Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Güney Dal

Adelbert-von-Chamisso-Preis 1997

1944 in Canakkale, Türkei, geboren,
wuchs in Anatolien auf. Er studierte in Istanbul Romanistik, arbeitete als Landvermesser, Synchronsprecher, Buchhändler und Journalist. Seit 1972 lebt er in Berlin.
Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, 1976 den Romanpreis des Istanbuler Millyet Verlags sowie 1980, 1983 und 1986 Literaturstipendien des Berliner Senats.

Leseprobe

Exil bedeutet Angst.
Ob man nun wegen politischer oder ökonomischer Probleme, oder aber wegen solcher mit seiner eigenen Innenwelt in die Verbannung, in das Exil geschickt wird, bzw. sich dorthin aufmacht, immer flieht man dabei vor einer Summe von Ängsten und stürzt sich in das Unbekannte, das man Exil nennt, taucht hinein und überläßt sich einer Welt der Ängste, die noch verwickelter und hoffnungsloser ist. Dort findet man sich plötzlich in noch größerer Ausweglosigkeit wieder. »Ein Baum wird entwurzelt«, »ein Berg verpflanzt« – und der Mensch, der in die Verbannung, ins Exil geht, ist nicht mehr der alte, ist nicht derselbe wie vor der Verbannung. Selbst wenn die Bedingungen für eine Verbannung oder ein Exil nicht mehr vorhanden sind, lassen sich die Spuren der Vertreibung und die daraus erwachsenen Ängste, die gelegentlich das Atmen schwer machen, aus den Tiefen von Psyche und Hirn eines Menschen nie wieder entfernen. Beständig ist er in Sorge; selbst wenn er an einem wirklich »sicheren« Ort wohnt, wo niemand hinkommen kann und die Türen ganz fest verschlossen sind, taucht bestimmt von irgendwo jemand auf und will ihn auf seine Weise und mit Methoden foltern, an die er nie gedacht, auf die er nie gekommen wäre. Denn im Exil, in dieser Wartezeit, hat er sich so viele verschiedene Phantasien ausgemalt, hat sich vorgestellt, wie er selbst, seine Kinder, seine Frau, wie alle möglichen Menschen, die ihm nahestehen, gefoltert und gequält werden, und er kann sich ein Leben ohne Angst gar nicht mehr denken. Mit der Seele ist der Leib, mit dem Leib ist nun auch stets die Seele krank. In O. M. Grafs Die Flucht ins Mittelmäßige sagt Martin: »Unsere Emigration fängt doch jetzt an, nachdem der Krieg vorüber ist. Bis jetzt war’s doch bloß eine Wartezeit! …« Und das »Warten« geht ein Leben lang weiter, selbst dann, wenn alle Bedingungen für das Exil aufgehoben sind …
Die Angst, die einen Schriftsteller dabei am stärksten ins Schwitzen bringt, ist die, seine Muttersprache, die er ins Exil mitgebracht hat, könne dort geschwächt, sie könne, da sie dort weniger oder gar keinerlei Nährquellen findet, mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Stefan Zweig schreibt in einem Brief an Felix Braun, ständig eine Fremdsprache benutzen zu müssen, ermüde sein Hirn, es überkomme ihn die Angst, er könne seine eigene Sprache vergessen.
Es ist mir immer schwergefallen, nach den Stunden der Arbeit in die »deutschsprachigeWelt« hinüberzugehen. Wenn ich gleich nach den Stunden der Arbeit mit dem Briefträger, meinen Nachbarn, dem Kaufmann rede, gerät meine Zunge ins Stocken, ich brauche Zeit, die deutschen Wörter aus den türkischen herauszusortieren, und natürlich wartet auch mein Gegenüber nicht immer geduldig.

 Aus: Berlin – Eine Ortsbesichtigung. Kultur, Geschichte, Architektur. Transit Verlag, Berlin 1996

Bücher

Güney Dal
Janitscharenmusik.
Roman. Übersetzt von Carl Koß. Mit einem Vorwort von Sten Nadolny. Piper, München 1999

Teestunden am Ring.
Roman. Übersetzt von Carl Koß. Piper, München 1999

Eine kurze Reise nach Gallipoli.
Roman. Übersetzt von Carl Koß. Piper, München 1994

Geschichten aus der Geschichte der Türkei.
Übersetzt und hrsg. von Güney Dal und Yüksel Pazarkaya. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt am Main 1990

Der enthaarte Affe.
Roman. Übersetzt von Carl Koß. Piper, München/Zürich 1988

Die Vögel des falschen Paradieses. Yanlıs Cennetin Kusları.
Erzählungen in zwei Sprachen. Übersetzt von Eva Warth-Karabulut. Dagyeli, Frankfurt am Main 1985

Europastraße 5.
Roman. Übersetzt von Carl Koß. Buntbuch-Verlag, Hamburg 1981

Wenn Ali die Glocken läuten hört.

Übersetzt von Brigitte Schreiber-Grabitz. Edition der 2, Berlin 1979