Ota Filip
Adelbert-von-Chamisso-Preis 1986
Ota Filip erhielt diverse Auszeichnungen, 1991 den Andreas-Gryphius-Preis und Die Löwenpfote, Münchner Großstadtpreis für Literatur, 1999 das Stipendium der Villa Massimo in Rom.
Leseprobe
Unlängst stand ich in der einst deutschen, allerdings böhmisch-königlichen Stadt Žatec vor dem altwürdigen Rathaus, in dem Anfang des 15. Jahrhunderts der Ackermann von Böhmen deutsch gedichtet wurde, hörte die Leute tschechisch reden und plötzlich, weil ich vergessen hatte, wo ich war, schoss mir durch den Kopf:
Mein Gott, gibt es aber hier viel Tschechen! Wo kommen die alle nur her?
Auch nach einem Vierteljahrhundert in Deutschland passiert es mir in München oder in einer anderen deutschen Großstadt, dass ich auf der Straße, von der deutschen Sprache umringt, erschrocken stehen bleibe, mich von der fremden Sprache aus unerklärlichen Gründen eingeschlossen, erdrückt oder wie gefangen fühle und mich frage:
Um Gottes Willen, wo bist du? Und wieso bist du, ein Fremder, hier, wo doch alle nur deutsch reden?
Mit meinem fortschreitenden Alter verliere ich die Lust oder sogar den Mut, tschechisch zu schreiben und nicht selten muss ich mich mit Gewalt überwinden, um etwas deutsch zu tippen.
Ich habe die Flucht in die deutsche Sprache angetreten, und als mein Fluchtweg – ungefähr vor fünfzehn Jahren – zu Ende war und ich mich im Deutschen als Fremdsprache fast wie zu Hause fühlte, entdeckte ich die Schönheiten meiner Muttersprache wieder.
Mir kommt es immer öfter vor, als bewegte ich mich in einem verzauberten, sprachlich-magischen Kreis, dem ich wohl niemals entkomme.
Deutsch als Fremdsprache bleibt für mich, einen eingebürgerten Ersatzteutonen, der seit Jahrzehnten deutsch schreibt und deutsch publiziert, auch nach einer so langen Zeit dennoch ein Rätsel. Je länger ich in der deutschen Sprachwelt lebe, umso bewusster beunruhigt mich die Tatsache, dass die deutsche Sprache sich für mich immer deutlicher als eine Fremdsprache entpuppt.
Mit meinen zwei Sprachen bekomme ich immer häufiger Schwierigkeiten; ich spreche sie nicht spontan, sondern auf eine seltsame Art und Weise »bewusst«.
Mit einem schieren Entsetzen stelle ich jetzt fest, dass mir ein Gespräch, egal ob in tschechischer oder in deutscher Sprache, Probleme macht; in beiden Sprachen gerate ich immer öfter ins Stottern und wenn ich öffentlich meine tschechischen oder deutschen Texte lese, finde ich sie in beiden Sprachen so schlecht geschrieben, dass ich mich für sie schämen muss.
Nach fast dreißig Jahren in Deutschland halte ich meine zwei Sprachen für Fremdsprachen und gehe mit ihnen wie mit Fremdsprachen um. Deutsch ist für mich auch nach so langen Jahren immer noch eine Fremdsprache geblieben, das Tschechische hat sich mir in den drei Jahrzehnten meines Bemühens, die deutsche Sprache voll und ganz zu beherrschen, entfremdet, es hat sich von mir entfernt; meine Muttersprache ist für mich heute zu meiner zweiten Fremdsprache verkommen.
Ich lebe in einer sprachlich geteilten, oder auf eine unheimliche Art und Weise eingekreisten Welt und bin – sprachlich betrachtet – wahrscheinlich nirgendwo zu Hause.
Aus dem in Vorbereitung befindlichen Roman »O du meine Heimat«
Weitere Informationen
Bibliografie
Ein Narr für jede Stadt. Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1969
Die Himmelfahrt des Lojzek Lapácek aus Schlesisch Ostrau. Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1973
Zweikämpfe. Roman. Übersetzt von Josefine Spitzer. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1975
Prag. Unabhängiges Forum nicht-exilierter tschechoslowakischer Autoren. Hrsg. von Ota Filip und Pavel Tigrid. Frankfurt am Main/Berlin: Ullstein, 1976
Maiandacht. Roman. Übersetzt von Marianne Pasetti-Swoboda. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1977
Schwejk heute. Politischer Witz in Prag. Mit Illustrationen von Ivan Steiger. Berlin: Universitas, 1977
Wallenstein und Lukretia. Roman. Übersetzt von Marianne Pasetti-Swoboda. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1978
Weihnachtsknödel, böhmisch.Windeck-Altwindeck: Windecker Winkelpresse, 1980
Großvater und die Kanone. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1981
Tomatendiebe in Aserbaidschan und andere Satiren. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1981
Die zerbrochene Feder. Schriftsteller im Exil. Hrsg. von Ota Filip und Egon Larsen, unter Mitwirkung von Gunter W. Lorenz. Stuttgart: K. Thienemanns, 1984
Café Slavia. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1985
Die Sehnsucht nach Procida. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1988
Die stillen Toten unterm Klee. Wiedersehen mit Böhmen. München: Langen-Müller, 1992
Mein Prag. Fotografien von Michael Schilhansl. Dortmund: Harenberg Edition, 1992
…doch die Märchen sprechen deutsch. Geschichten aus Böhmen. München: Langen-Müller, 1996
Der siebente Lebenslauf. Roman. München: Langen Müller Herbig Buchverlage, 2002
Das andere Weihnachten. Mährische Geschichten. München: Langen-Müller, 2004
Sousedé. Roman in tschechischer Sprache. Brünn: Verlag Host, 2003
Grand Pére et son canon. Roman. Montriche/Schweiz: Les Edtions Noir sur Blanc, 2005
Wniebowstapienie Lojzka Lapaczka ze Śląskej Ostrawy. Roman. Warschau: Świat Książki, 2005