Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Jiří Gruša

Ehrengabe zum Adelbert-von-Chamisso-Preis 1997

1938 in Pardubice, Böhmen, geboren.
Studium der Philosophie und Geschichte an der Karlsuniversität zu Prag, 1962 Promotion zum Dr. phil., Tätigkeit als Redakteur, Lektor, Herausgeber verschiedener Zeitschriften, 1970 Berufsverbot wegen kritischer Stellungnahmen. Arbeit in einer Werbeagentur, einem Marketing-Institut, als Polier und Angestellter einer Baufirma. Aktive Beteiligung am »Prager Frühling«, Unterzeichner der Charta 77 und Mitbegründer des Untergrund-Verlags »Edice petlice«. Nach Erscheinen des Romans Der 16. Fragebogen 1978 inhaftiert, nach zwei Monaten auf Intervention von Heinrich Böll freigelassen. 1981 während eines Auslandsaufenthaltes gegen seinen Willen ausgebürgert, arbeitete Jiří Gruša in Bonn, zunächst als freier Schriftsteller im Exil, dann 1990 Botschafter der CSFR in Bonn, 1993 Botschafter Tschechiens, 1997 Minister für Bildungswesen, Jugend und Sport in Prag. 1998–2003 Botschafter der tschechischen Republik in Wien,dann Präsident des Internationalen P.E.N.-Clubs und seit 2005 Direktor der Diplomatischen Akademie Wien. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1996 den Andreas-Gryphius-Preis, 1998 den Internationalen Brücke-Preis, Görlitz, den Inter Nationes-Kulturpreis, 1999 die Goethe-Medaille und 2006 den New Culture of New Europe Award.

Jiří Gruša ist am 28. Oktober 2011 in Bad Oeynhausen gestorben.

Leseprobe

Wortschaft

Erst im stummland
bin ich stumm geworden
erst im stummland
verstand ich
das tier
das schweigsam
bedeutet
und wacht
unsagbar
im raum
des redens 

Aus: »Wandersteine«. Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1994

 

Rede über Deutschland


Wenn Begriffe wie Wahrheit, Freiheit, Einheit – und ihre politischen Abbilder wie Identität, Selbstbestimmung und Nation – ihre Grausamkeit verlieren sollen – die sie ja seit eh und je besitzen, müssen wir fähig sein, sie als freie, wahrhaftige und einheitliche Menschen zu denken. Es ist an der Zeit, im Osten aus dem Dissens den Konsens zu machen. Und es ist an der Zeit, bei Ihnen im Westen, Dissens zu suchen, dort wo man im Namen des Konsens eben nur Ganzheit sucht. Falls Deutschland nicht wieder wie eine Wanderniere Europas herumirren will, muß es seine Einheit verkraften. Denn sie ist kein Bauen, sondern ein Backen. Ein Vorgang, kein Unternehmen. Die Elemente, die Ingredienzen, die hier in Verbindung treten sollen, können es, müssen es aber nicht tun. Hitze, Zeit und Zutaten sind einzuhalten, nicht herbeizutrotzen. Mit anderen Worten, die bei den Deutschen so ungeliebte Tugend des Maßes »Temperantia« wird gefragt. Es kommen die Zeiten der Maß-Regelungen überall und allerorts. Bald werden wir sehen: diejenigen, die kein Selbst haben, werden keins finden. Die Prediger der unerschöpflichen Originalität eines jeweiligen Stammes, entdecken sie in der Uniform der Milizen.

Die Selbstbestimmler werden fremdbestimmt und werden sich darüber nicht einmal sehr wundern. Die Schaffer der Ministaaten werden sich einmal dafür verantworten müssen, ihre Völker aus dem Wettbewerb anderer Nationen hinausgeworfen zu haben. Um das Aufkommende zu meistern, brauchen wir Deutschland. Oder besser: Wir brauchen eine Bundesrepublik, die ihre DDR verdaut hat. Der Friede Deutschlands mit seiner Geschichte ist auch unser Friede.

Es war einmal ein Deutscher, der uns Slawen die gute Nachricht brachte, wir seien göttlichen Ursprungs. Er flößte uns Selbsteinschätzung ein und drückte uns ganz ahnungslos eine antideutsche Waffe in die Hand. Doch Herders Göttlichkeit der Völker, von der hier die Rede ist, war keine Gotteseigenschaft der Nationen im Alltag. Eher ein Innehalten, ein Anerkennen des launischen Zustandekommens jedes Lebens, dieses Wunders, das nichts heilt, weil es heil ist. Diejenigen, die in falscher Anlehnung an Herder ihre Identität selbstisch finden möchten, um einen Selbstbedienungsladen zu eröffnen, in dem alles zum Selbstverständnis wird, sollten mal zu dem O-Ton greifen, – medikamentös.
Denn es steht dort wörtlich:

»Was in den Herzen Anderer von uns lebt,
ist unser wahrhaftes und tiefes Selbst,
was mit der weiten Welt uns einet, was,
uns innern Frieden schafft im Sturm der Zeit,
uns Frevel übersehn, vergessen lernt,
und mild erkläret, wie denn und woher
der Tot ein Tor sei, ist ein großes Selbst …«

Dieses präromantische Gedicht als Lektion der Postmoderne … möchte ich den Deutschen geben … auf den Weg zur Einheit – als Hilfe zur Selbsthilfe.

Auszug aus: Reden über Deutschland 3. C. Bertelsmann, München 1992

Bücher

Jiří Gruša
Die Macht der Mächtigen oder Die Macht der Machtlosen.
Mit Václav Havel. Wieser, Klagenfurt 2006

Als ich ein Feuilleton versprach. Handbuch des Dissens und Präsens.
Essays, Überlegungen und Interviews 1964–2004. Czernin, Wien 2004

Glücklich heimatlos.
Einblicke und Rückblicke eines tschechischen Nachbarn. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2002

Gebrauchsanweisung für Tschechien.
Piper, München 2000.

Laterna Magica. Einblicke in eine tschechische Fotografie der Zwischenkriegszeit.

Hrsg. von Margit Zuckriegl. Mit einem Text von Jiři Gruša. Rupertinum, Salzburg 2000

Das Gesicht – der Schriftsteller – der Fall.
Vorlesungen. Mit einem Essay von Utz Rachowsky, einem Nachwort von Ludger Udolph und einer Bibliographie von Susanne Fritz. Dresden. Thelem bei w.e.b.-Universitäts-Verlag, 1999

Wandersteine.

Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1994

Prag. Einst Stadt der Tschechen, Deutschen und Juden.
Bildband. Jiří Gruša, Eda Kriseova, Petr Pithart. Langen-Müller, München 1993

»Wie sehen unsere Nachbarn die deutsche Entwicklung?« Die deutsche Entwicklung aus tschechoslowakischer Sicht.
Vortrag. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1991

Auf der Brücke zum Morgen. Prag – Die goldene Stadt der 100 Türme.
Mit Jan Hnízdo. Eulen-Verlag, Freiburg i.Br 1991

Babylonwald.
Gedichte 1988. Mit einem Nachwort von Sarah Kirsch. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1991

Prager Frühling – Prager Herbst.
Blicke zurück und nach vorn von Heinrich Böll u.a. Hrsg. von Tomas Kosta und Jiří Gruša. Bund-Verlag, Köln 1988

Mimner oder das Tier der Trauer.
Roman. Bund-Verlag, Köln 1986

Janinka.
Roman. Bund-Verlag, Köln 1984

Franz Kafka aus Prag.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1983

Der 16. Fragebogen.
Roman. Übersetzt von Marianne Pasetti-Swoboda. Hoffmann und Campe, Hamburg 1979.