Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Dragica Rajčić

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1994

1959 in Split, Kroatien, geboren, kam über Australien 1978 in die Schweiz. Sie schreibt seit 1972; Gedichte und Kurzprosa erschienen in kroatischen Zeitungen. 1988 Rückkehr nach Kroatien, Gründung der Zeitung Glas Kastela und journalistische Arbeit. 1991 nach Ausbruch des Krieges mit ihren drei Kindern Flucht in die Schweiz, Öffentlichkeitsarbeit über den Krieg in Ex-Jugoslawien.
Ihre Theaterstücke Ein Stück Sauberkeit (1993) und Aufliebeseen (2000) wurden in München, Schaffhausen und am Stadttheater St. Gallen aufgeführt. Sie lebt und arbeitet als Zeitungsredakteurin in St. Gallen und an Schweizer Schulen.

Auszeichnungen:
Lyrik-Preis Meran 1994
Förderpreis St. Gallen 1995

Leseprobe

Hertzketten

Es war im Sommer 1993 auf dem kroatischen Insel Mali Losinj, fast jeden Abend sassen sie auf der Treppen und verkauften seltsame Ketten aus Schneckenhausern. Der kleiner gebuckte mann sprach mit Deutschen Deutsch, mit Italienern Italienisch, fünfzehn Kuna das Stück zahlen für die Ketten und kleine Handarbeiten aus Garn. Hinter ihm sass alte Frauchen mit einem schönen Halstuch und wirkte abwesend, wie dass es ihr nicht gefiel das was der Mann von ihren Knien machte. Sie schaute verlegen irgendwo in die Nacht.
Eines Abends, er sammelte schon die Halsketten in die Kartonschachtell nahm ich mein Mut zusammen und sprach die beiden an. »Woher kommen sie liebe Opa?«
»Aus der Hölle von Vukovar und meine Frau hat nachdem sie Vukovar überlebt hat noch Monate im Lager Mitrovica verbracht.« Ich stelte mich der Frau vor und sie nickte.
So sass ich noch manche Abende am Treppen neben den beiden und wen keine Turisten kammen, erzehlten sie mich Stückweise ihr Leben.
Ihr Sohn sei umgekommen. Enkelsohn ist geblieben, ist hier auf der Flucht mit ihnen. Wegen ihm lebt Baba Kata. Ja sie hatte schon vor dem Krieg den Krebs gehabt, aber dan plötzlich, als die Krankenhaus im Vukovar nicht mehr für so alte und aussichtslose Fälle Platz hatte, weil es so viele junge verletzte gab, wurde sie nach Hause entlassen. Seit dem hat sie von Krebs nicht mehr gehört, sagte sie, und ein verschmilztes lecheln erhelte ihre Augen.
Die Familie gehörte zur polnischen Gemeinde in Bosnien, es gab dreissig Dörfer in Posavina ebene während der osterreichisch-ungarische Monarchie. Sie züchteten beste Pferde in der Gegend und waren sonst begabte Handwerker. Er hat Tischler gelernt und sein Sohn auch. Seine Augen waren dunkel. Er war selbständig, hat darum keine Pension. Alles was er hatte war ein kleines Haus in Vukovar.
»Und wie ist das mit ihrem Hass auf die Serben, auf die welche Ihnen soviel leid am ende ihres lebens angetan haben?« fragte ich Baba Kata. Sie schaute mich etwas verwundert an und sagte dan: »Mit dem hass habe ich nicht im Hut ich glaube an Gott und an Jesus Christus.« Da schwieg sie lange wie um ein Gebet auszusprechen. Ihr Mann half ihr aufzustehen und so gingen sie zum Flüchtlingsheim.
Ich weiss nicht mehr, ob sie noch leben, ob ihr Haus in Vukovar repariert wird.
Es wird mir in der Schweiz oft Frage gestellt nach dem hass und verzeihung. Bevor ich Antwort gebe, sehe ich Babas Kata gesicht und wiederholle diese Geschichte. Baba Kata hat das mit sich aussgemacht. Sie hat im glauben ihre wurzeln. Es gibt vielleicht noch unzählige solche Menschen in allen teilen meines Landes. Niemand spricht über sie, sie haben kein lobby, keine Pension vielleicht, sie haben ihre nexten verloren und doch beharren sie am leben und tragen ihre last mit der würde.
Ihre Geschichten werden unter Rubrik »kleine Leute« vermerkt oder unter keine Rubrik, weil sie für kriegsantreiber keine gute ware sind. Man hat sie auch aus den Wahllisten gestrichen, niemand weiss, was sie einstellen könnten, wen, sie Wählen würden. Vielleicht werden sie eine Partei unter den Namen »Die schöne kette« wählen und das werde schon ende und untergang der kroatischmuslemischalbanischserbischmazedonischslowenisch-national parteien bedeuten. Vielleicht werden sie einfach diese partei »Die schöne kette« auf Europa ausdehnen, oder noch weiter. So sieht zukunft unter der Herrschaft von Schnekensammlern und tischtuchhäklerin aus. Ich hoffe und meine Stimme ist ihnen sicher.

 

Aus einer Kolumne

Bücher

Dragica Rajčić
Warten auf Broch.
Text über Text. Studienverlag, Innsbruck / Bozen / Wien 2011

Buch von Glück.
Edition 8, Zürich 2003

Post bellum.
Gedichte. Edition 8, Zürich 2000

Nur Gute kommt ins Himmel. Über lebende, tote und die dazwischen.
Kurzprosa. Eco-Verlag, Zürich 1994

Lebendigkeit Ihre züruck.
Gedichte. Eco-Verlag, Zürich 1992

Halbgedichte einer Gastfrau.
Narziss & Ego, St. Gallen 1986