Denkwerk Kunstgeschichte: Bildung durch Bilder
Der Kunsthistoriker Professor Klaus Krüger von der Freien Universität Berlin bringt es auf den Punkt: „Wir haben anschauliche Objekte, die nicht textlich sind. Daher ist die Kunstgeschichte ideal geeignet, um Schülern wissenschaftlich reflektiertes Denken zu vermitteln.“ Seit 2006, nachdem bei einem Starthilfe-Workshop Berliner Lehrer und Vertreter des Kunsthistorischen Instituts zusammenkamen, läuft das Denkwerk-Projekt „Bildung durch Bilder“ für Gymnasien und Oberschulen, teilweise auch Grund- und Realschulen der Hauptstadt. Außerdem beteiligt: Bisher rund 40 Studierende (davon einige „Wiederholungstäter“), die Praktika an den Schulen absolvieren und diese auf einen erfolgreichen Museumsbesuch vorbereiten. Und natürlich das Kunsthistorische Institut selbst mit Institutsleiter Professor Klaus Krüger, der Kunsthistorikerin Karin Kranhold als Organisatorin und Ansprechpartnerin sowie weiteren Dozenten.
Hohes interkulturelles Potential und enorme inhaltliche Breite
„Die Kunstgeschichte ist kein Schulfach, aber sie eröffnet ein immenses Spektrum an Vermittlungsmöglichkeiten, eine riesige Vielfalt an Epochen und Gegenständen“, erklärt Professor Klaus Krüger. Ob christliche Altarbilder, antike Statuen, Gründerzeitarchitektur, Design der DDR oder Videoclips von Madonna - Kunst bietet unendlich viele Anknüpfungspunkte mit einem „hohen interkulturellen Potential“, so Krüger. Über ein religiöses Bilderverbot zum Beispiel, aktuell im islamischen Kontext diskutiert, wurde auch in der christlichen Spätantike heftig gestritten.
Die enorme inhaltliche Breite der Kunstgeschichte erfordert einen guten Austausch mit den Schulen. „Wir bieten keine vorgefertigten Module, sondern stimmen uns intensiv mit den Lehrerinnen und Lehrern ab“, sagt Karin Kranhold. Und es sind beileibe nicht nur die Kunsterzieher, die das Angebot nutzen. Geschichte, Deutsch, Latein, Religion sind stark vertreten oder auch fächerübergreifende Projekte, wie zum Beispiel zur Architektur des eigenen Schulgebäudes, das 100 Jahre alt wird. Ausgestattet mit den Informationen und Eindrücken eines Museumsbesuchs gestalteten Schüler und Lehrer einen Flyer über die Geschichte des Gebäudes und eine Internetpräsentation, die dann beim großen Schulfest zum Einsatz kam. Mit der eigenen Einrichtung hatte auch ein Vorhaben der Peter-Paul-Rubens-Schule, einer Grundschule in Berlin-Schöneberg, zu tun. Die Schüler einer sechsten Klasse lernten den Namenspatron und die Besonderheiten der flämischen Malerei in der Gemäldegalerie kennen. Die anschließend selbst erarbeiteten Werkbeschreibungen präsentierten sie stolz und in sechs Sprachen beim Schulfest als Audio-Guide.
Ovid, Venus und die Museumsinsel
Ganz klassisch geht es zu, wenn ein Grundkurs Latein sich in der Gemäldegalerie vor Originalen Ovids Metamorphosen nähert. Wie unterscheiden sich Bild und Text? Kann ein Bild mehr oder anderes leisten als der Originaltext? Ist ein Bild eine direkte Übersetzung oder nicht? Hat der Künstler überhaupt den Text vor sich, wenn er das Kunstwerk schafft? Vor allem die Frage, warum der „alte“ Ovid so oft als Vorlage der Künstler diente? Die Schüler einer achten Lateinklasse der Beethoven-Schule Berlin-Lankwitz dagegen überprüften an den mythologischen Skulpturen im Park Sanssouci ihre bisherigen Kenntnisse der antiken Götterwelt. Merkur, Venus und Mars wurden dafür intensiv unter die Lupe genommen. Und der Geschichtskurs der Marie-Curie-Oberschule aus Wilmersdorf bewegte sich mit seinem umfangreichen Projekt zur „Herrschaftsrepräsentation am Beispiel der Berliner Architektur“ schon wieder in der Neuzeit, im 19. und 20. Jahrhundert. Von der Entstehung der Museumsinsel mit der Alten Nationalgalerie als Nationaldenkmal bis zur Architektur des Nationalsozialismus, vom Konflikt Palast der Republik vs. Wiederaufbau Stadtschloss bis zu den neuen Botschaftsbauten - der Nachwuchs erschloss sich Geschichte auf einem ungewöhnlichen Weg. Andere Schüler haben ebenfalls etwas davon, denn ein Ergebnis waren selbst gestaltete und organisierte Exkursionen der Wilmersdorfer für jüngere Klassen.
Erfolgreiche Denkwerker erhalten zusätzliche Mittel
Eine zentrale Rolle bei all diesen Vorhaben spielen Studenten der Kunstgeschichte. Sie absolvieren Unterrichtspraktika als Teil ihres Studiums und bereiten Schüler wie Lehrer auf die Begegnung und sinnvolle Nutzung der Kunst vor. „Unsere Studierenden haben keine didaktische Ausbildung und sie lernen hier das selbständige Arbeiten“, so Karin Kranhold. Daher profitieren sie von den Vorbereitungen im Unterricht genauso wie die Besucher aus den Schulen - eine win-win-Situation. Weitere Angebote des Kunsthistorischen Instituts sind Fortbildungen für Lehrer (Wie können kunsthistorische Angebote in den Unterricht eingebaut werden?), ein Methodenseminar zu den Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens für Schüler sowie die Möglichkeit, bereits als Schüler am E-Learning der Bachelor-Studenten teilzunehmen. Auch die Universitätsleitung und der Berliner Senat sind auf die erfolgreichen Kunstgeschichts-Denkwerker aufmerksam geworden. Ein großes Projekt, das Judaistik und Islamwissenschaften mit ins Boot holt, erhielt zusätzliche finanzielle Förderung. „Unser Anlaufexperiment ist gelungen“, sagt Professor Klaus Krüger. Es sei klar, „dass die Schüler früher an die Universität herangeführt werden müssen. Wir zeigen, wie es funktionieren kann.“ Und so wird man sicher nicht lange warten müssen, bis einer der jungen und nun geschulten Kunstkenner sich tatsächlich für das Studium einschreiben wird.