Denkwerk
Der Student H. Fiedler verbindet Gegenwart und Vergangenheit: Er erklärt den anwesenden Schülern einer 5. Klasse die politische Geschichte des Modernen Orients.







Die Studentin Kerstin Feller erläutert, wie sich Keilschriftzeichen aus frühen figürlichen Zeichenformen entwickelt haben.








Professor Dr. Hartmut Kühne zeigt die Verwendung des Rollsiegels - für die Keilschriftkulturen mit ihren Tontafeln ein wichtiges Mittel zur Autorisierung von Dokumenten und Vorgängen (vergleichbar unserer persönlichen Unterschrift).





Die Schüler rollen das Siegel selbst ab.










Wie kommt der Keil in den Ton? Die Studentin Kerstin Frick begleitet Schülerinnen bei den ersten Schreibversuchen.








Professor Dr. Eva Cancik-Kirschbaum, die Projektleiterin, überlegt mit zwei Schülern, wie denn nun der eigene Name in dieser Schrift geschrieben wird.







So viele Zeichen, die sich auf den ersten Blick so ähnlich sehen!










Konzentriert schreiben die Schüler auf ihre Tontafeln.










„Alter Orient und Europa. Von der Gegenwart der Vergangenheit"

Der Gegenstand passt in jedes Schulfach

„Guckt auf Eure Uhr, und ihr seid im Orient“, sagt Professor Eva Cancik-Kirschbaum immer wieder gerne zu einer der vielen Klassen, die in das Institut für Altorientalistik der Freien Universität Berlin kommen. Denn die Einteilung einer Minute in 60 Sekunden und einer Stunde in 60 Minuten geht auf den Alten Orient zurück. Erst sehr viel später, als diese Einheiten nicht mehr ausreichten, wurden die Zehntel- oder Hundertstelsekunde „erfunden“. Nur ein kleines Beispiel einer langen Liste von Sitten, Gebräuchen, Regeln und Eigenarten der Gegenwart, deren Ursprung weit zurückreicht - eben bis in den Alten Orient.

Doch diese Epoche wurde im Unterricht immer weiter zurückgedrängt und hat heute keinen Platz mehr in den Lehrplänen der Schulen, was der Altorientalistin Cancik-Kirschbaum Unbehagen bereitet und zu einem Motiv ihres Engagements als „Denkwerkerin“ wurde. Das zweite: Sie wollte die Chance nutzen das „Außerschulische Lernen“ der Berliner Schulen mitzugestalten; weg vom bloßen Museumsbesuch und dafür hin zu „einem aktiven Eindringen in Kultur anhand eines Gegenstands, der in jedes Schulfach passt, der aber nie in der Schule vorkommt und damit unbelastet ist“. Und das, obwohl die Region (der Mittlere und Nahe Osten) in der Gegenwart vor allem negativ wahrgenommen wird. „Bomben, Extremisten, Kriege“ würden viele - nicht nur Schüler - vor allem damit verbinden.

Praxis an der Universität und großer Einsatz der Lehrer

Der Nachwuchs aller Schultypen von Klasse 5 bis zum Abitur in Berlin hat seit zwei Jahren die Chance, dieses Bild zu revidieren. Wenn sie zum Beispiel einen Uni-Besuch machen, der mit einer Präsentation beginnt und danach immer eine praktische Arbeitsphase beinhaltet, sei es das Lernen und Schreiben der Keilschrift auf Tontafeln, die Arbeit an einem Quellentext, der Umgang mit archäologischen Objekten wie auch mit hochmodernen Instrumenten der Dokumentation und Darstellung oder die Konfrontation mit Originalen im Museum.

Ganz wichtig ist aus Sicht der Wissenschaftlerin die für die meisten Schüler neue Erkenntnis, „dass wir keine Einzelkämpfer sind, die im Elfenbeinturm vor sich hinforschen. Wir sind auch vor Ort in den Ländern und wir arbeiten im Team und ständigen Diskurs, zum Beispiel bei Denkwerk mit meinen Kollegen aus der Archäologie und dem Museum.“ Die enge Verbindung zwischen Universität und Museum in ihrem Fach sei etwas besonderes. „Wir sind aber kein Unterhaltungsprogramm oder ein exotischer Ausflug“, sagt Eva Cancik-Kirschbaum deutlich. Die sinnvolle Vorbereitung von Lehrerseite sei sehr wichtig. „Wenn wir da keine engagierten Partner hätten, würde es nicht funktionieren.“

Einige dieser Lehrer hatte sie bereits im Starthilfe-Workshop der Robert Bosch Stiftung kennen gelernt. Es war anfangs nicht ganz einfach, die Möglichkeiten der Wissenschaft mit den Erwartungen und teilweise Sorgen der Pädagogen vor zusätzlicher Arbeit in Einklang zu bringen. Doch Cancik-Kirschbaum bricht eine Lanze für die Lehrer: „Es sind ja gerade die Engagierten, die mitmachen. Doch sie sind manchmal am Rande der physischen Erschöpfung und müssen sich sogar vor Schulleitung oder Eltern dafür rechtfertigen, dass sie ein Thema aufgreifen, das nicht im Lehrplan steht.“

Gemeinsam an der Vergangenheit der Menschen arbeiten

Der Alte Orient lässt sich in einem Ausmaß in den Unterricht integrieren, das verblüfft. „Wir können an jedem Fach andocken und die Übertragung möglich machen“, so die Altorientalistin Cancik-Kirschbaum. Ob alte Seifen- und Parfumrezepte in Chemie, Knochenfunde in Biologie, das Zahlensystem in Mathematik, Götter und Riten für den Religionsunterricht, Agatha Christies Krimis aus der Region im Fach Englisch oder das Verhalten der Herrscher damals und ihre Vereinnahmung durch die Mächtigen heute in Politik und Gemeinschaftskunde - fast alles ist möglich und eigene Projekttage mehrerer beteiligter Schulen beweisen, wie nah der Alte Orient an unser heutiges Leben herangeholt werden kann.

Quasi eigene Landesgeschichte erleben dabei viele Schüler mit Migrationshintergrund - ein weiterer Aspekt, der dieses Denkwerk-Projekt zu einem besonderen macht. Wenn Schüler arabischer oder iranischer Herkunft ihren Klassenkameraden beim Lernen der Keilschrift zeigen, dass sie bereits eine völlig andere Schrift beherrschen, steigen ihr Ansehen sowie das eigene Selbstbewusstsein enorm. „Gemeinsam an der Vergangenheit der Menschheit arbeiten“ - so formuliert es Eva Cancik-Kirschbaum –- fördert in der Gegenwart die Völkerverständigung und den Respekt für das scheinbar Fremde, das doch so viel mit einem selbst zu tun hat.

Lebende Infotafeln und Glückwünsche in Keilschrift

Die Wissenschaftlerin ist begeistert, welchen Einsatz sie und ihre Mitarbeiter (Dozenten, aber auch Studierende als Praktikanten und Betreuer) von den Schülern erleben. So zum Beispiel als im Zuge einer großen Babylon-Ausstellung Schüler aus verschiedenen Oberstufenkursen zu „Live-Speakers“ ausgebildet wurden. Sie eigneten sich Fachwissen zu einem bestimmten Ausstellungsobjekt an und standen den Besuchern in der Ausstellung mehrere Wochenenden als lebende Informationstafeln Rede und Antwort. Oder die Fünft- und Sechstklässler, die voller Neugier und Experimentierfreude Scherben zusammensetzen und Keilschrift üben, bis hin zu einem „Herzlichen Glückwunsch, liebe Oma“, das sie dann voller Stolz in der Familie vorführen können. Oder der Abiturient, der sich als frei wählbare fünfte Prüfungskomponente im Abitur mit der Mathematik des Alten Orients beschäftigte und im Tandem mit einem studentischen Partner an der Universität arbeitete. „Mit dieser Leistung wäre er sofort ins vierte Semester gekommen“, erinnert sich Cancik-Kirschbaum. Ihr besonderer Blick gilt aber immer wieder den Lehrern. „Hier müsste man noch viel mehr tun, um sie zu entlasten. Denn oft fehlt ihnen nur ein wenig Handlungsspielraum, um solche Projekte durchzusetzen.“ Und dabei zeigen die glücklichen Gesichter ihrer Schüler immer wieder, wie gut ihnen die Begegnung mit dem Alten Orient tut.