Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Galsan Tschinag

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1992

Galsan Tschinag, eigentlich Irgit Schynykbaj-Oglu Dshuruk-Uwaa, geboren und aufgewachsen Anfang der 40er Jahre im Altai-Gebirge in der Westmongolei. Seine Nomadenfamilie gehört zum turksprachigen Volksstamm der Tuwa. 1961 kam er nach Leipzig, lernte Deutsch, studierte Germanistik und schreibt seit dieser Zeit auf deutsch. Nach seiner Rückkehr in die Mongolei unterrichtete er Deutsch an der Staatsuniversität, bekam 1976 aus politischen Gründen Berufsverbot und arbeitete bis 1987 für die Gewerkschaftszeitung Hödölmör. Übersetzungen deutscher Literatur ins Mongolische. 1987–90 Herausgeber der Zeitschrift Setgüültsch (Der Journalist) und Lektor bei Mongol-Kino. Verfilmung seiner Erstlingserzählung Eine tuwinische Geschichte. 1995 führte er als Fürst und Stammesoberhaupt die weit über das Land verstreut lebenden Tuwa mit einer Karawane in die angestammte Heimat zurück.

Auszeichnungen:
Puchheimer-Leserpreis 1995
Heimito-von-Doderer-Preis 2001
Bundesverdienstkreuz 2002
Literaturpreis der Deutschen Wirtschaft 2008

 

Leseprobe

Nach und nach fiel ihm ein, was sich alles zuvor ereignet hatte. Und er folgerte aus der Abfolge dessen und aus dem, was darüber, unsichtbar zwar, aber spürbar gelegen hatte, was dann geschehen sein musste. Jetzt merkte er, dass er von Menschen umgeben war. Wie sonst denn auch, dachte er dazu. Sollte man ihn etwa allein lassen, den Geiern und Füchsen, seinem Schicksal überlassen,weil er, wie auch immer, das Bewusstsein verloren hatte und zu einem gefällten Mensch-Baum geworden war? Und dabei spürte er, dass er auf einem weichen dicken Polster und unter einer ebenso weichen und warmen Decke lag. Wie es sich gehört, dachte er dazu lässig, was daraufhin in ihm ein heftiges, dankbares Gefühl auslöste, dass ihm die Tränen aufzukommen drohten, die er jedoch niederzuhalten vermochte. Wie gut, dass er nicht irgendwer, sondern Dschingis Khan war! Dies war ein Gedanke, den er in den Jahren schon sehr oft gedacht und alle Male nur für sich behalten hatte. Aber dabei hat er die Wahrheit dessen, was er dachte, nur selten so heftig empfinden können, empfinden müssen wie soeben. Und dies ist schon immer eine süßbittere Wahrheit gewesen. So auch jetzt.

Ja, der dankbare Gedanke an das eigene herausragende Schicksal ließ ihm – zum wievielten Male nun! – alle anderen menschlichen Geschöpfe mit ihrer niedrigen Herkunft und dementsprechenden Schicksalen vor seinem inneren Auge sogleich erstehen und erstarren: Eine endlose graudunkle Wolke aus zahllosen Schwärmen Gesichts- und Namenloser. Einen satten Bruchteil davon bildeten seine Krieger, ohne die er nichts wäre. Und wie viele von ihnen werden zur Stunde wie er ohnmächtig am Boden liegen, verletzt und beschädigt am Leib? Am winterkalten, steinharten Boden aber! Und wie vielen jener Verwundeten wird ein Mensch helfend zur Seite stehen? Viele dieser blutjungen Männer, bei der Schlacht für ihn vom Pech erwischt, werden sterben, während er alter Mann, wahrscheinlich genesen und zu allem, was sich Leben nennt, zurückkehren würde! Es war ungerecht, aber was sollte man da tun? Wäre er nicht gerade Dschingis Khan geworden, wäre er bestimmt unter die Peitsche eines anderen gekommen und hätte für ihn den Säbel schwingen und den Bogen spannen müssen. Und wie oft hätte er schon in den vielen Jahren des endlosen Krieges in die Krallen des Todes geraten können, und mittlerweile wäre von ihm bestenfalls eine Handvoll Knochensplitter irgendwo auf einem der zahllos vielen Schlachtfelder entlang des Erdkörpers noch übrig geblieben. So war der Verlauf der Dinge und das Schicksal des Menschen eben. Und weil es nun einmal so war, konnte ihn keiner mehr beschuldigen, dafür, dass gerade er zu Dschingis Khan geworden war und es ihm daher besser erging als allen anderen. Dabei sollte sich ein jeder, den er unterworfen und für sich hat kämpfen und sterben lassen, noch glücklich wähnen, weil er wenigstens Untertan eines siegreichen Herrschers war, denn wie viele gab es noch, die von Niederlage zu Niederlage stolperten, wodurch ihre Untertanen seelisch verwundet und verkrüppelt und schon tot waren, bevor dann auch noch ihre Körper vom Tod erwischt wurden! Was ihn wohl nicht nur berechtigte, sondern auch verpflichtete, den Huldigungen der Untertanen, er sei ihr Wohltäter, Glauben zu schenken.

 

Aus dem Roman "Die neun Träume des Dschingis Khan"

Bücher

Galsan Tschinag
Der Mann, die Frau, das Schaf, das Kind.
Roman. Unionsverlag, Zürich 2016

Ohne die Tat ist alles nur Geplapper...
Bildband. Text von Galsan Tschinag – Fotos u. Interviewfragen von Adreas Burhorn. Aurum Verlag, Bielefeld 2015

Steppenwind Weltenwind.
Gedichte. Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 2013

Die Kraft des Schamanen.
Anthologie. Unionsverlag, Zürich 2013

Der Mann, die Frau, das Schaf, das Kind.
Roman. Unionsverlag, Zürich 2013

Gold und Staub.
Roman. Unionsverlag, Zürich 2012

Das andere Dasein.
Roman. Insel Verlag, Berlin 2011

Der singende Fels.
Unionsverlag, Zürich 2009

Die Rückkehr.
Roman meines Lebens. Insel Verlag, Berlin 2008

Das Menschenwild.
Erzählung. Insel Verlag, Berlin 2008

Auf der großen blauen Straße.
Erzählungen und Erinnerungen. Unionsverlag, Zürich 2007

Liebesgedichte.
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007

Die neun Träume des Dschingis Khan.
Roman. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007

Jenseits des Schweigens.
Gedichte. Atelier Bodoni / Verlag im Waldgut, Frauenfeld 2006

Das zaubermächtige Goldplättchen.
Märchen aus der Gegenwart. Atelier Bodoni / Verlag im Waldgut, Frauenfeld 2006

Mein Altai.
Erzählungen. A1 Verlag, München 2005

Das geraubte Kind.
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2004

Der Steinmensch zu Ak-Hem.
Gedichte. Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 2002

Der Wolf und die Hündin.
Unionsverlag, Zürich 2002

Tau und Gras.
Unionsverlag, Zürich 2002

Dojnaa.
Erzählung. A1 Verlag, München 2001

Sonnenrote Orakelsteine.
Verlag im Waldgut, Frauenfeld 2000

Der weiße Berg.
Roman. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000

Die graue Erde.
Autobiographischer Roman. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1999

Wolkenhunde.
Gedichte aus der Steppe. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1998

Die Karawane.
A1 Verlag, München 1997

Im Land der zornigen Winde.
Geschichte und Geschichten der Tuwa-Nomaden in der Mongolei. Amélie Schenk und Galsan Tschinag. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1997

Nimmer werde ich dich zähmen können.
Gedichte. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1996

Zwanzig und ein Tag.
Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995

Alle Pfade um deine Jurte.
Gedichte. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1995

Der blaue Himmel.
Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994

Das Ende des Liedes.
Erzählung. A1 Verlag, München 1993

Der siebzehnte Tag.
Zwei Erzählungen. A1 Verlag, München 1992

Eine tuwinische Geschichte und andere Erzählungen.
Verlag Volk und Welt, Berlin 1981

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