Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Cyrus Atabay

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1990

1929 in Teheran, Iran, geboren.
Von 1937 bis 1945 wuchs er in Berlin auf, anschließend in Zürich, wo 1948 die ersten Gedichte erschienen. Ab 1952 studierte er Germanistik in München, danach lebte er abwechselnd in Europa und im Iran, 1957 wurde ihm der Hugo-Jacobi-Preis verliehen. 1978 erhielt er – durch die iranische Revolution staatenlos geworden – Asyl in London. Seit 1983 lebte er in München als freier Schriftsteller. Noch im selben Jahr wurde er zum Ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gewählt. Er übersetzte klassische und moderne Lyrik aus dem Persischen, unter anderem Liebesgedichte / Hafiz (1965 / 2011), Gesänge von Morgen (1968). Einige seiner Werke wurden von Peter Mieg und Friedemann Schmidt-Mechau vertont.
Cyrus Atabay starb am 26. Januar 1996 in München.

Leseprobe

Selbstauskunft
Geboren wurde ich am 6. September 1929 in Teheran. Mein Vater hatte in den dreißiger Jahren in Berlin an der Charité Medizin studiert und bei Sauerbruch promoviert. Er beschloß, seine zwei Söhne in Deutschland erziehen zu lassen. Ein solcher Entschluß wäre unverantwortlich, hätte man ein Kind aus einer Geborgenheit gerissen. Doch ich war in einer magischen Welt aufgewachsen, in der das Bedrohliche vorherrschte. So vertauschte ich eine Benommenheit mit einer anderen, als ich 1937 nach Berlin kam. Das Gefühl der Unwirklichkeit verließ mich in der neuen Umgebung nie, während die regenerativen Kräfte für Orientierungspunkte sorgten: Innerhalb eines Jahres hatte ich die Berliner Floskeln, die ich für meine Streifzüge auf dem Roller in der Fasanenstraße vonnöten hatte, auswendig gelernt. Noch immer ist es mir ein Rätsel, welche orientalischen Tricks in Anwendung gebracht wurden, daß ich kaum drei Jahre später in das renommierte Arndt-Gymnasium in Dahlem aufgenommen wurde.

Durch die Schludrigkeit eines Vormunds, der die Möglichkeit, meinen Bruder und mich in die Schweiz zu bringen, ungenutzt ließ, blieb ich bis Kriegsende in Deutschland. Als ich im Sommer 1945, nach acht Jahren Trennung, wieder nach Persien kam, hatte ich die persische Sprache verlernt. Beschämt hörte ich die Fragen meiner Mutter in persischer Sprache, auf die ich nicht antworten konnte. Langsam wurde mir meine Muttersprache wieder vertraut, doch der Wiedergewinn an Sprache reichte nicht aus, um in einer Klasse meiner Altersgruppe eine persische Schule zu besuchen. Auf meinen Wunsch wurde ich in die Schweiz geschickt, um meinen Schulbesuch fortzusetzen.

In Zürich schrieb ich meine ersten Gedichte, die 1948 in der Zeitung Die Tat gedruckt wurden, deren Literaturteil Max Rychner leitete. Auf einigen Umwegen begann ich schließlich 1952 mit dem Studium der Germanistik in München. Einige Schatten hieß das erste Gedichtheft, das von mir in der Reihe »Dichtung unserer Zeit« 1956 im Limes Verlag erschien. Zwei weitere Gedichtbände wurden vom Hanser Verlag herausgebracht. Seit Anfang der sechziger Jahre lebte ich abwechselnd in Teheran und in London. In London entstanden viele Gedichte und Prosastücke, die in dem Buch DoppelteWahrheit zusammengefaßt wurden. Die unvergessene Hilde Claassen erklärte sich bereit, meine Gedichte und Übersetzungen zu drucken, allerdings ohne Anspruch auf ein Honorar. Ich wohnte in den Belsize Park Gardens, heimisch in der Nachbarschaft jüdischer Emigranten; unweit, in der Thurlow Road, wohnte Elias Canetti, den ich häufig besuchte.

Obschon oder gerade weil ich die englische Sprache liebe, beschäftigte mich unablässig das Problem der Sprache für den Dichter, der im Exil oder längere Zeit fern von seiner Heimat lebt. Zunächst schien mir die Distanz zur Sprache fruchtbar und womöglich die Sprachkraft des Dichters steigernd; eine zu lange Trennung vom Resonanzboden der Sprache konnte andererseits Erosionen auslösen, die zu Sprachverfall und zunehmender Abstraktion führten. Meine eigene Sorge war, daß das Echo der Sprache im Ohr erlöschen könnte, wenn die gesprochene Sprache es nicht wieder akkumulierte.
Auszug

Der Osten
sagte zu dir
erzähl mir deine Herkunft
der Westen sagte zu dir
erzähl mir deine Wandlung
doch der eine ließ dich nicht
der andere fiel dir ins Wort
Laßt dem Alten sein graues Haar
er will etwas erzählen
was euch beiden gefällt.

Stadtplan von Samarkand
Verschlagen in die Smogstädte,
die sich von den Ausscheidungen
der Maschine nähren,
war ich verloren,
der sich immerhin einmal
in der Unterwelt zurechtfand.
Ach, ich kannte andere Städte,
deren Maße die Musik Händels
in Architektur übersetzten.
Im Stadtplan von Samarkand
fand ich den Garten
und die Karawanserei,
auch die Straße,
in der du wohnst –
ich bin ein Reisender,
unterwegs nach Samarkand.

Stockung an der Paßkontrolle
du bist jetzt Emigrant zu Hause im
Woanders
schönes Wort Vergangenheitsdasein
es gewährt dir Asyl ein Sommergarten
Bignonienranken hängen über das Gittertor
Feuerdorn säumt den Weg zum Haus
ein Wort wie ein Granatapfel
die Körner auf der Schwelle –
ein überlieferter Brauch
ist das Zugrundegehn
es söhnt dich aus mit allem

Alles aus: Poet und Vagant. Der Dichter Cyrus Atabay

Bücher

Cyrus Atabay
Die Wege des Leichtsinns. Zerstreutes Äolisches Material.
Gedichte. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1994

Leise Revolten.
Kleine Prosa aus drei Jahrzehnten. Hrsg. von Jens Olsson. Mit Original-Lithographien von Winfred Gaul. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1992

Gedichte 1956–86.
Insel Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 1991

Puschkiniana.
Gedichte. Mit Original-Graphiken von Ulrich Erben. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1990

Die Linien des Lebens.
Gedichte mit Original-Graphiken von Winfred Gaul. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1986

Prosperos Tagebuch.
Gedichte. Mit Original-Graphiken von Winfred Gaul. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1985

Salut den Tigern.
Ein Bestiarium. Mit Originalgraphiken von Bernhard Jäger. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1983

Stadtplan von Samarkand.
P
orträts, Skizzen, Gedichte. Mit Originalgraphiken von Winfred Gaul. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1983

Die Leidenschaft der Neugierde.
Neue Gedichte. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1981

Das Auftauchen an einem anderen Ort.
Gedichte. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1977

An diesem Tage lasen wir keine Zeile mehr.
Gedichte. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1974

Die Worte der Ameisen.
Persische Weisheiten. Mit 5 Drucken. Claassen, Hamburg / Düsseldorf 1971

Doppelte Wahrheit.
Gedichte und Prosa. Claassen, Hamburg / Düsseldorf 1969

Gegenüber der Sonne.
Gedichte und kleine Prosa. Claassen, Hamburg 1964

Meditationen am Webstuhl.
Neue Gedichte. Carl Hanser, München 1960

An- und Abflüge.
Gedichte. Carl Hanser, München 1958

Einige Schatten.
Gedichte. Mit einem Nachwort von Max Rychner. Limes Verlag, Wiesbaden 1956 (Dichtung unserer Zeit 5)

Poet und Vagant.
Der Dichter Cyrus Ataby 1929-1996. Hrsg. von Werner Ross. C. H. Beck, München 1997