Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Alev Tekinay

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1990

1951 geboren in Izmir, Türkei. Nach dem deutschen Abitur studierte sie in München Germanistik und schloß mit der Promotion zur Dr. phil. ab. Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache und Türkisch an verschiedenen bayerischen Universitäten.

Leseprobe

Du redest, denkst und träumst in zwei Sprachen, aber in keiner bist du zuhause. Zwei Stiefmuttersprachen also, im Kopf-an-Kopf-Rennen, zwei Rabenmütter, verflucht nochmal. Reden ist vielleicht immer schon nicht meine Stärke gewesen. »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.« Und dieses Schweigen beinhaltet vieles, z.B. Denken, Träumen und – Schreiben. Ich sah die Sprache nun nicht mehr als Mutter und suchte nach neuen Definitionen:
… am liebsten ein Zug, ein Bosporus-Alpen-Expreß, ständig unterwegs:
Hin und her, hin und her, das gleichmäßige Donnern der Räder.
… eine grüne Steppenlandschaft mit sauberen Straßen und einer warmen Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Gibt es das überhaupt? Sobald die Straßen sauber sind – wie in einer Klinik – mangelt es an Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Die Realität: Es gibt keine grüne Steppe.
Eines Tages wußte ich plötzlich: die Sprache war ein Haus, in dem die beiden Heimatländer zusammengeschmolzen waren.
Schreiben – ein Drang in mir. Die Feder ist der Rebell des goldenen Schweigens und hilft mir beim Bauen meines Hauses.
Das Haus hatte einen Garten mit bunten Blumen, jede Blume war ein deutsches oder türkisches Wort, ein Zauberwort. Das leise Plätschern des Springbrunnens war ein deutsch-türkisches Lied. Das Haus hatte viele Zimmer, deren Türen nicht verschlossen waren. Jedes Zimmer war ein Kapitel aus der deutschen oder türkischen Grammatik. Das ganze Haus war so schön, wie ein deutsch-türkisches Gedicht, schöner und stabiler als die Burg, und das Burgfräulein war kein Burgfräulein mehr, sondern die Hausherrin. Es hatte sie Jahre gekostet, bis sie dieses Haus Stein für Stein gebaut hatte.

 

Dazwischen

Jeden Tag packe ich den Koffer
ein und dann wieder aus.

Morgens, wenn ich aufwache,
plane ich die Rückkehr,
aber bis Mittag gewöhne ich mich mehr
an Deutschland.

Ich ändere mich
und bleibe doch gleich
und weiß nicht mehr,
wer ich bin.

Jeden Tag ist das Heimweh
unwiderstehlicher,
aber die neue Heimat hält mich fest
Tag für Tag noch stärker.

Und jeden Tag fahre ich
zweitausend Kilometer
in einem imaginären Zug
hin und her,
unentschlossen zwischen
dem Kleiderschrank
und dem Koffer,
und dazwischen ist meine Welt.

 


Aus: Die Deutschprüfung

Bücher

Alev Tekinay
Günaydin. Türkisch für Fortgeschrittene.
Einführung in die moderne türkische Sprache. Reichert, Wiesbaden 2005

Nur der Hauch vom Paradies.
Roman. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 1993 (Literarisches Programm 29)

Das Rosenmädchen und die Schildkröte.
Märchen. Zeichnungen von Barbara Rieder. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 1991 (Literarisches Programm 21)

Engin im Englischen Garten.
Otto Maier, Ravensburg 1990 (Ravensburger junge Reihe)

Der weinende Granatapfel.

Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990 (Phantastische Bibliothek 249)

Es brennt ein Feuer in mir.
Erzählungen. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 1990 (Literarisches Programm 17)

Die Deutschprüfung.
Erzählungen. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 1989 (Literarisches Programm 12)

Ich spreche Türkisch.
Ein Sprachführer mit vielen Gesprächssituationen des Alltags, Kurzgrammatik und Aufbauwortschatz. Unter Mitwirkung von Osman Tekinay. Reichert, Wiesbaden 1987

Über alle Grenzen.
Erzählungen. Buntbuch-Verlag, Hamburg 1986

Günaydin. Einführung in die moderne türkische Sprache.
Ein Lehrgang mit vielen Illustrationen, Fotos, Karikaturen, Gedichten und Liedern. Unter Mitwirkung von Osman Tekinay. Reichert, Wiesbaden 1985

Themen 1. Lehrwerk für Deutsch als Fremdsprache. Glossare: Deutsch-Türkisch.
Hueber, Ismaning 1984

Materialien zum vergleichenden Studium von Erzählmotiven in der deutschen Dichtung des Mittelalters und den Literaturen des Orients.
Lang, Frankfurt am Main 1980