Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

İsmet Elçi

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1993

1964 in Muş, Ostanatolien, als Kurde geboren. Im Alter von 15 Jahren kam er mit seinem Vater, einem streng religiös lebenden Moslem, nach Berlin. Arbeit in einer Textilfabrik und Deutschunterricht in der Abendschule. Seine heimliche Liebe zum Film wurde zur Leidenschaft: 1986 drehte er seinen ersten Kurzfilm »Das letzte Rendezvous«, im gleichen Jahr folgte sein erster Spielfilm »Kismet, Kismet«. Der vom ZDF hergestellte dreiteilige Fernsehfilm nach seinem ersten Roman Sinan ohne Land wurde 1989 mit dem Civis-Preis ausgezeichnet. Es folgten 1990 der Kinofilm »Dügün – die Heirat« und 1995 der Film »Cemile oder das Märchen von der Hoffnung«.
Neben seinen Arbeiten als Regisseur und Autor hat Elçi in zahlreichen Filmen als Schauspieler und Berater mitgewirkt, gründete 1997 den Orient Filmverleih, drehte Werbespots und Musikclips.

 

Leseprobe

Als die Ideen laut wurden

»Die Muttersprache ist die Haut des Menschen,
die Fremdsprache ist das Kleid, das wir tragen.« - Sprichwort

Als ich im Februar 1991 in Berlin von der Verhaftung meines Bruders durch türkisches Militär in der Stadt Elazig erfuhr, machte ich mich sofort auf den Weg, ihn zu besuchen. Seit Jahren hatte ich nichts von ihm gehört und musste nun ins Gefängnis, um ihn zu sehen. Mit einem zweiten Bruder aus unserer Heimatstadt Mus standen wir vor der Staatsanwaltschaft und baten um Besuchserlaubnis. Die Staatsanwalt aber erteilte uns zunächst eine Belehrung, unser Bruder habe sich vom Separatismus zu distanzieren. Dann erst folgte die Erteilung eines Besucherscheins. Wir machten uns umgehend auf den Weg zum Gefängnis, in dem der Bruder bereits seit zwei Monaten saß. Das hatten wir aber erst eine Woche vorher erfahren.
Voller Freude begrüßten wir ihn, nachdem wir siebenmal, entsprechend der Anzahl der Gefängnistore, durchsucht worden waren und siebenmal die gleichen Fragen beantwortet hatten. Sieben Wächter überwachten uns und eben so viele den gefangenen Bruder. Wir drei unterhielten uns, voneinander durch dicke Gitterstäbe getrennt, in türkischer Sprache. Kurdisch war verboten. Und gerade wegen diesem Verbot saß der Bruder im Gefängnis; kämpfte er doch für den Sieg der verbotenen Sprache.
Unser Bruder berichtete, seit Tagen nichts gegessen zu haben und gefoltert worden zu sein. Vier Stunden lang habe er bei fast zwanzig Grad Minus und Schnee völlig nackt draußen im Gefängnishof stehen müssen, streng bewacht von Soldaten. Während es das erzählte, unterbrach einer der Wächter und erklärte, der Gefangene spreche nicht die Wahrheit. Er, der Wächter, wisse genau, dass unser Bruder lediglich zwei Stunden habe nackt in der Kälte stehen müssen. Ich versuchte zu verstehen, wo genau der Unterschied zwischen zwei und vier Stunden Frieren in eisiger Kälte liege. Je mehr ich nachdachte, um so lauter meldeten sich meine Gedanken. Je lauter die Gedanken wurden, um so mehr begannen nun die Bilder zu sprechen. Ich bat und schrie zum lieben Gott, dem Schöpfer des Universums, dass er die Zeit unbedingt für zwei Stunden stillstehen lasse. Er tat es. Langsam legte sich alles, Ruhe kehrte ein und tiefste Dunkelheit. Aus der gefrorenen Erde stiegen Nebel auf. Der Planet Erde bewegte sich nicht mehr, alles Denken der Menschen war ausgeschaltet. Jegliches Leben hielt inne, schien wie tot.
[…]
Mein Bruder brach dann das Schweigen und berichtete, er sei während der Zeit, die er nackt in bittere Kälte ausharren musste, tot gewesen. Daher habe sein irdischer Körper nichts wahrgenommen und kein Zeitgefühl gekannt. Ein mitfühlender Zeitgenosse habe ihm später die Zeit genannt.
Dann überlegte er und wandte sich den Wächtern zu, sprach mit ihnen in kurdischer Sprache, die auch sie verstanden. Er habe sie doch während der Kälte gebeten, ihn zu töten. Er bitte erneut um den Tod, er könne den Schmerz der eisigen Kühle, die sich seitdem auf seinen Körper gelegt habe, nicht mehr aushalten. Doch die Wächter verweigerten dies. Da bat ich sie, den Bruder zu töten. Sie fragten: wozu? Ich antwortete, damit meine Augen wahrnehmen und mein Gehirn sich in Bewegung setzen könne. Sie fragten: wozu? Ich antwortete, damit auch ich ein Ungeheuer Mensch werde. Sie fragten abermals: warum? Ich antwortete: »Damit wir als Menschen neu geboren werden und wir unsere Muttersprache, die kurdische Sprache, befreien.«
Während ich noch auf eine weitere Gegenfrage wartete, ertönte eine Stimme: Uns seien bereits einige Befreiungsmöglichkeiten geschenkt worden, eine Wiederholung werde es nicht geben. Jetzt versuchten die Wächter mit Hilfe von herbei gerufenen Soldaten, das Verbot der kurdischen Sprache durchzusetzen. Wir aber wurden noch lauter, und die Ideen, die Bilder, liefen schneller. Sie sprengten mit ihrer Unaufhaltsamkeit alle Dimensionen und zerstörten bald die Mauern des Gefängnisses. Da entschlossen wir uns, unendlich weiter zu kämpfen. Unseren Kampf begleiteten Tausende von Stimmen, die in unserer Muttersprache erklangen. Niemand konnte uns mehr aufhalten, und der Sieg war unser.
[…]

 

Auszug aus dem unveröffentlichten Text »Die Feststellung«

Bücher

İsmet Elçi
Der rosarote Fahrstuhl.
Roman. Hans Schiler Verlag, Berlin 2007

Sinan ohne Land.
Drei Erzählungen. Clemens Zerling, Berlin 1988

Gesetz des Schweigens.
Roman. Clemens Zerling, Berlin 1990

Cemile oder das Märchen von der Hoffnung.
Clemens Zerling, Berlin 1990

Dügün – Die Heirat.
Drehbuch. Verlag Yabanel, Istanbul / Berlin 1991

Die verwundeten Kinder des Zarathustra.

Eine Odyssee zwischen Wirklichkeit und Alptraum. Edition Amadis, Berlin 1997