Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Franco Biondi

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1987

1947 in Forli, Italien, geboren.
1955–61 erste Erfahrung der Heimatlosigkeit als Kind einer Schaustellerfamilie beim Umherziehen durch Nord- und Mittelitalien. Ausbildung zum Schlosser und Elektroschweißer. 1965 Emigration in die Bundesrepublik, rund zehn Jahre Tätigkeit als »Gastarbeiter « in verschiedenen Berufen, daneben Nachholen der Mittleren Reife und des Abiturs in Abendkursen. 1976–82 Studium der Psychologie. Erste Gedichte erschienen auf italienisch, u.a. in der 1975 gegründeten Zeitschrift Il Mulino. Mitarbeit im »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« und bis 1980 kritischer Wortführer der »Associazione Letteraria e Facottà Artistische « (ALFA), einer von italienischen Arbeitsimmigranten gegründeten Literaturgruppe. 1980 Gründung einer Herausgebergruppe zusammen mit Jusuf Naoum, Suleman Taufiq und Rafik Schami zur Publikation der Anthologienreihe Südwind Gastarbeiterdeutsch und der PoLiKunst-Vereinigung (1980–87). Franco Biondi arbeitet als Familientherapeut in Hanau. 1984 erhielt er die Ehrengabe der Bayerischen Akademie der Künste.

Leseprobe

Über dem Rummelplatz war es sehr bewölkt. Die Böen fegten Papier über den Platz. Nichtsdestotrotz flanierten etliche Leute auf und ab. Karusselle und Buden waren mäßig besucht. Babbo sagte: Wir drehen noch eine Runde. Als er sich umsah, meinte er, dass es sich nicht lohnen würde, den Tisch mit dem Würfelspiel aufzustellen. Dennoch ging er zum Platzverwalter und bat um eine Genehmigung. Dieser zierte sich und gab ihm eine unter der Hand, sogar ohne Zusatzzahlung.

Den Nachmittag verbrachten sie in der Osteria vor dem Rathaus. Dario klebte sein Gesicht an die Fensterfront, Moro seine Lippen an das Weinglas.

Es dämmerte. Die Luna Park Lichter gingen an und legten einen glitzernden Mantel über das Städtchen. Moro tauchte seine gute Laune in das Lichtgefunkel ein, Dario hinterher. Die Böen waren inzwischen rar geworden und überraschten die Leute nur dann und wann mit einem kräftigen Windschlag.

Inmitten des Rummelplatzes wimmelte es von Besuchern. Es sieht gut aus, sagte Moro und suchte einen Platz im Licht, wo der Tisch aufgestellt werden konnte. Vom Dodge holten Vater und Sohn das Würfelspiel. Kaum waren Plane, Würfel und Würfelkorb auf den Tisch gelegt, sammelten sich Neugierige um das Spiel.

Moro ließ Dario die Würfel im Korb schütteln und auf den Tisch werfen, während er stehengebliebene Neugierige zum Spielen animierte.

Die Hände am Tisch begannen sich zu bewegen. Einsätze und Gewinne wanderten hin und her. Es ging lebendig zu. Das Würfelspiel erlebte eine rege Teilnahme, weil es fast an jedem Spiel jemanden gab, der lauthals jauchzte und das Doppelte bis das Vierfache des Einsatzes einsackte. Dass es Gewinner gab, freute Moro und Dario, denn je mehr Leute sich am Würfelspiel beteiligten, desto höher die Wahrscheinlichkeiten zugunsten des Spielbetreibers und damit die Beute. Das wusste Moro nicht nur aus Erfahrung, sondern auch aus selbst angestellten Berechnungen.

Das Würfelspiel hatte einen Anfang und schien kein Ende zu kennen. Mehr und mehr schmerzten Dario die Arme. Sein Würfelschütteln wurde immer kürzer. Babbo zwang ihn zur Pause, aber die Glücksspieler protestierten. Sie wähnten sich mit den würfelschüttelnden Händen eines Kindes eher im Glück. Um Babbo und die Spielenden nicht zu enttäuschen, biss Dario die Zähne zusammen und versuchte, die Schmerzen zu überlisten. Manchmal gelang es ihm, häufiger nicht. Da Darios Gesichtsverzerrungen zunahmen, schüttelte Moro den Korb und reichte ihn Dario, um ihn nur noch einmal schütteln zu lassen und die Würfel auf den Tisch zu werfen. Mit dieser Lösung waren die Würfelfixierten ebenfalls zufrieden.

Babbo lachte unentwegt und mit ihm seine Hosentaschen, die sich mit Scheinen füllten und sich wölbten, wie die Backen mit dem Lieblingsessen. Dario vergaß die Schmerzen in den Armen und lachte, weil Babbo lachte. Vor allem lachte er, weil er sich zum ersten Mal an der Seite seines Babbos so nahe und so direkt am Spiel und am eldverdienen beteiligt empfand. Zu fortgeschrittener Stunde erschien der Platzverwalter, der Moro zur Seite rief und mit ihm tuschelte. Danach nahm Moro das Würfelspiel wieder auf, um nach drei Würfen anzukündigen, dass er noch fünf Würfelpartien laufen ließe und für den Abend das Würfelspiel beenden müsse. Einige Würfelfixierte reagierten enttäuscht und drohten mit Konsequenzen, doch Moro konnte nicht mehr umgestimmt werden.

Auf dem Weg zum Dodge beklagte Moro die Trockenheit seiner Kehle. Er schob das Zeug zum Dodgeeingang und sagte: Eigentlich müsste ich dich ins Bett verfrachten, aber ich muss meinen Schlund unbedingt anfeuchten, sonst wird mir die Nacht zur Hölle. Und wenn ich ehrlich bin, mag ich auch nicht alleine in der Osteria sitzen. Ja, Dario, ich vermisse meine Freunde. Schaffst du es noch, kurz mit mir in die Osteria zu gehen? Oder soll ich dich ins Bett begleiten und gehe alleine fort? Ich will mitgehen!

Ich sehe, du schaffst es nicht, aber doch, gehe mit! Es war ein erfolgreicher Abend, heute! Wir haben so viel einkassiert wie drei Tage Piantachiodi! Schade nur, dass der Platzverwalter einer Beschwerde nachgehen musste! Dario blickte Babbo verständnislos an. Babbo fuhr fort. Du weißt ja, wie das mit den Karten ist. Mit den Dreihütchen
ist es auch so. Hasardspiele sind nicht erlaubt, und das mit dem Würfelspiel ist ein Grenzfall, das geht nur mit Sondergenehmigung. Weißt du, wir haben Glück gehabt, jemand von den Carabinieri hat uns gesehen und ist zum Platzverwalter gerannt, der Carabinieri hat Mitleid mit dem Kind gehabt, das die Würfel so leidenschaftlich geschüttelt hat, und wollte die Sondergenehmigung sehen. Der Verwalter wusste von der Sondergenehmigung nichts, daraufhin hat der Carabiniere mit der Hand abgewinkt und ist gegangen.
Erzählend betraten Vater und Sohn die Osteria. Als der Mezzolitro für Moro und die Limonade für seinen Sohn an den Tisch gebracht wurden, schlief Dario längst, das Gesicht auf die Tischplatte gelegt.

Auszug aus dem Roman: Karussellkinder

Bücher

Franco Biondi
Die Unversöhnlichen.
Roman. Pro Business Verlag, 2015

Kostas’ stille Jahre.
Roman. book-on-demand, Berlin 2012

Vita Emigrata.
Racconti. Cosmo Iannone Editore, Isernia 2007

Karussellkinder.
Roman. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2007

Giri e rigiri, laufend.
Gedichte/poesie, zweisprachig. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2005

Der Stau.
Roman. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2001

In deutschen Küchen.
Roman. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 1997

Ode an die Fremde.
Gedichte 1973–1993. Avlos-Verlag, Sankt Augustin 1995

Die Unversöhnlichen oder Im Labyrinth der Herkunft.
Roman. Heliopolis-Verlag, Tübingen 1991

Passavantis Rückkehr.
Erzählungen. Deutscher Taschenbuch-Verlag München 1985

Abschied der zerschellten Jahre.
Novelle. Neuer Malik Verlag, Kiel 1984

Von den Tränen zu den Bürgerrechten.
Italienische Emigrantenliteratur in der Bundesrepublik Deutschland. Hessischer Volkshochschulverband, Frankfurt am Main 1984

Nicht nur gastarbeiterdeutsch.
Gedichte. Eigenverlag, Klein Winternheim 1979

Isolde e Fernandez.
Dramma in 13 Quadri. Poggibonsi 1978