Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Yoko Tawada

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1996

1960 in Tokyo, Japan geboren. Seit 1982 lebt sie in Hamburg, wo sie Literaturwissenschaft studierte und auf japanisch und deutsch zu schreiben begann. Seit 1986 Veröffentlichungen in Deutschland und Japan.
Sie erhielt zahlreiche Stipendien, unter anderem der Stiftung Niedersachsen und des Deutschen Literaturfonds, war 1997 als Stipendiatin der Villa Aurora (Feuchtwanger-Haus) in Los Angeles und 1999 als Max Kade Distinguished Visitor am Massachusetts Institute of Technology, 1998 Poetik-Dozentin an der Universität Tübingen. 2001 war sie »Writer in Residence« im Literaturhaus Basel, 2006 in Tours, 2008 an der Washington University in St. Louis, 2009 an der Stanford University und der Cornell University in den USA, 2011 hatte sie die Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik 2011 inne.
Ihre Theaterstücke (»Die Kranichmaske die bei Nacht strahlt«, »Orpheus oder Izanagi. Till« und »Wie der Wind im Ei«) wurden in Graz und Hannover uraufgeführt und international als Gastspiele gezeigt. Zusammen mit der Pianistin Aki Takase hat Yoko Tawada 2002 die CD »diagonal« eingespielt.

Auszeichnungen:
Förderpreis für Literatur der Hansestadt Hamburg 1990
Gunzô-Shinjin-Literaturpreis, Japan 1991
Akutagawa-Literaturpreis, Japan 1993
Lessing-Förderpreis 1994
Izumi-Kyooka-Literaturpreis, Japan 2000
Writer-in-Residence im Literaturhaus Basel Juni-August 2001
Bunkamura Prix Des Deux Magots, Japan 2002
Ito-Sei-Literaturpreis, Japan 2003
Tanizaki-Junichiro-Literaturpreis, Japan 2003
Goethe-Medaille 2005
Murasaki-Shikibu-Literaturpreis, Japan 2011
Noma-Bungei-Literaturpreis, Japan 2011
Writer-in-Residence an der Sorbonne in Paris 2012
Yomiuri-Literaturpreis, Japan 2013
Erlanger Literaturpreis für Poesie als Dichtung 2013

Leseprobe

Slavia in Berlin

Ich nahm Abu Simbel von meinen Kamerun und ging Los Angeles,
verabredet um drei Uhr.
Ein Sonntag mit leuchtenden Aluminiumblättern
in Berlin.
Zigarettenautomaten waren Heilbronn,
Fahrkartenautomaten waren Kapstadt.
Die Maschine nahm meine Europa nicht an,
weder München noch Scheine.
Willst du dann in den Schwarzwald fahren?
Nein, aber ich war spät dran,
mußte ein Texas nehmen.
»Nach Prag, bitte«, sagte ich,
»Prag auf der Stubenrauchstraße,
EckeWiesbadenerstraße!«
Der Texasfahrer schaute mich besorgt an.
»Sinai, Sinai, Sie finden dort kein Prag!«
»Abu Dhabi ich muß nach Prag!«
Wir fuhren südwärts,
Strassenschilder flogen vorbei,
unbekannte und bekannte Namen,
ohne Bindestrich miteinander verbunden.
Mein Kummer
ist eine Komma, nach der alten Rechtschreibung eingesetzt.
Und dann
ein Punkt – er ist weder alt noch neu.
»Hier sind wir, aber wie gesagt ...«
»Lassen Sie mich dann hier Australien!«
»Hier Ägypten es aber kein Prag.«
»Ich werde sie schon Finnland.«
Ein Sportplatz, eine Graz bewachsene Baustelle.
Von der Richtung Rheingaustraße
kamst du in einer Leopardenjacke.
»Ich habe Dir den Ort falsch beschrieben«,
sagtest du zu mir.
Dann hast du mir den Kopenhagen abgenommen,
ihn getragen, die Tür geöffnet,
meinen Montreal abgenommen und ihn aufgehängt.
Den hellsten Tisch am Fenster fanden wir ohne Stadtplan.
Eine Kellnerin kam, stolperte,
(Achtung!)
und mein Wasserglas kippte feierlich um.
Sie mochte uns.
Auf der Speisekarte stand eine Jungfrausäule.
Was Süßes? Was Salziges?
(Du warst in K,
Ich war auch in K,
Ich werde in G sein,
Du wirst in T sein.)
Geographisches Gespräch mit
dem Dreieck einer Palatschinke.
Nur Italia sollte in der Tasse bleiben,
sie frißt meine Freunde auf und gibt sie mir nicht wieder .
Zum Glück gibt es aber Hamburg,
und selbst wenn Hamburg...
ist immer noch Hamburg...
Den Hafen auf der Zunge singen lassen,
um ein Lächeln aus deinem Gesicht herauszulocken.
»Aber ich werde dich auch dahin begleiten,
wo kein Name mehr wächst.«
Ein weiteres Lächeln gewonnen.
In Kalifornien warst du ein Reh,
in San-F, in San-D,
Ich aber war in einem San-atorium,
dort blühte eine Akademia,
nicht berühmt aber duftend.
Ich hatte eine botanische Tür hinter mir geschlossen, wollte
nur noch für dich schreiben,
weiter schreiben, fleißig Arabien,
aber doch nicht heute!
Heute ist für das ewige Kaffeetrinken reserviert.
Ein Faya brennt in mir, es kennt keine Grenzach.
Zu spät. Du bist schon aufgestanden,
die Rechnung in der Hand.
Auf dem Boden kriechend suche ich nach dem Sekundenzeiger,
der aus deinem Mund gefallen ist.
Wie lautet der Name der Stadt,
der nie endet?
Seine erste Silbe fällt mir nicht ein.
An ihrer Stelle beginnt schon deine Abwesenheit.
Der Vorhang fällt.
Das Licht geht aus.
Und das Publikum? Ab-Laus!
Laos liegt in der Ferne,
fast wäre ich dort gewesen,
in einem anderen Leben vielleicht.
Du gehst in den Taunus zurück,
und ich fahre zu dem Bahnhof Nirgendzoo.

Bücher

Yoko Tawada
Etüden im Schnee.
Roman. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2014

Mein kleiner Zeh war ein Wort.
12 Theaterstücke. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2013

Fremde Wasser.
Hamburger Poetikvorlesungen. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2012

Abenteuer der deutschen Grammatik.
Gedichte. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2010

Schwager in Bordeaux.
Roman. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2008

Sprachpolizei und Spielpolyglotte.
Literarische Essays. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2007

Das nackte Auge.
Konkursbuch Verlag, Tübingen 2004

Überseezungen.
Konkursbuch Verlag, Tübingen 2002

Spielzeug und Sprachmagie in der europäischen Literatur.
Eine ethnologische Poetologie. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2000

Opium für Ovid.
Ein Kopfkissenbuch von 22 Frauen. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2000

Verwandlungen.
Tübinger Poetik-Vorlesung. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1998

Zweihundertdreiunddreißig Grad Celsius.
Ein Feuerbuch. Blixa Bargeld, Kain Karawahn,Yoko Tawada. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1998

Wie der Wind im Ei.
Theaterstück. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1997

Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden.
Prosa & Lyrik. Übersetzt von Peter Pörtner. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1997

Talisman. Von der Muttersprache zur Sprachmutter.
Literarische Essays. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1996

Ein Gedicht für ein Buch.
Photos von Stephan Köhler. Edition Lange, Hamburg 1996 (Libretto Bd. 1)

Tintenfisch auf Reisen.
3 Geschichten. Übersetzt von Peter Pörtner. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1994

Spiegelbild.
Dt. und jap. Aquarelle von Angelika Riemer. Mariannenpresse, Berlin 1994

Ein Gast.
Roman. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1993

Das Fremde aus der Dose.
Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 1992

Wo Europa anfängt.

Prosa und Gedichte. Jap. und dt., übersetzt von Peter Pörtner. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1991 (NA 2006)

Das Bad.
Kurzer Roman. Übersetzt von Peter Pörtner. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1989

Nur da wo du bist, da ist nichts.
Gedichte & Prosa. Übersetzt von Peter Pörtner. Konkursbuch Verlag, Tübingen 1987

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