Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Der Edelmann als Bürger

Adelbert von Chamisso hatte mehr Glück als viele politische Emigranten unserer Tage. Der gebürtige Franzose fand eine neue Heimat in Berlin, er baute sich eine bürgerliche Existenz auf, wurde noch zu Lebzeiten als Dichter deutscher Sprache und im internationalen Wissenschaftsbetrieb als Naturforscher anerkannt. Doch Chamisso vergaß nie, wie wenig selbstverständlich sein Einwandererschicksal war.

Mit elf Jahren wurde der Grafensohn aus einer heilen Kindheitswelt in die Kriegswirren nach der Französischen Revolution hineingezogen. »Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land irrend, ohne Bindungen, ohne Vaterland, fast ohne Hoffnung, die Stütze der Elenden, habe ich das Unglück kennengelernt; kaum war es mir vergönnt, den Erzeugern meiner Tage nützlich zu sein. An ihr Schicksal gebunden und ihren Schritten folgend, habe ich Brabant, Holland, das Reich durchmessen; überall bot sich ein Bild des Unglücks meinen Augen; überall fand ich Landsleute von allerhöchstem Rang ins Elend gestürzt«, heißt es in einem Schulaufsatz Chamissos. Vier Jahre irrte die Familie durch Europa, ehe sie 1796 in Berlin eine dauerhafte Zuflucht fand. Vorher waren die bis heute üblichen Schwierigkeiten zu bestehen: Die preußische Polizei drohte den unerwünschten Gästen mit Abschiebung. Doch der alte Adelstitel der Chamissos galt noch etwas im konservativen Preußen, das sich am ersten Koalitionskrieg gegen die französischen Revolutionsheere beteiligt hatte. Die Familie fand in Berlin Anschluß an die französische Kolonie der Hugenotten und an den preußischen Hof. Adelbert konnte das Französische Gymnasium besuchen, diente als Page bei der Königin und trat 1798, mit siebzehn Jahren, als Fähnrich in die preußische Armee ein. Den Stammsitz der Familie, Schloß Boncourt in der Champagne, hatte der französische Staat beschlagnahmt und 1793 zum Abbruch durch die Bauern der Gegend freigegeben.

Ich träum als Kind mich zurücke
Und schüttle mein greises Haupt;
Was sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
Die lang ich vergessen geglaubt?

beginnt ein großes Gedicht von Chamisso mit dem Titel Das Schloß Boncourt. Es beschwört die verlorenen Orte der Kindheit: die malerischen Türme und Zinnen der Burg, die Steinbrücke zum Tor, die Wappenschilder und den Feigenbaum im Schloßhof, schließlich die Gräber der Vorfahren in der Burgkapelle. In den letzten drei Strophen nimmt das Gedicht jedoch eine unerwartete Wendung:

So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn,
Und bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o teurer Boden,
Ich segne dich mild und gerührt,
Und segn’ ihn zwiefach, wer immer
Den Pflug nun über dich führt.


Mit dieser Geste der Aussöhnung könnte das Gedicht enden. Doch bei der melancholischen Schickung ins Unvermeidliche mochte es Chamisso nicht belassen:

Ich aber will auf mich raffen,
Mein Saitenspiel in der Hand,
Die Weiten der Erde durchschweifen,
Und singen von Land zu Land.


Für den Emigranten gibt es kein Zurück in den Zustand vor der Flucht oder Vertreibung, es sei denn in der Erinnerung: Von diesem Bewußtsein war der Dichter Chamisso durchdrungen – und vom Willen, etwas in die Zukunft weisendes aus seiner Lebensgeschichte zu machen. Dieses Motiv findet sich auch in seinem bekanntesten Werk, in Peter Schlemihls wundersamer Geschichte. Mit dem Mann, der seinen Schatten verkauft hat, geht es so lange bergab, wie er sich an die Hoffnung klammert, er könne wieder in seinen alten Zustand zurückkehren. Am Wendepunkt der Geschichte verzichtet Schlemihl auf den Reichtum und seinen Schatten, wird dafür mit dem Zufallsgeschenk der Siebenmeilenstiefel belohnt und findet seine neue Lebensaufgabe als Naturforscher. Die romantischen Märchenmotive täuschen nicht darüber hinweg, daß dies eine Story aus dem Geist der Aufklärung ist: Der Held befreit sich vor allem durch Einsicht und eigene Anstrengung aus der selbstverschuldeten Misere. Wie Schlemihl fühlte sich der Deutschfranzose Chamisso in Berlin viele Jahre als Außenseiter der Gesellschaft. Als 1806 die Truppen Napoleons in Preußen einmarschierten, verschärfte sich seine Isolation. Zwei Jahre später quittierte er den Dienst in der preußischen Armee. Peter Schlemihls wundersame Geschichte schrieb Chamisso im Sommer 1813 auf einem Landgut in Brandenburg, wo ihn Freunde wegen der aufgeheizten Volksstimmung während der Befreiungskriege gegen Napoleon versteckten. Kurz zuvor hatte sich Chamisso entschlossen, statt der Literatur die Naturwissenschaften zu seinem Hauptberuf zu machen. Es scheint paradox und hat doch seine Folgerichtigkeit, daß Chamisso, bis zu diesem Zeitpunkt ein epigonaler Verseschmied, ab diesem Zeitpunkt zu einer eigenständigen Stimme der Weltliteratur geworden ist.

In den Jahren 1815 bis 1818 reiste Chamisso als Naturforscher auf einem russischen Expeditionsschiff rund um die Welt. Dieses Abenteuer und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sicherten dem Außenseiter eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, die er bis dahin nur im engeren Kreis von Freunden erfahren hatte. Eine Anstellung im Botanischen Garten von Berlin ermöglichte es ihm, eine Familie zu gründen. Aus dem mißtrauisch beäugten Immigranten mit Adelstitel wurde ein geachteter preußischer Bürger. Chamisso selbst war sehr stolz, daß er seinen bescheidenen Wohlstand nicht Adelsprivilegien verdankte, sondern sich alles selbst erarbeitet hatte:

Willst deines Hauses Glanz du aufrecht halten –?
Laß rosten deiner Väter Schild und Schwert;
Die tun es nicht, die geben nicht den Wert,
Die Zeit ist abgelaufen, wo sie galten.
Das Neue wird. Das Alte muß veralten.
Die Meinung hat im Lichten sich verklärt
Und von der rauhen Faustkraft abgekehrt,
Das Wort ist’s, der Gedanke, welche walten.

Der liberale Bürger Chamisso träumte von einer Welt, die sich nicht durch Kriege und Revolutionen, sondern im Streit der Meinungen fortentwickelte. »Die Mauern von London mit ihren politischen Plakaten sind für den Fremden, der seinen Augen nicht traut, das märchenhaft wundersamste, das unglaublichste Buch, das er je zu sehen bekommen kann«, schreibt er voller Bewunderung in seinem Lebensbericht Reise um die Welt. Für jede Form von Zensur hatte Chamisso nur Verachtung übrig. Selbst ein Opfer der Französischen Revolution, wurde er als erwachsener Bürger zum poetischen Anwalt ihrer Ideale. Neben Schauerballaden und Liebeslyrik verfaßte Chamisso politische Gedichte von großer Härte. Der Invalid im Irrenhaus heißt eines, ein Sinnbild des Verrats der herrschenden Königshäuser an ihren Untertanen. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon hatten sie ihren Völkern größere Freiheiten versprochen, doch auf den Triumph folgte eine Phase der politischen Restauration. In Chamissos Gedicht lehnt sich ein Soldat, der in der Völkerschlacht bei Leipzig verwundet wurde, dagegen auf:

Schrei ich wütend noch nach Freiheit,
Nach dem bluterkauften Glück
Peitscht der Wächter mit der Peitsche
Mich in schnöde Ruh zurück.

Ähnlich drastisch sind Chamissos sozialkritische Gedichte. So schildert er in Der Bettler und sein Hund die Not eines Armen, der die Hundesteuer nicht bezahlen kann. Der Mann bringt es nicht über sich, das Tier zu ersäufen – lieber bindet er sich selber einen Stein um den Hals und springt ins Wasser:

Er ward verscharret in stiller Stund,
Es folgt’ ihm winselnd nur der Hund,
Der hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist verreckt.

Mit solchen Versen bereitete Chamisso der kämpferischen Vormärzliteratur den Weg, ohne sich ausdrücklich als politischer Dichter zu definieren. Als Herausgeber des Deutschen Musenalmanachs in den letzten Lebensjahren förderte er junge Talente wie Ferdinand Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben und setzte sich für den in Deutschland verbotenen Heinrich Heine ein. Das führte zum Bruch mit seinem Mitherausgeber Gustav Schwab, der den »Heineschen und jungdeutschen Teufelsdreck« verabscheute. Heine im Pariser Exil seinerseits rühmte den älteren Chamisso als einen der »eigentümlichsten und bedeutendsten modernen Dichter«, der »weit mehr dem jungen als dem alten Deutschland« angehöre.

Aber Chamissos Lyrik paßt in keine literaturhistorische Schublade, dazu war ihr Schöpfer viel zu eigensinnig und weltläufig. Ständig bewegte er sich zwischen den Sprachen und Kulturen. Als erster hat er Gedichte von Hans Christian Andersen aus dem Dänischen übersetzt. Er übertrug Volkspoesie aus exotischen Sprachen erstmals ins Deutsche und arbeitete viele Jahre an einem hawaiianischen Wörterbuch. »Es gibt eine ursprüngliche Poesie, die dem Menschen einwohnt, wie die Stimme den Vögeln. Das Volk läßt sich von unbefugten Vorsängern nicht verleiten, sondern bleibt seinen Liedern getreu«, schreibt Chamisso im Vorwort zu Gedichten »in malaiischer Form«. Die Lieder konnten von der Natur oder der Liebe handeln, aber auch von sozialen Spannungen, wenn diese den Alltag bestimmten. Chamisso sah keinen unüberwindlichen Wesensunterschied zwischen Naturpoesie und politischer Lyrik – für ihn war entscheidend, ob sie in poetischer Form etwas Wesentliches über das Leben eines Volkes zum Ausdruck brachten.

Das Ideal des Poeten verkörperte für Chamisso der französische Chansondichter Jean Pierre de Béranger. Ähnlich freche Lieder wie seine hätte Chamisso gern in Deutschland gehört. Eine umfangreiche Übertragung von Gedichten Bérangers war Chamissos letztes großes Werk vor seinem Tod. »Gesinnung und Charakter sind eben die Wurzeln seiner Poesie, ohne dieselben würde er nur ein Mann von Talent sein, wie es deren andere gibt, nicht der Dichter, der alle überragt« – dieser Satz Chamissos über Béranger gilt auch für ihn selbst.

»Wenn ich mich selbst nicht reich schreiben kann, so kann ich doch Andre reich machen«, berichtet Chamisso 1838 – in seinem Todesjahr – einer Freundin. Er schrieb zwei einfühlsame Gedichte über eine greise Berliner Waschfrau, die ihre drei Kinder weitgehend allein großgezogen hatte und nun ohne Altersversorgung war. Chamisso ließ die Gedichte auf Loseblätter drucken und zu Gunsten der Frau verkaufen. 150 Taler kamen so zusammen, eine stattliche Summe. Der Sohn eines französischen Grafen, der geachtete Bürger, der weltberühmte Wissenschaftler Adelbert von Chamisso blickte voller Demut auf die einfache Arbeiterin:

Und ich, an meinem Abend, wollte,
Ich hätte diesem Weibe gleich,
Erfüllt, was ich erfüllen sollte
In meinen Grenzen und Bereich;
Ich wollt, ich hätte so gewußt,
Am Kelch des Lebens mich zu laben,
Und könnt am Ende gleiche Lust
An meinem Sterbehemde haben.

Text von Michael Bienert

Weitere Informationen

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Adelbert von Chamisso,
Jugendbildnis eines unbekannten Künstlers
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»Auf der Weltreise«
Illustration zu Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1835
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Papilio chamissonis.
Zahlreiche Pflanzen und Tiere, die Chamisso entdeckt und bestimmt hat, tragen seinen Namen.
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Adelbert von Chamisso,
R. Schoebel nach einem
Gemälde von Robert Reinicke