Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Yüksel Pazarkaya

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1989

1940 in Izmir, Türkei, geboren. 1958 kam er zum Studium der Chemie nach Stuttgart, das er 1966 abschloß. Danach Studium der Germanistik, Promotion zum Dr. phil. 1972. Tätigkeit als Fachbereichsleiter an der Volkshochschule in Stuttgart.
Von 1986 bis 2002 Redaktionsleiter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, unterbrochen 1994 durch einen Aufenthalt in den USA als Writer in Residence an der Washington University St. Louis.
Seit 1960 schreibt er Gedichte auf türkisch und deutsch. 1980–82 Herausgeber der zweisprachigen Zeitschrift Anadil. Im Frühjahr 2000 hatte er die Chamisso-Poetik-Dozentur an der TU Dresden inne, seit 2003 lebt er als freier Schriftsteller in Bergisch-Gladbach. 2006 erhielt er den Ehrendoktor der Universität Çanakkale. 2010 wurde sein Theaterstück »40 yil – dile kolay oder 40 Jahre – leicht gesagt« am Gallus-Theater in Frankfurt am Main aufgeführt.

Auszeichnungen:
Bundesverdienstkreuz 1987
Orhan-Asena-Preis 1991
Kinderbuchpreis des Bremer Senats 1994
Sonderauszeichnung bei der Vergabe des Haldan-Taner-Preises 2005

Leseprobe

Nur um der Liebenden willen dreht sich der Himmel
Eine Schöpfungsgeschichte

1
Es war einmal…
Es war keinmal…
Die Zeit war noch graue Vorzeit…
Der Raum war noch grauer Vorraum…
Vorraum und Vorzeit waren angefüllt von Wasser.
Es gab nichts als Wasser.
Und Gott, der Große Schöpfer, blickte unentwegt auf das Wasser…
Er starrte und starrte auf das Wasser und langweilte sich nach einer Weile, die keine Weile war und keine Zeit, er langweilte sich ob des bloßen Starrens…
Und er beschloss, den Menschen zu erschaffen.
Und so geschah es.
Der Mensch wurde von Gottes Hand erschaffen aus Wasser, aus einemTropfen Wasser.

2
Der Mensch hatte Flügel wie ein Schwan, damit er über dem Wasser schweben konnte.
Er flog hin, er flog her, er flog kreuz und quer…
Doch das bloße Herumfliegen über dem Wasser langweilte den Menschen bald. Er wollte sich nicht länger mit der Herumfliegerei begnügen. Er wollte hoch hinaus in die oberen Sphären steigen. Von quälender Neugier gepackt…
Und er ersann sich List und Trug, Gott, seinen Schöpfer hinters Licht zu führen, zu noch höheren Sphären zu kommen.
Was er jedoch nicht wusste, dass List und Trug den Verstand verleitete, den Gott gegeben, damit der Mensch Gutes ersinne.

3
So konnte er nicht ahnen, dass Gott, der Große Schöpfer, der ihm den Verstand gab, natürlich auch seine geheimsten Gedanken und Wünsche kannte. Dass er, der Mensch, also das Geschöpf, vor seinem Schöpfer nichts aber auch gar nichts verbergen konnte.
So nahm Gott dem listigen Menschen die Fähigkeit zu fliegen. Und seine Flügel taugten plötzlich nichts mehr. Er sackte auf das Wasser und begann zu versinken und zu ersaufen. Dabei flennte er Gott den Schöpfer an, ihn bitte, bitte nicht ersaufen zu lassen und tat Buße…
Gott sagte:
»Ich gab dir den Verstand nicht für die List, sondern für die Liebe…«
Und Gott der Erbarmer vergab ihm und gab ihm alle Fähigkeiten zu überleben – doch fliegen durfte er nicht mehr.

4
Das Geschöpf Mensch brauchte nun etwas Festes unter den Füßen. So ließ Gott aus der Gischt der Wasser einen Stern emporsteigen.
Gott hieß den Menschen, eine Handvoll Erde von diesem Stern zu nehmen und sie übers Wasser zu streuen.
Und so machte er es. Er streute die Erde aufs Wasser. Daraus wuchs eine Insel, und der Mensch hatte nun festen Boden unter den Füßen.
Doch das Wesen des Menschen war von Gott bewusst nicht vollkommen geschaffen, damit der Mensch seinen Verstand benutze und sich selbst bilde.
Und in diesem Wesen waren Antipoden zusammengeführt, so auch Ehrlichkeit und Falschheit. Der Verstand – Gott gegeben – hatte die Möglichkeit, zwischen gut und böse zu scheiden und sich zu entscheiden.

5
Der Stern leuchtete so hell und so schön, dass dem Menschen die Sinne ganz taub wurden. Hingerissen von dieser Schönheit nahm er sich heimlich eine zweite Handvoll von dem die Sinne betäubenden Stern und steckte sie hastig in den Mund.
Auch diesmal behielt also die List des Menschen die Oberhand.
Doch die Sternenerde im Mund wuchs und wuchs unversehens und beinahe wäre ihm der Mund zerplatzt und zerfetzt.
Einmal mehr bettelte er den Großen Schöpfer reuevoll an, ihn von dieser Plage zu befreien.
Gott befahl ihm, die Erde im Mund auszuspucken.
Er tat es und daraus entstanden die Gebirge.

6
Dabei gelangte jedoch ein Staubkörnchen in seinen Körper. Und im Brustkorb wuchs dieses Staubkörnchen. Vor allem eine Seite schwoll an, wurde immer dicker. Schließlich konnte er die Wehen nicht mehr aushalten.
»O großer Gott, erbarme Dich meiner«, sprach er zu Gott. Gott, der Große Schöpfer, nahm ihm die dick geschwollene Rippe heraus und befreite ihn vonseinem Leiden.
Die herausgenommene Seite erschien als eine wunderschöne Frau, die der Mann ebenso stark begehrte wie den blendenden Stern.

 

Auszug aus dem gleichnamigen Essay

Bücher

Yüksel Pazarkaya
Nur um der Liebenden willen dreht sich der Himmel.
Essays. Sardes Verlag, Erlangen 2006

Du Gegenden.
Lyrik (deutsch-türkisch). Sardes Verlag, Erlangen 2005

Ich und die Rose.
Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2002

Die Weidengasse.
Texte und Bilder. Bachem Verlag, Köln 2001

Odysee ohne Ankunft.
[o.O.]: w.e.b., 2000 (Aus der Reihe Dresdner Chamisso-Poetikvorlesungen)

PONS Reisewörterbuch Türkisch.
Hrsg. von Inci und Yüksel Pazarkaya. Klett Verlag, Stuttgart 1999

PONS Last Minute Türkisch.
Bearbeitet von Inci und Yüksel Pazarkaya. Klett Verlag, Stutttgart [o.J.]

Türkisch. Sprachführer mit Insider-Tips.
Bearb. von Inci und Yüksel Pazarkaya. Mairs Geographischer Verlag, Ostfildern 1996

Ver elini Türkiye/Türkei – Land, Leute und Sprache.
Türkisch in 24 Lektionen. Mit Inci Pazarkaya. Önel Verlag, Köln 1993

Kemal und sein Widder.
Arena Verlag, Würzburg 1993

Öykülerle Türkçe. Balik Suyu Sever.
Mit 32 Abb. von Asuman Turgut. Anadolu, Hückelhoven [o. J.]

Türkçe konsumalar.
Türkische Gespräche für den Alltag. Klett Verlag, Stuttgart [o.J.]

Balinam bebegi. Sprachlehrbuch türkisch.
Mit 25 Abb. von Asuman Turgut. Anadolu, Hückelhoven 1989

Der Babylonbus. Gedichte.

Dagyeli, Frankfurt am Main 1989

Balik Suyu Sever. Sprachlehrbuch türkisch.
Mit 7 Abb. von Ismail Coban. Anadolu, Hückelhoven 1988

Irrwege. Koca Sapmalar.
Gedichte in zwei Sprachen. Dagyeli, Frankfurt am Main 1985

Warmer Schnee und lachender Baum.
Ein Türkisch-Deutsches Märchen von heute. Mit Bildern von Franz Handschuh. Selbstverlag, Freiburg/Stuttgart 1984

Unsere Nachbarn, die Baltas.
Begleitheft zur Fernsehserie im Medienverbund Ausländer-Inländer. Adolf-Grimme-Institut, Marl 1983

Spuren des Brots. Zur Lage der ausländischen Arbeiter.
Unionsverlag, Zürich 1983

Beobachtungen zum Deutschland-Türkischen.
Pädagogische Arbeitsstelle des Dt. Volkshochschul-Verbands, Bonn 1983

Ich möchte Freuden schreiben.
Zwei Gedichtzyklen. Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 1983

Rosen im Frost.
Einblicke in die türkische Kultur. Unionsverlag, Zürich 1982

Heimat in der Fremde?
Drei Kurzgeschichten Yaban Sila olur mu? Üç Öykü. Dt.-türk. Ararat Verlag, Berlin 1979

Utku oder Der stärkste Mann der Welt.
Dt.-türk.Verlag Volk und Welt, München / Wien 1974

Die Dramaturgie des Einakters.
Der Einakter als eine besondere Erscheinungsform im deutschen Drama des 18. Jahrhunderts. Kummerle, Göppingen 1973

Die Liebe von der Liebe und andere Gedichte.
Gestaltung: Franz Handschuh. Selbstverlag, Selbstverlag 1968