 8a des Hermann-Staudinger-Gymnasiums Erlenbach nach.






Die Jury berät, von links nach rechts: Christine Bender, Dr. Rainer Meisch, Louise Baker, Professor Norbert Richard Wolf, Franz Josef Erb.








Professor Norbert Richard Wolf übergibt den Schülern die verdienten Preise auf dem Mini-Kongress.









Alle Teilnehmer am Mini-Kongress.











„Fränki – Schüler in Unterfranken erforschen ihren Dialekt"

Deutschunterricht und Dialekt passen zusammen

„Dialekt hat nicht den Ruf modern zu sein, und viele denken erst einmal an Komödienstadel“, sagt Almut König, promovierte Germanistin am Unterfränkischen Dialektinstitut (UDI). Und doch ist es ihr und ihrer Kollegin Dr. Monika Fritz-Scheuplein, ebenfalls Germanistin am UDI, gelungen, seit dem Schuljahr 2006/07 jedes Jahr knapp 300 Schüler aus Gymnasien der Region genau dafür zu begeistern.

Das UDI ist der Universität Würzburg angegliedert und die beiden Wissenschaftlerinnen nehmen dort auch Lehraufträge wahr. Über rund 15 Jahre waren sie in einem großen Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft engagiert. Es ging innerhalb des Vorhabens „Bayerischer Sprachatlas“ um den Sprachatlas Unterfranken. Sehr viel Wissen und Kompetenz habe man sich damals angeeignet, erinnern sich König und Fritz-Scheuplein. Die Ausschreibung des Programms „Denkwerk“ der Robert Bosch Stiftung bot dann einen willkommenen Anlass, dieses Know-How auf bisher eher unbekanntem Terrain einzusetzen: Im Deutschunterricht für Schüler der achten Klasse; „Fränki“ war geboren.

Verbindlicher Ablauf durch das ganze Schuljahr

Beide Frauen sagen im Rückblick: „Wir waren nie Lehrer, und wie man ein solches Thema im Unterricht gestaltet, wussten wir anfangs nicht.“ Der Starthilfe-Workshop der Robert Bosch Stiftung habe jedoch große Dienste geleistet, erinnert sich Almut König. Denn die motivierten Wissenschaftlerinnen und interessierte Lehrer aus der Region kamen zusammen und konnten gemeinsam erarbeiten, was „Fränki“ bis heute eine ungebrochene Beliebtheit beschert. „Es geht nicht darum, den Dialekt zu lernen“, erklärt König. „Und wir arbeiten auch ohne die phonetische Umschrift. Aber die Schüler erfahren, wie Dialekt, den sie ja aus ihrem Alltag und ihren Familien kennen, adäquat und wissenschaftlich fundiert beschrieben wird.“ Damit dies allen gleichermaßen gelingt, folgt „Fränki“ einem verbindlichen Ablauf und einem Oberthema durch das gesamte Schuljahr. Bisher waren dies: Dialekt und Werbung, Dialekt und Theater sowie Dialekt und Lyrik.

Feldforschung mit selbst entwickelten Fragebögen

Am Anfang jedes Durchgangs steht die Lehrerfortbildung. Hier geht es um dialektologisches Methodenwissen und das Erarbeiten einer Unterrichtseinheit zum Thema Dialekt, die dann ihre praktische Anwendung in den Schulen findet. Mitarbeiter des Instituts leisten dabei durch Unterrichtsbesuche Hilfestellung, denn der nächste Schritt führt den Nachwuchs das erste Mal an die Universität. Beim UDI-Schülertag erleben die Schüler Vorlesungen und präsentieren erste Ergebnisse aus dem Unterricht. Außerdem bereiten sie ihre Fragebögen für die anschließenden Interviews („Dialekterhebung“) vor.

Damit geht es nun in die echte „Feldforschung“ über einzelne Begriffe und ihre Anwendung im Dialekt. Eine Hypothese ist die Grundlage dafür: Frauen sprechen mehr Dialekt als Männer oder Hauptschüler sprechen mehr Dialekt als Gymnasiasten. Um tatsächlich wissenschaftlich haltbare Ergebnisse zu bekommen, müssen die Jungforscher Techniken lernen und einiges beachten. Nie dürfen sie das eigentliche Wort, um das es geht, vorher sagen. Um zum Beispiel möglichst viele dialektale Begriffe einer bestimmten Frucht zu hören, lautet die Frage: Welche lila Steinfrucht wird gerne für Kuchen verwendet? Oder die Schüler zeigen das selbst gemalte Bild eines Apfels und bitten um den Namen dafür. Auch die Worte Beule oder Sommersprossen eigenen sich bestens: Wenn man sich den Kopf anstößt, bekommt man eine … und: Pippi Langstrumpf hat viele … im Gesicht. „Wir geben den Klassen 15 Begriffe vor, von denen sie mindestens zehn in ihren Fragebogen aufnehmen müssen“, beschreibt Monika Fritz-Scheuplein ihre Vorarbeit. Dazu kommen je nach Ausgangshypothese noch die persönlichen Angaben des Befragten, wie Alter, Wohnort, Beruf und ähnliches, die die Schüler ebenfalls erheben müssen.

Jeder Schüler einer Klasse kann etwas beitragen

Es ist dieser Teil des Projekts, bei dem die enorme Leistung und das große Engagement des Nachwuchses besonders sichtbar werden, so die beiden Wissenschaftlerinnen. „Soziale Kompetenz, Selbstbewusstsein und Teamgeist“ der Schüler steigen beträchtlich, wie sie in den anschließenden Unterrichtsbesuchen während der Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten immer wieder feststellen können. Dazu kommen nun noch weitere Fertigkeiten, die sonst nicht unbedingt zum Schulalltag gehören, wie Diagramme zu erstellen, eine Sprachkarte richtig zu füllen und die Präsentation der Ergebnisse für den abschließenden Mini-Kongress, auf dem die besten Projekte prämiert werden, vorzubereiten.

„Jeder Schüler kann hier etwas finden und tun, das seinem Interesse entspricht“, sagt Monika Fritz-Scheuplein. Denn „Fränki“ ist ein gemeinsames Projekt aller Schüler einer Klasse. Der eher technisch Interessierte glänze eben mit einer perfekten Präsentation der Ergebnisse. In besonderer Erinnerung ist beiden Wissenschaftlerinnen der Schülertag zum Oberthema „Dialekt und Lyrik“: „Die Schüler präsentierten vor einer Jury über 70 selbst geschriebene Gedichte im Dialekt.“ Ein bekannter Nürnberger Mundartautor sei mit dabeigewesen und habe sich nur wundern können über diese Leistungen. Vielleicht beschert ihm „Fränki“ ja bald ernsthafte literarische Konkurrenz?

Projekt im Film