Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Zafer Şenocak

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1988

1961 in Ankara, Türkei, geboren, seit 1970 in Deutschland. Er studierte in München Germanistik, Politik und Philosophie. Seit 1979 Veröffentlichungen von Gedichten, Essays und Erzählungen in deutscher Sprache, seit Mitte der 80er Jahre Arbeit an literarischen Übersetzungen türkischer Autoren. Er lebt seit 1990 in Berlin, arbeitet für verschiedene Zeitungen und Radiosender zum Themenbereich Orient-Okzident und zur türkischen Kultur und Literatur. Außerdem ist er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Sirene.
Er erhielt zahlreiche Stipendien, unter anderem des Literarischen Colloquiums, Berlin und des Berliner Senats (1988 und 1993). 1996 war er als Stipendiat der Feuchtwanger-Gesellschaft in der Villa Aurora, Los Angeles, 1997 hatte er die Max Kade-Gastprofessur am Massachusetts Institute of Technology und 2003 eine Gastprofessur an der University of California, Berkeley, 1999 und 2000 war er »writer in residence« am Dartmouth und am Oberlin College sowie 2007 »poet in residence« an der Universität Duisburg-Essen.
Neben seinem erzählerischen Werk schreibt er Essays zu interkulturellen Fragestellungen für Tageszeitungen und veröffentlicht in den letzten Jahren Bücher in türkischer Sprache. Einige seiner Bücher wurden ins Englische und Tschechische übertragen und sein Gedicht »Am Zaun« von dem Komponisten Friedemann Schmidt-Mechau vertont.

Auszeichnungen:
Preis der Helga und Edzard Reuter Stiftung, 2014

Leseprobe

Dialog über die dritte Sprache
Deutsche Türken und ihre Zukunft


Das Mädchen, bei dem ich bei meinem Aufenthalt in Istanbul jeden Tag Zeitungen kaufte, fragte mich einmal, ob ich Deutscher oder Türke wäre. Als sie merkte, daß ich über ihre Frage staunte und mit der Antwort zögerte, sprach sie, wie für mich, weiter:

In letzter Zeit kommen viele hierher, um Türkisch zu lernen.

Türken oder Deutsche? fragte ich zurück, in der Hoffnung, einer Antwort auf diese Weise ausweichen zu können.

Solche wie du, weder noch.

Oder beides, sagte ich. Ich kann doch Türkisch und lese täglich Zeitungen und Bücher in beiden Sprachen.

Und wo ist deine Heimat? fragte das Mädchen zurück.

Heimat! Wer hat denn diesen Begriff erfunden, und von wem hast du es, entfuhr es mir, obwohl ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühlte.

Du mußt sehr traurig sein. Bist du mir böse?

Ich bin nicht traurig. Ich lebe in Deutschland und bin glücklich dort. Ich bin dort aufgewachsen, weißt du. Ich kenne dort fast jeden Winkel.

Machst du Urlaub hier?

Endlich eine Frage, die ich beantworten kann, weil die Antwort anders ausfallen wird, als was sie sich denkt, ging mir durch den Kopf.
Nein, ich arbeite hier. Ich bin hierher gekommen, um ein Buch zu schreiben. Ein Buch über die Deutschen.

Ein Buch über die Deutschen? Über die, die du kennst oder auch über welche, die du nicht kennst?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich glaube, die Deutschen im allgemeinen sehr gut zu kennen.

Ja, du bist ja selber einer. Das Mädchen lachte verschmitzt.

Ich bin sehr glücklich darüber, kein Deutscher zu sein. Deutscher in Deutschland zu sein, ist doppelt schwer.

Wieso?

Es gibt viele Völker, die sich selbst nicht leiden können und die deshalb beginnen, andere zu hassen. Aber sie lieben ihr Land, die Landschaft, die Luft, das Klima, in dem sie leben. Den Haß in ihrem Kopf gleichen sie durch ihren Körper aus.

So wie die Türken, entgegnete das Mädchen.

Die Deutschen aber, sie können weder sich selbst leiden noch ihr Land. Sie hassen mit Kopf und Körper. Deshalb brauchen sie auch Distanz zwischen sich und den anderen. Eine Art Pufferzone. Die anderen verstehen es meistens nicht, aber das ist nur zu ihren Gunsten. Ein Hygienegürtel, der die Übertragung von Keimen hemmt. Man muß sich ja nicht gleich um den Hals fallen.

Aber sie fahren so viel in der Welt herum. Auch hier sind viele.

Das ist nur um den anderen zu zeigen, wie stark und überlegen sie sind. Außerdem, wie ich dir schon sagte, sie fühlen sich ja zuhause unwohl. Es ist viel zu kalt und voller Fabriken und Autobahnen.

Das stimmt doch gar nicht, protestierte das Mädchen laut. Ein Onkel von mir lebt auch in Deutschland. Er hat mir einmal einen Kalender geschickt. Einen Wandkalender mit zwölf Blättern, für jeden Monat eins. Da waren viele wunderschöne, grüne Landschaften zu sehen, mit sehr viel Wald und alten Kirchen. Ich hatte ein seltsames Gefühl in mir, sofort dort hinfahren zu wollen, ein Gefühl wie eine Sehnsucht, obwohl ich noch nie dort war und meinen Onkel nicht leiden kann.

Kannst du jetzt verstehen, warum ich gerne dort lebe? Deutschland ist ein Land, daß man vor Sehnsucht haßt. Eine Sehnsucht, die man unbedingt tilgen muß. Ein Land, in dem sich jede Art von Fröhlichkeit in Trauer verwandelt. Für jeden Zungenschlag und jeden Fußtritt gibt es Vereine und Verbände, und der Staat kassiert Geld für den Glauben an Gott. Du mußt dir mal vorstellen, wie schwierig es für einen Deutschen sein muß: alle beneiden ihn wegen seines Erfolgs und seines Reichtums und wegen der Schönheit seines Landes, aber keiner liebt ihn. Er haßt die anderen für das, was sie an ihm bewundern. Er ist wie ein unglücklicher Verliebter, dessen Verzweiflung mal Unvorstellbares erschafft, mal unvorstellbar zerstört. Er ist einsam.

 

Auszug aus: "Atlas des tropischen Deutschland"

Bücher

Zafer Şenocak
Deutschsein.
Eine Aufklärungsschrift. Edition Körber Stiftung, Hamburg-Bergedorf 2011

Der Pavillon.
Roman. Übersetzt von Helga Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. Dagyeli Verlag, Berlin 2009

Das Land hinter den Buchstaben.
Deutschland und der Islam im Umbruch. Babel Verlag, München 2006

Zungenentfernung.
Bericht aus der Quarantänestation. Babel Verlag, München 2001

Der Erottomane.
Ein Findelbuch. Babel Verlag, München 1999

Gefährliche Verwandschaft.
Roman. Babel Verlag, München 1998

Die Prärie.
Rotbuch Verlag, Hamburg 1997

Der Mann im Unterhemd.
Prosa. Babel Verlag, Berlin 1995

Fernwehanstalten.
Gedichte. Babel Verlag, Berlin 1994

War Hitler Araber?
Irreführungen an den Rand Europas. Babel Verlag, Berlin 1994

Deutsche Türken. Türk Almanlar.
Das Ende der Geduld. sabrin sonu (Hrsg. mit Claus Leggewie). Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1994

Der gebrochene Blick nach Westen.
Positionen und Perspektiven türkischer Kultur (Hrsg.). Babel Verlag, Berlin 1994

Atlas des tropischen Deutschland.
Essays. Babel Verlag, Berlin 1992

Jedem Wort gehört ein Himmel.
Türkei literarisch (Hrsg.). Babel Verlag, Berlin 1991

Das senkrechte Meer.
Gedichte. Babel Verlag, Berlin 1991

Ritual der Jugend.
Gedichte. Dagyeli, Frankfurt am Main 1987

Flammentropfen.
Gedichte. Dagyeli, Frankfurt am Main 1985

Elektrisches Blau.
Gedichte. Ströme Verlag, München 1983

Verkauf der Morgenstimmungen am Markt.
Gedichte. Edition Literazette, München 1983

Hauptweg und Nebenweg.
Gedichte, Photographien, Zeichnungen. Mit Peter Stefan, Fletcher Lynd, Joachim Puls und Wolfgang Schindler. Druckpartner, Putbrunn 1980