Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Abdellatif Belfellah

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1998

geboren 1954 in der Hafenstadt Asfi in Marokko,
250 km südlich von Casablanca. Nach dem Baccalauréat (Lettres Modernes) am Gymnasium Ibn Khaldun Studium der Philosophie und Literatur an der Universität Mohammed V in Rabat, Abschluß an der Sorbonne (Paris I). Filmclub- Moderator und Französischlehrer am Collège Moulay Youssef in Asfi. Von 1978–88 Aufenthalt in Paris, unterbrochen von Reisen durch Europa, Afrika, Asien, Nordund Südamerika. 1988 Übersiedlung nach Deutschland, Deutsch- Studium an der Universität Münster/Westfalen. Seit 1991 Veröffentlichungen in deutschen Anthologien, in lit. Zs. und Tageszeitungen sowie im Radio (u.a. ad libitum, Chiffre, die horen, Die Weltbühne, Freitag, Neues Deutschland, Frankfurter Rundschau, Lettre International). Seit dem 11. Mai 2000 deutscher Staatsbürger.

Leseprobe

ACH, DU LIEBER MUND...
»Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken?« Martin Luther (1483–1546)
(…)
Ob Panther Flecken oder Streifen haben?...?! Welches Tier kommt eigentlich in der Übertragung vor? Mal Tiger, mal Panther, mal Leopard, mal Pardel? Ob Mohren Häute oder Farben ans Licht bringen? Er – wer war er? Mal Neger, mal Mohr, mal Äthiopier, mal Farbiger? Im Grunde wurde er zum Bild einer Oberfläche – eine zum Namen gewordene Körperoberfläche. Auf Übersetzer und deren Dolmetscher kam es an! Auf Stärke und Schwäche der Farbenblindheit des Auges. Denn für jedes Auge gab es einen Blick. Denn für jedes Wort ein Wort – je nachdem was man in Deiner Nähe fällt: Urteile oder Bäume? Wörter oder Dinge?Was tun? Stell das Wort Malzeichen Deinem Alltag voran!
(…)
Bist Du so beschaffen, daß man Dich in die Bestandteile Deiner Verwandlungen zerlegen kann? Dich wird schon der Humor der Mathematik trösten, Dir ermöglichen, das Ich in Faktoren zu zerlegen. Man strich Dir Monade durch – in Abwesenheit. Ersetzte die Monade durch Nomade in der Absicht, vermeintlich Falsches zu berichtigen. Dies auch in Abwesenheit! Wörter … Wörter … Wörter und deren Worte wurden zu Orten ungefährer Zufälle und unverständlicher Mißverständnisse.Widerwörter und deren Wiederworte nahmen Wort an am Ort ungeschriebener Lebensblätter anhand ungelebter Biographien, welche sich mal weiblich, mal männlich verkleideten ohne Anspruch auf Geschlechtserfindung noch Anspruch auf sprachliche Ermittlungen. Und obwohl sich keine Wortleichtsinnigkeit noch Sprachfahrlässigkeit am Sprachort auswies, wurde er zur Mundverantwortung gezogen im Namen …, in wessen Namen eigentlich?!
(…)
Eine Wende fand in ihm statt. Eine Wende, deren Bestimmungswort ein anderes Wort war als das Wort Zeit: Sprachwende! ( … ) Indem er der Sprache beiwohnte,
entkam er jüngsten Sprachen und Wenden, alten Mythen und Fiktionen. Indem er sich wortlich erfand, entstand er sprachlich in einem Mythenbecher, in einem Würfelbecher, warten auf Glückswort und Wortglück – auf den Wurf. Die Erfindung entsprang beweglicher Ontologie freiwilliger Mundwahl innerhalb zufälliger Sprache. Er lebte aufs Geratewort mit Empfindungen und Neigungen zu Mundkonturen, eigentlich mit dem Verlangen danach: aus eigenem Wort, aus eigenem Mythos zu bestehen: sich in eigener Sprache zu bewegen mit dem Mundgefühl, ein Wort für sich allein zu haben so wie ein Zimmer für sich allein zu bewohnen: Sprache bewohnen, von ihr bewohnt werden! Ach, Du lieber Mund, der Fisch hat gesprochen – ja es sei!
(…)
In seinem Verständnis sei Sprache, daseinsmäßig gesprochen, eine unsichtbare, wohl sprech- und hörbare Größe gewesen, da die Zugehörigkeit allein durch die, nicht institutionell, sondern grammati(kali)sch erfassbare, Mundrechtfertigung begründet werde – in Erinnerung an die verborgene Kirche, an deren verborgenen Mund, an Martin Luthers Gottesbildungsroman: So geh nun hin, ich will mit deinem Mund sein und dir lehren, wie du es sagen kannst. Was wollte er sagen? Ob es sich um eine Sprache handle, welche Dir keine Sprache sein könne? Ein Haus, welches Dir kein Haus sein könne? Letzten Endes entschied das Wort – des Wortes letztes Wort. Nicht um eines Wortes Reiz ging es. Denn anderes als diese Mundwahl und deren Verwirklichung auf Grund von Wortverwandtschaften innerhalb bloßer Sprachgrenzen: die hiesige Sprache. Auf dem Wortspiel standen Wörter, die sich erfinden, ihn in deren Worterfindung unterbringen ließen. Diese nahmen ihm die Illusion, ein Ganzes, ein Vollendetes gewesen zu sein. Nachdem Sprache ihn vor vollendeten Mund gestellt hatte, stellte sie ihn nun vor vollendetes Sein, nun vor vollendetes Dasein: Er solle sprechen – einstweilen! Die Mischung aus Forderungen und Herausforderungen versetzte ihn in den Zustand des Vielleichts – ins Gefüge des Magseins.
(…)
Dem Artikel drei des Grundgesetzes fehle seinem Rechtsempfinden, also seinem Sprachempfinden, ein vierter Paragraph, niemand dürfe wegen seiner mythologischen noch literarischen, also sprachlichen Anschauungen und wortlichen Erfindungen und Prägungen benachteiligt werden. Dieses Recht auf sprachliche Wende im Sinne beweglicher Ontologie hätte er mit vergnügten Augen in die Erklärung der Menschenrechte aufgenommen gesehen. Daneben: Charles Baudelaires Wunsch Le droit de s’en aller – das Recht wegzugehen. Im Grunde genommen ein Recht auf nichtursprünglichen Ursprung, auf nichtetymologische Etymologie – die erfundene Genealogie auf die Gefahr eigener Philologie: das Alter der Selbsterfindung in dieser oder jener Sprache anhand eines volljährigen Mundes zu erreichen – die Sprache gewähre, die Politik verweigere.
(…)
Ob das Beiwort groß das Wort Größe groß mache? Müsse er sich stets erfinden? Ja, er mußte sich täglich erfinden! Möglich wär’s, sich in nicht ursprüngliche Sprache Mythen und Existenzen zu erfinden – zu ersprechen!? Ob es möglich wäre, deren Erfindung zu vergessen, nachdem man sie erfunden habe? Der Maler malt sich aus Farben Wirklichkeiten und Landschaften. Müsse er die Memoiren eines Wendehals schreiben: Wie man sich schnell Neuem anpasse und noch schneller Altes verleugne? Wie könne er Hiesiger sein ? Die Antwort: Wie konnte er das sein, was er war? Das werden, was er ward? Ach, Du lieber Mund, der Fisch hat gesprochen – ja es sei!

Bücher

Abdellatif Belfellah
»Am offenen Wort, Mythen – Wende zur Sprache«.
In: Male – Zeichen und Spiegel der Zeit. Druck-Verlag Kettler, Bönen 2000

»Niemand empfahl mir Sir Lichtenberg«.
In: die horen (Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik Nr. 193), 44. Jahrgang 1. Quartal 1999

»Woher kommt die Taubheit der Bäckerin«.
In: Bei Anruf Poesie. Ardey-Verlag, Münster 1999

»Monolog«.
In: Ich habe eine fremde Sprache gewählt. – Bleicher, Gerlingen 1998

»Am Ort…« und »Labyrinth« (Romanauszüge).
In: Neue Sirene (Zeitschrift für Literatur), 5. Jahrgang Nr. 8. April 1998

»Lichter der Kleinstadt«.
In: Am Erker (Zeitschrift für Literatur Nr. 36), Winter 1998

»Konfession – wem gehört die deutsche Sprache?«.
In: »Titrit«. In: Am Erker (Zeitschrift für Literatur Nr. 34), Winter 1997/98

»Deutsche Sprache«.
In: Lettre international, Heft 20, Frühjahr 1993 »Thomas Morus’ Utopia oder die zweideutige Rhetorik«. In: Chiffre (Zeitschrift für Literatur und andere Hirngespinste Nr. 5), November 1995 – April 1996

»Die Satanischen Verse oder das Versäumte literarische Rendezvous«.

In: ad libitum (Sammlung Zerstreuung Nr. 24). Verlag Volk und Welt, Berlin 1992

»Der Geruch von Tazmamart«.
In: Die Weltbühne (Wochenschrift für Politik Kunst Wirtschaft). Heft 46, 10. November 1992