Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Rafik Schami

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1993; Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1985

1946 in Damaskus, Syrien geboren. 1965–1970 Gründung und Leitung der Wandzeitung Al-Muntalek im alten Stadtviertel von Damaskus. 1971 in die Bundesrepublik ausgewandert, Arbeit in Fabriken und als Aushilfskraft in Kaufhäusern, Restaurants und Baustellen. Studium der Chemie in Heidelberg mit Promotion 1979. 1971–1977 Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien in arabischer und deutscher Sprache. 1980 Mitgründer der Literaturgruppe Südwind und des PoLiKunst-Vereins. 1980–1985 Mitherausgeber und Autor der Reihe »Südwind-Gastarbeiter-deutsch« und der Reihe »Südwind-Literatur«. Seit 2002 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er lebt als freier Schriftsteller in Kirchheimbolanden.
Seine Bücher erscheinen in 27 Sprachen, außerdem zahlreiche Hörspiele, Theaterstücke und Fernsehfilme. 2010 erhielt Rafik Schami die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel.

Auszeichnungen (Auswahl):
Thaddäus-Troll-Preis 1986
Rattenfänger Literaturpreis 1990
Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar 1990
Hermann-Hesse-Literaturpreis 1994
Preis der Deutschen Schallplattenkritik 1995 und 1996
Prix de Lecture à deux voix 1996
Hans-Erich-Nossack-Preis 1997
Storytelling World Award 1997
Heidelberger Leander für Kinderliteratur 2002
Weilheimer Literaturpreis 2003
Kunstpreis Rheinland-Pfalz 2003
Nelly-Sachs-Preis 2007
Georg-K.-Glaser-Preis 2011
Preis des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ 2011
Tüddelband-Preis der Stadt Hamburg 2013
Preis der ökumenischen Stiftung "Bibel und Kultur" 2015

 

Leseprobe

Der Liebesmantel

Die Fahrt nach Braunschweig war problemlos. Die Züge hatten keine Verspätung. Ich hatte noch fünf Stunden Zeit bis zur Lesung. Schnell verstaute ich meine Kleider im Schrank, warf einen Blick aus dem Fenster auf den bronzenen Löwen auf dem Burgplatz und ging pfeifend die Treppe hinunter.
»Herr Schami! Eine Nachricht für Sie«, rief der Mann an der Rezeption und lächelte routiniert und leer. »Bitte ruf mich an! Iblisos Braun«, stand auf dem kleinen Zettel, daneben eine Telefonnummer. Warum ich das tat, was ich in den nächsten Stunden getan habe, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich rief an. Ein Höllenlärm und dann eine Stimme, die mich erfrieren ließ. Sie hörte sich an wie das Kratzen eines Messers auf einer Glasscheibe: »Sehr nett, dass du anrufst. Könntest du mir bitte helfen? Ich werde dich reichlich belohnen.«
»Wenn ich kann, gerne«, sagte ich aus Höflichkeit.
»Komm schnell, bitte!«
Ich verstand nichts. Wer war das? Wo sollen wir uns treffen?
»Im Lokal ›Zu den vier Leichen‹, beim Elvis«, sagte er. Als ich entsetzt »Wo, bitte?« in den Hörer rief, lachte er, »›Zu den vier Linden‹«, antwortete er gekünstelt vornehm. Ihm genüge eine halbe Stunde, um mir seine Bitte vorzutragen.
Das Lokal befindet sich in der Wiesenstraße, im östlichen Ringgebiet, ein schöner Stadtteil, Gründerzeit und Jugendstil. Es war voll und erinnerte mich an manche Intellektuellenkneipe in Süddeutschland. Hinten in einer dunklen Ecke winkte ein hässliches Männlein. Es grinste mich süffisant an. Die Ecke roch nach Schwefel und faulen Eiern.
»Ich höre«, sagte ich und bestellte Wasser. Ich trinke nie Alkohol vor Lesungen, weil ich mein Gedächtnis zu hundert und nicht zu neunundneunzig Prozent beanspruche.
Weder der mitleidige Blick christlicher Erziehung noch Kurzsichtigkeit konnte seine Hässlichkeit mildern. Es stimmte gar nichts an ihm. Gerne würde ich ihn beschreiben, würde eine detailgetreue Beschreibung nicht wie eine schlechte Karikatur wirken. Nur seine Augen waren nicht zum Lachen: Sie waren klein, kalt und böse. Er erzählte eine tragische, wirre Geschichte von einer Liebesaffäre zwischen ihm, einem armen aber jungen Teufel, und Serenada, der wunderschönen jungen Gattin des mächtigsten aber zahnlosen Satans. Er sei nun verdammt, in Braunschweig zu bleiben, seine Schöne jedoch sei in einer Gruft unter dem Petersdom gefangen. Nur mit meiner Stimme könne er die Wächter überlisten und sich bald mit seiner Geliebten vereinen. Ich bekäme mein Gewicht in Gold.
Alles klang etwas überladen und übertrieben wie die Geschichten eines Anfängers. Ich hätte lachen können, oder einfach aufstehen, mich höflich verabschieden und gehen, doch er begann – als könne er Gedanken lesen – bitterlich über die Schönheit seiner Geliebten zu weinen, so dass meine Hand gegen meinen Willen seinen Arm streichelte. Und ich tröstete ihn, aber er weinte und wollte nicht aufhören.
Doch so sehr ich Mitleid fühlte, ich konnte ihm nicht helfen.
»Warum ich?«, fragte ich, worauf er böse mit dem Zeigefinger auf einen Mann zeigte, und der Rentner, der eben noch mit seiner Frau in ein Gespräch vertieft war, begann einen frivolen Bauchtanz aufzuführen. Iblisos Braun zeigte auf einen anderen vornehmen Mann, und dieser stand auf und begann seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. Das Männlein schien über einige Zauberkünste und über Macht zu verfügen. Ich warf einen Blick auf die Uhr:
»Ich muss leider gehen.«
»Und deine Stimme?«
»Die brauche ich noch ein paar Jahre.«
Er packte mich blitzschnell am Kragen: »Nur deine Stimme kann mich retten. Ich hätte dich getötet, aber die Liebe deiner Mutter hat dich ummantelt. Ich kann dir aber das Leben in Braunschweig so zur Hölle machen, dass du den Tag verfluchst, an dem du die Stadt betreten hast.«
Das mit dem Liebesmantel meiner Mutter hätte mir gefallen, wäre es nicht aus seinem Munde gekommen.
»Lass los«, fauchte ich ihn an. Ich konnte seinen Mundgeruch kaum noch ertragen. Er lockerte seine Finger langsam. »Solltest du bis heute Abend deine Meinung nicht geändert haben…«, zischte er. Ich hörte nicht mehr zu.
Draußen herrschten sommerliche Temperaturen. Die Lesung war im Botanischen Garten unter der malerischen Süntelbuche angesetzt. Vierhundert Leute saßen erwartungsvoll auf ihren Plätzen. Ich begann zu erzählen, und das Publikum reagierte sensibel und bald vergaß ich Iblisos und wanderte mit meinen Figuren in den Gassen von Damaskus umher.
Plötzlich erschien das Männlein in der letzten Reihe. Ich sprach gerade den Satz: »Und der Himmel in Damaskus war damals beinahe so blau wie hier über Braunschweig.« Einige lachten. Iblisos Braun wurde rot und zeigte mit der rechten Hand steif gen Himmel. Seine Lippen bebten. Plötzlich wehte eine starke Böe. Dunkle Wolken nahmen über uns Platz. Zwei Minuten später begann es zu regnen. Und nun erlebte ich die Überraschung meines Lebens. Die Braunschweiger blieben sitzen. Sie ignorierten den Regen und lachten wie fröhliche Kinder. Einige, die aus reiner Gewohnheit ihre Schirme mitgebracht hatten, machten sie auf. Aber alle, ob beschirmt oder nicht, spendeten mir tosenden Beifall, um zu sagen, dass sie weiter zuhören wollten.
Ich erzählte, fast zu Tränen gerührt, so gut wie noch nie. Ich, dessen Heimat ihn ausgespuckt hat, finde hier, im angeblich kalten Norden, eine solche Liebe.´Und diese Liebe war es, die bald einen unsichtbaren aber mächtigen Schirm aufbaute, mit dem sie die Wolken zur Seite schob. Die Sonne färbte wieder den Horizont und der Himmel klarte auf. Ich zeigte dem Männlein unauffällig meinen Stinkefinger. Er stand entkräftet und wie verschrumpelt abseits.
»Aber beim nächsten Mal wirst du was erleben«, fauchte er mich von der Seite an, Schwefel und faule Eier stanken aus seinem Mund, während ich ein Buch signierte.
»Braun, schweig!!!« erwiderte ich mit nassen Haaren und hüpfendem
Herzen.

 

(unveröffentlicht)

Bücher

Rafik Schami
Sophia oder Der Anfang aller Geschichten.
Roman. Carl Hanser, München 2015

Meister Marios Geschichte.
Mit Illustrationen von Anja-Maria Elsen. Carl Hanser, München 2013

Der Mut, die Würde und das Wort.
Von der Verpflichtung, den Mund aufzumachen. Edition syndikat, Karlsruhe 2013

Das Herz der Puppe.
Kinderbuch mit Bildern von Kathrin Schärer. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012

Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat und andere seltsame Geschichten.
Deutscher Taschenbuchverlag, München 2011

Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte.
Oder wie ich zum Erzähler wurde. Carl Hanser, München 2011

Das ist kein Papagei.
Mit Bildern von Wolf Erlbruch. Carl Hanser, München 2010

Das Geheimnis des Kalligraphen.
Roman. Carl Hanser, München 2008

Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick.
Carl Hanser, München 2006

Der Kameltreiber von Heidelberg.
Geschichten für Kinder jeden Alters. Carl Hanser, München 2006

Die dunkle Seite der Liebe.
Roman. Carl Hanser, München 2004

Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm.
Mit Bildern von Ole Könnecke. Carl Hanser, München 2003

Damaskus. Der Geschmack einer Stadt.
Mit Maria Fadel. Sanssouci im Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002

Mit fremden Augen.
Tagebuch über den 11. September, den Palästina-Konflikt und die arabische Welt. Palmyra Verlag, Heidelberg 2002

Die Farbe der Worte.
Bilder und Geschichten. Mit Root Leeb. ars vivendi Verlag, Cadolzburg 2002

Die Sehnsucht der Schwalbe.
Carl Hanser, München 2000

Der geheime Bericht über den Dichter Goethe, der eine Prüfung auf einer arabischen Insel bestand.
Carl Hanser, München 1999

Sieben Doppelgänger.
Carl Hanser, München 1999

Gesammelte Olivenkerne.
Aus dem Tagebuch der Fremde. Illustrationen von Root Leeb. Carl Hanser, München 1997

Milad. Von einem der auszog, um einundzwanzig Tage satt zu werden.
Carl Hanser, München 1997

Reise zwischen Nacht und Morgen.
Carl Hanser, München 1995

Der ehrliche Lügner.
Roman von tausendundeiner Lüge. Beltz & Gelberg, Weinheim 1992

Vom Zauber der Zunge.
Reden gegen das Verstummen. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1991

Erzähler der Nacht.
Beltz & Gelberg, Weinheim 1989

Das Schaf im Wolfspelz.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1989

Märchen aus Malula.
Illustrationen von Root Leeb. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1990

Die Sehnsucht fährt schwarz.
Geschichten aus der Fremde. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1988

Malula.
Märchen und Märchenhaftes aus meinem Dorf. Neuer Malik Verlag, Kiel 1987

Eine Hand voller Sterne.
Roman. Beltz & Gelberg, Weinheim 1987

Bobo und Suso.
Jungbrunnen Verlag, Wien 1986

Der Fliegenmelker.
Geschichten aus Damaskus. Illustrationen von Root Leeb. Arabisches Buch, Berlin 1985

Der erste Ritt durchs Nadelöhr.
Noch mehr Märchen, Fabeln & phantastische Geschichten. Illustrationen von Erika Rapp. Neuer Malik Verlag, Kiel 1985

Das letzte Wort der Wanderratte.
Märchen, Fabeln & phantastische Geschichten. Illustrationen von Erika Rapp. Neuer Malik Verlag, Kiel 1984

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