Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Dante Andrea Franzetti

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1994

1959 in Zürich geboren. Seine Muttersprache ist italienisch, aber er wuchs zweisprachig auf. Studium der italienischen Literatur, Germanistik und Soziologie, danach Lehrbeauftragter, Radiomitarbeiter in Zürich und Lugano. Von 1994 bis 1998 war er Italien-Korrespondent des Zürcher Tages-Anzeiger. Heute lebte Dante Andrea Franzetti als Journalist und Schriftsteller in Zürich und Rom.

Auszeichnungen;
Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg vor der Höhe 1985
Ernst-Willner-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1985
Förderpreis zum Marburger Literaturpreis 1987
Ehrengabe der Stadt Zürich 1987
Werkjahr der Stiftung Pro Helvetia 1990
Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 1991
Buchpreis des Kantons Zürich 1996
Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank 2013

Leseprobe

Sabrina ist die Frau, die mich zu sich und in sich aufnimmt an jenem Abend, an dem mir der in seiner Militärjacke als Friedensapostel getarnte Weiberfreund mein freches Maul stopft.

Die Nacht ist herbstlich kühl, es nieselt auf uns herab, sie hält mich um die Taille, wärmt mich, blickt mich mit ihren Stahlaugen spöttisch, aber auch liebevoll an, als sei ich ein zu groß geratener Junge. Sie fragt nach meinem Anzug ohne anklagenden Ton. Sie fragt, ob ich mich darin sicherer fühle; ich zucke die Schultern, denke jedoch lange darüber nach.
Sie hat mich gepflückt, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich anzieht und vorsichtig stimmt. In der Küche stellt sie eine bauchige Flasche Strohrum auf den Tisch und sagt: Das wird dich aufwärmen und beruhigen. Ich sitze als Schüler in der Küche, doch ich bin lernwillig. Ich unterwerfe mich, bleibe dabei aber hölzig und ängstlich.
Sie hat die Lederjacke über eine Stuhllehne gehängt und die halbhohen Stiefel ausgezogen. Mit ihrem zerzausten schwarzen Haar, dem spitzen Mund, dem scharfen Blick, der Adlernase wirkt sie wie eine Gangsterbraut. Sie raucht Haschisch, ich huste. Sie habe die Tage, ob es mich störe – oder fragt sie mich das erst im Bett?
Wir werden uns im Zoo den Zitteraal, die Pinguine und das Krokodil ansehen. Wir gehen Hand in Hand, sie erzählt von ihrer Diplomarbeit über das Triebleben der Schimpansen. Verhaltensforschung. Zoologie.
Die Bindungen der Schimpansenpaare sind locker und veränderlich. Sie bleiben nicht treu wie die Gibbons, die Kleinfamilien gründen, sondern erobern und lassen sich erobern je nach Lage und Möglichkeit. Die Männchen kämpfen um die Weibchen, das scheint Sabrina zu beeindrucken, verlieren aber nach der Paarung bald das Interesse. Eine Welt ohne Zärtlichkeit. – Wir sehen in den Schimpansen unsere nächsten Verwandten, nicht in den Gibbons, sagt sie.
Wenn sie auf mir sitzt, schaukelt sie bedächtig wie ein großer Dampfer. Ich bin auf einer Kreuzfahrt, denke ich.
Ihr Körper ist mollig und an den Hüften bilden sich weiche Wülste, die Oberschenkel sind schlaff, und doch wirkt ihr Körper nicht dick. Er scheint nur umgeben von einer zusätzlichen Schicht, unter der die Muskeln liegen, einer sinnlichen Puddingschicht, in die du ohne Gefahr, sie zu verletzten, deine Finger graben kannst.Während sie auf dir gondelt, behält sie die Augen offen, betrachtet dich mit ihrem Sperberblick, so dass du zur Seite blickst an irgendeine geblümte Wand, dich dann gehen lässt, die Augen verschließt. Sandkörner, Meer und Muscheln ziehen an dir vorüber, du verteilst ihren Schweiß über ihren Körper wie Sonnencreme. Wenn du aufschaust, siehst du sie lächeln. Ihre Brüste sind groß und leicht hängend, wie Birnen. Deine Hände bilden Schalen, in denen sie zittern wie Gelatine. Nun fährst du ihr am Gesicht entlang, über das kantige Kinn, die runden Backen, die harte Stirn. Stachelig stehen die struppigen Haare auf, im Nacken berührst du wiedereine kleine wülstige Stelle. Ihr Körper wabbelt auf dir, passt sich an dich an, füllt die Zwischenräume aus, bedeckt dich nahtlos und schwappt gleichförmig in einer wellenartigen Bewegung. Sie ist das Schiff, und du bist das Meer.

Du wirst diese Frau eine Hure nennen, als du an einem Abend bei Freunden die Fassung verlierst. Nicht wahr, Noral? Gleichgültig, beherrscht, bist du nur mit solchen wie Martina. Dass eine Frau deine Theorien beansprucht, hältst du nicht für statthaft.
Pass nur auf, Nerbal, dass sich deine Frau – die Frau, die telefoniert – nicht plötzlich anbietet gegen Geld und dein Spiel spielt und sich die falsche Unterwerfung vergüten lässt.
Vorstellungen hast du, eine blühende Fantasie, Noral.
Sagte schon meine Mutter.
Ich erinnere mich an jene Nacht mit Sabrina und an eine zweite. Du hast in der Mansardenwohnung auf sie gewartet. Du hast dir ihr Nachtprogramm auf einem Lokalsender angehört, du sitzt bei einer Flasche Rotwein mit ausgestreckten Beinen in der großen Küche und sehnst dich nach ihrer samtenen tiefen Stimme (zu tief für die kleine Person, denkst du). Du kämpfst mit der Erregung in Erwartung des kommenden Morgens – und mit den feinen Stichen der Eifersucht. Ihr Satz, du bräuchtest nicht auf sie zu warten, hatte genügt, dich in ein leicht zitterndes Bündel auf jenem Küchenstuhl zu verwandeln.
Jetzt Noral, willst du plötzlich ein Paar mit ihr werden?
Ihre Stimme wiegt die Zuhörer von einem Musikstück zum nächsten – die Musik etwas zu schrill für ein Nachtprogramm –, doch sie ist es ja, die ihr moderato singt, gleichmäßig und routiniert, als begleite sie zarte Wiegenlieder. Du hast Gedichte und einen Roman veröffentlicht, die Zeitungen haben für eine Saison den Baikaldichter entdeckt und loben die saubere Sprache (Baikal ist Schmutz und verwaschenes Leben, die Emigranten können kaum ihre Koffer anschreiben), du wärst angesagt, gäbe es das Wort schon, doch du blickst auch darauf mit der Überheblichkeit des Dichters auf alles Profane und lehnst daher die besseren Verträge ab, mit denen du dich in der übernächsten Saison zum Großverlag hangeln könntest, du begegnest allen mit demselben Jargon, der zu den zynischen älteren Freunden passt, den einzigen, mit denen du dich triffst, und schmuggelst bösartige Blumen in das gepflegte Ambiente – und einer, der mit seinem Manuskript hausieren geht und dich voll labert an einem Fest schüttet sein Glas Rotwein über dich aus, nachdem du dich absichtlich im Ton vergreifst. Sabrina wirst du verlieren, bevor dein Abstieg in die Gewöhnlichkeit beginnt. Sie fällt nicht auf dich herein.

 

Auszug aus dem Romanmanuskript "Die Frauen"

Bücher

Dante Andrea Franzetti
Richtig im Kopf.
Kriminalnovelle. Lenos Verlag, Basel 2014

Zurück nach Rom.

Lenos Verlag, Basel 2012

Roger Rightwing köppelt das feingeistige Tischgespräch.

Satiren. Lenos Verlag, Basel 2012

Passion.
Journal für Liliane. Haymon Verlag, Innsbruck / Wien 2006

Curriculum eines Grabräubers.
Erzählungen. Nagel & Kimche, Zürich 2000

Vaterland.
Mit Beiträgen von Emanuel LaRoche, Claude Delarue und Dante Andrea Franzetti. Vontobel-Stiftung, Zürich 1998

Liebeslügen.
Roman. Nagel & Kimche, Zürich 1996

Die Sardinennacht.
Dreißig Fernsehschnitte aus dem Zeitalter Berlusconi. Elster Verlag, Zürich / Baden-Baden 1996

Das Funkhaus.
Roman. Piper, München 1993

Die Versammlung der Engel im Hotel Excelsior.
Roman. Nagel & Kimche, Zürich 1990

Cosimo und Hamlet.
Roman zweier Brüder. Nagel & Kimche, Zürich 1987

Der Großvater.
Erzählung. Nagel & Kimche, Zürich 1985