Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Ota Filip

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1986

1930 in Ostrava/ČSR geboren. Nach Abitur und Journalistik-Studium Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und im Rundfunk, 1960 bis Ende 1967 Hilfsarbeiter. In dieser Zeit begann er aus Langeweile den Roman Café an der Straße zum Friedhof zu schreiben, für den er 1967 den Großen Preis der Stadt Ostrau erhielt. Tätigkeit als Verlagslektor, ein Jahr nach der Okkupation der Tschechoslowakei wegen Unterwühlung der sozialistischen Gesellschaft zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. 1974 wurde er mit seiner Familie ausgebürgert und lebte in München, seit 1995 in Murnau am Staffelsee; er schreibt für deutsche und seit 1989 auch für tschechische Zeitungen. 2011 hatte er die Chamisso-Poetikdozentur an der Technischen Universität Dresden inne.

Auszeichnungen:
Literaturpreis der Stadt Ostrau 1967
Andreas-Gryphius-Preis 1991
„Die Löwenphote“, erster Münchner Großstadtpreis für Literatur 1991
Stipendium der Villa Massimo in Rom 1999
Tschechischer Staatsorden für Verdienste um die tschechische Literatur 2012

Leseprobe

Wenn ich deutsch schreibe oder mich vorbereite deutsch zu lesen, überfällt mich immer öfters eine besonders beklemmende Art von metaphysischer Angst, dass ich mein Tschechisch verliere, leichtsinnig aufgebe, dass ich auf eine seltsame Art und Weise sprachlich zerspringe. Und wenn ich tschechisch schreibe, zu viel tschechisch rede oder lese, fühle ich, wie aus mir mein angelerntes Deutsch entweicht, wie die Luft aus einem Ball.
Unlängst stand ich in der einst deutschen, allerdings böhmisch-königlichen Stadt Žatec vor dem altwürdigen Rathaus, in dem Anfang des 15. Jahrhunderts der Ackermann von Böhmen deutsch gedichtet wurde, hörte die Leute tschechisch reden und plötzlich, weil ich vergessen hatte, wo ich war, schoss mir durch den Kopf:
Mein Gott, gibt es aber hier viel Tschechen! Wo kommen die alle nur her?
Auch nach einem Vierteljahrhundert in Deutschland passiert es mir in München oder in einer anderen deutschen Großstadt, dass ich auf der Straße, von der deutschen Sprache umringt, erschrocken stehen bleibe, mich von der fremden Sprache aus unerklärlichen Gründen eingeschlossen, erdrückt oder wie gefangen fühle und mich frage:
Um Gottes Willen, wo bist du? Und wieso bist du, ein Fremder, hier, wo doch alle nur deutsch reden?
Mit meinem fortschreitenden Alter verliere ich die Lust oder sogar den Mut, tschechisch zu schreiben und nicht selten muss ich mich mit Gewalt überwinden, um etwas deutsch zu tippen.
Ich habe die Flucht in die deutsche Sprache angetreten, und als mein Fluchtweg – ungefähr vor fünfzehn Jahren – zu Ende war und ich mich im Deutschen als Fremdsprache fast wie zu Hause fühlte, entdeckte ich die Schönheiten meiner Muttersprache wieder.
Mir kommt es immer öfter vor, als bewegte ich mich in einem verzauberten, sprachlich-magischen Kreis, dem ich wohl niemals entkomme.
Deutsch als Fremdsprache bleibt für mich, einen eingebürgerten Ersatzteutonen, der seit Jahrzehnten deutsch schreibt und deutsch publiziert, auch nach einer so langen Zeit dennoch ein Rätsel. Je länger ich in der deutschen Sprachwelt lebe, umso bewusster beunruhigt mich die Tatsache, dass die deutsche Sprache sich für mich immer deutlicher als eine Fremdsprache entpuppt.
Mit meinen zwei Sprachen bekomme ich immer häufiger Schwierigkeiten; ich spreche sie nicht spontan, sondern auf eine seltsame Art und Weise »bewusst«.
Mit einem schieren Entsetzen stelle ich jetzt fest, dass mir ein Gespräch, egal ob in tschechischer oder in deutscher Sprache, Probleme macht; in beiden Sprachen gerate ich immer öfter ins Stottern und wenn ich öffentlich meine tschechischen oder deutschen Texte lese, finde ich sie in beiden Sprachen so schlecht geschrieben, dass ich mich für sie schämen muss.
Nach fast dreißig Jahren in Deutschland halte ich meine zwei Sprachen für Fremdsprachen und gehe mit ihnen wie mit Fremdsprachen um. Deutsch ist für mich auch nach so langen Jahren immer noch eine Fremdsprache geblieben, das Tschechische hat sich mir in den drei Jahrzehnten meines Bemühens, die deutsche Sprache voll und ganz zu beherrschen, entfremdet, es hat sich von mir entfernt; meine Muttersprache ist für mich heute zu meiner zweiten Fremdsprache verkommen.
Ich lebe in einer sprachlich geteilten, oder auf eine unheimliche Art und Weise eingekreisten Welt und bin – sprachlich betrachtet – wahrscheinlich nirgendwo zu Hause.

 

Aus dem in Vorbereitung befindlichen Roman »O du meine Heimat«

Bücher

Ota Filip
Verspätete Abrechnungen.
9. Dresdner Chamisso-Poetikdozentur. Thelem Universitätsverlag, Dresden 2012

Osmý čili nedokončený životopis.
Host, Brno 2007

Das Russenhaus.
Roman um Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. LangenMüller, München 2005

Grand Pére et son canon.
Roman. Les Edtions Noir sur Blanc, Montriche/Schweiz 2005

Wniebowstapienie Lojzka Lapaczka ze Śląskej Ostrawy.
Roman. Świat Książki, Warschau 2005

Das andere Weihnachten.
Mährische Geschichten. Langen-Müller, München 2004

Sousedé.
Roman in tschechischer Sprache. Verlag Host, Brünn 2003

Der siebente Lebenslauf.
Roman. Langen-Müller, München 2002

… doch die Märchen sprechen deutsch.
Geschichten aus Böhmen. Langen-Müller, München 1996

Die stillen Toten unterm Klee.
Wiedersehen mit Böhmen. Langen-Müller, München 1992

Mein Prag.
Fotografien von Michael Schilhansl. Harenberg Edition, Dortmund 1992

Die Sehnsucht nach Procida.
Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 1988

Café Slavia.
Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 1985

Die zerbrochene Feder.
Schriftsteller im Exil. Hrsg. von Ota Filip und Egon Larsen unter Mitwirkung von Gunter W. Lorenz. K. Thienemanns, Stuttgart 1984

Tomatendiebe in Aserbaidschan und andere Satiren.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1981

Großvater und die Kanone.
Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 1981

Weihnachtsknödel, böhmisch.
Windecker Winkelpresse, Windeck-Altwindeck 1980

Wallenstein und Lukretia.
Roman. Übersetzt von Marianne Pasetti-Swoboda. S. Fischer, Frankfurt am Main 1978

Schwejk heute.
Politischer Witz in Prag. Mit Illustrationen von Ivan Steiger. Universitas, Berlin 1977

Maiandacht.
Roman. Übersetzt von Marianne Pasetti-Swoboda. S. Fischer, Frankfurt am Main 1977

Prag. Unabhängiges Forum nicht-exilierter tschechoslowakischer Autoren.

Hrsg. von Ota Filip und Pavel Tigrid. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1976

Zweikämpfe.
Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. S. Fischer, Frankfurt am Main 1975

Die Himmelfahrt des Lojzek Lapácek aus Schlesisch Ostrau.
Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. S. Fischer, Frankfurt am Main 1973

Ein Narr für jede Stadt.
Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. S. Fischer, Frankfurt am Main 1969

Das Café an der Straße zum Friedhof.
Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. S. Fischer, Frankfurt am Main 1968

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