Denkwerk
Zu Beginn des Projekt-Workshops am Tassilo Gymnasium in Simbach an der Inn erklärt Sebastian Kühnel, wissenschaftlicher Projektmitarbeiter, den Schülern unterschiedliche Fragetypen.






Die Schüler hören weitergehenden Erläuterungen zu.










Professor Dr. Gerd Strohmeier, der Projektleiter, im Gespräch mit den Schülern.









Schülerinnen vom Tassilo Gymnasium analysieren ein Interview mit einem Abgeordneten. Sie werden dabei von dem Lehrer Christian Raps unterstützt.







Im Team kann man Ergebnisse besser hinterfragen und diskutieren.










Die Schüler werten ihre Ergebnisse gemeinsam aus.










Schüler vom Karl-von-Closen Gymnasium Eggenfelden werten ihre Interviews aus.









Die Wissenschaftler geben den Schülern wertvolle Tipps und Anregungen.









Konzentrierte Gruppenarbeit.











Ein transkribierter Fragebogen eines schwedischen Interviews.










Die Projektkoordinatoren: Professor Dr. Gerd Strohmeier, Sebastian Kühnel und der Lehrer Christian Raps.








"Die politischen Auswirkungen von Wahlsystemen"

Wissenschaft mit hoher praktischer Relevanz

Die Stimme von Professor Gerd Strohmeier wird sehr leidenschaftlich, wenn er sagt: „Den Elfenbeinturm finden Sie bei meiner Arbeit nicht! Unsere Forschung ist zu 100 Prozent praxisnah und aktuell.“ Und damit ideal, um in einem Denkwerk-Projekt Lehrer und Schüler an das (geistes-)wissenschaftliche Arbeiten heranzuführen. Das beweist der 34-jährige Politikwissenschaftler Strohmeier (früher an der Universität Passau, heute mit Lehrstuhl an der TU Chemnitz), wenn sich unter seiner Leitung Lehrer und ausgewählte Oberstufenschüler dreier Gymnasien rund um Passau mit unterschiedlichen Wahlsystemen und ihren politischen Auswirkungen beschäftigen und dafür quer durch Europa unterwegs sind.

Erfahren habe er vom Programm der Robert Bosch Stiftung auf dem „klassischen Weg“, erinnert sich Strohmeier, über den Universitätsverteiler. „Ich war sofort fasziniert von der Idee, eine Brücke zu schlagen zwischen Schule und Universität, und bin auf Christian Raps, Studienrat am Tassilo Gymnasium in Simbach am Inn und heutiger schulischer Projektleiter, zugegangen, der ebenfalls von dem Projekt begeistert war.“ Denn Strohmeier weiß, voran sein Fach und die Geisteswissenschaften insgesamt leiden: „Es gibt ein breites Berufsfeld, aber kein konkretes Berufsbild, an dem man sich orientieren kann“, erklärt er. Dabei habe innerhalb der Politikwissenschaft gerade das Thema Wahlsysteme eine hohe praktische Relevanz, mit der man den Nachwuchs an die Forschung heranführen könne.

Wir gehen über das Niveau, das Schule leisten kann

Eben dieser Nachwuchs musste sich erst in Auswahlgesprächen mit Wissenschaftlern und Lehrern für die 20 Plätze des Projekts qualifizieren. „Wir bieten den Schülern sehr viel und wollen dementsprechend die Besten haben“, sagt Strohmeier. Dabei zählten nicht nur die Noten, sondern auch Persönlichkeit und Motivation spielten eine wichtige Rolle. Strohmeier formuliert die wissenschaftlichen Ziele ganz klar: „Wir knüpfen am Schulunterricht an, setzen ihn aber nicht einfach fort, sondern heben die Schüler deutlich über das Niveau, das Schule leisten kann.“

Dabei macht aber auch der Wissenschaftler einen Schritt auf die Schüler zu und gewinnt selbst neue Erfahrungen. „Man muss sich in der Mitte treffen; die Sprache wird einfacher, die Erklärungen werden breiter und tiefer.“ Zumindest am Anfang. Denn was die jungen Leute im Verlauf des Projekts während eines Schuljahres leisten, beschreibt Strohmeier voller Begeisterung: „Es ist fantastisch, die fachliche Entwicklung und Persönlichkeitsbildung der Schüler zu erleben sowie die jeweiligen Reifungsprozesse zu begleiten.“ Dazu tragen, neben den intensiven wissenschaftlichen Inhalten, laut Strohmeier „Steinbrucharbeit“, vor allem die Seminarreisen der Truppe bei. Wer mit Bundestagspräsident Norbert Lammert diskutiert oder vom Master eines angesehenen englischen Colleges in Robe zum Formal Dinner empfangen wird, hat nicht nur inhaltlich viel geleistet, sondern auch gelernt, auf hochrangigem und internationalen Parkett zu bestehen.

Wissenschaftliche „Steinbrucharbeit“ und lernen, anders zu lernen

Doch vor und nach den Reisen kommt eben jene „Steinbrucharbeit“, die die notwendige Grundlage jedes wissenschaftlichen Arbeitens darstellt. Für Schüler und Lehrer waren dies vor allem gemeinsame Workshops mit den Wissenschaftlern. Am Anfang steht wie üblich eine These: Das Wahlsystem hat Auswirkungen auf das Verhalten der Abgeordneten, vor allem in Sachen Kommunikation. Um sie zu untermauern, braucht es das wissenschaftliche „Handwerkszeug“. Das heißt Methoden wie wissenschaftliche Interviews kennenlernen und einüben, wissenschaftliche Recherchen betreiben, vor allem aber: „lernen, anders zu lernen“, so Strohmeier.

Der nächste Schritt diente schon der Vorbereitung der Studienreisen. An Mitschülern, Studierenden, schließlich Dozenten testeten die Schüler die selbst entwickelten Interviewfragen, die sie später den Abgeordneten (im ersten Jahrgang des Projekts in Deutschland und Großbritannien, die zweite Gruppe nimmt Frankreich, Österreich und Schweden ins Visier) stellen werden. Und nach der Reise mussten alle Informationen abgetippt, analysiert und interpretiert werden. Neu für die Schüler und besonders wichtig bei der Auswertung, so Strohmeier, sind das „Zwischen-den-Zeilen-lesen“ und das Erkennen spezifischer „Antwortmuster“.

Alle haben profitiert, aber die Schüler stehen im Mittelpunkt

Strohmeier schwärmt vom beeindruckenden Engagement aller Beteiligten. So sei zum Beispiel die Auswertung nahezu komplett in der Freizeit der Schüler und Lehrer erfolgt. „Mit Dienst nach Vorschrift ginge all das gar nicht“, sagt Strohmeier, der meint, „wir sind zu einer Forschergruppe herangereift. Alle haben maßgeblich davon profitiert, aber die Schüler stehen natürlich im Mittelpunkt.“ Neben den Techniken wissenschaftlichen Arbeitens und dem ersten prägenden Eindruck von einem künftigen Studienfach nehmen sie auch viele praktische Erfahrungen mit. Von einer sorgfältigen und guten Reiseplanung, über das Sich-Zurechtfinden in einem Parlament bis hin zu einer bis dato unbekannten Netzwerkpflege auf mehreren Ebenen: zwischen Schule und Universität, zwischen Deutschland und Großbritannien, zu Abgeordneten, zu Studierenden, und, und, und. Zu all dem gesellt sich die Erkenntnis, dass man tatsächlich „fürs (Berufs-)Leben lernt“. Und wenn dazu auch noch ein Ausflug in ein altehrwürdiges englisches College gehört, kommt fast ein wenig „Harry-Potter Feeling“ auf – ganz ohne Zauberei, dafür mit echtem eigenem Einsatz.