Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Selim Özdogan

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 1999

1971 in Köln als Sohn türkischer Eltern geboren. Nach dem Abitur Studium der Völkerkunde, das er ohne Abschluß abgebrochen hat. Danach arbeitete er in zahlreichen Jobs, bevor er anfing, für Zeitungen zu schreiben.
1996 erhielt er den Förderpreis des Landes NRW in der Sparte Dichter, Schriftsteller. Seit 1995 lebt er als freier Schriftsteller in Köln. 1996 erhielt er den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Sein Roman »Im Juli« basiert auf dem Drehbuch zu Fatih Akins gleichnamigem Film, sein Buch »Zwischen zwei Träumen« wurde für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2010 als bester Roman nominiert. Parallel zu seinen Büchern veröffentlicht er einige Hörbücher.

Leseprobe

Nur Streber und Vollidioten setzen sich in die erste Reihe. Nur Schleimer und Anwärter des Schwachsinns, nur Leute, denen die Worte des Lehrer mehr bedeuten als ein paar gute Witze und Mutmaßungen darüber, welches von den Mädchen nicht mehr Jungfrau ist. Leute, die die Schule als ihren einzigen Lebensinhalt betrachten, die keine anderen Begierden und Sehnsüchte haben außer einem Zeugnis voller Einser, die sich noch nie mit Marmelade bekleckert haben. Die Leute in der ersten Reihe konnte man vergessen.
Wie gesagt, es saßen nur Streber und Vollidioten da.
Und ich. Weil ich keine Angst davor hatte, vorn zu sitzen und die Schweißperlen auf der Glatze des Lehrers zu betrachten, und aus Trotz. Und weil die da hinten sich vielleicht wunderten, warum ich das tat. Die Schüler vorn interessierten sich nicht für mich, die hatten nur ihre Bücher und Noten im Kopf, aber die in der letzten Reihe hielten mich bestimmt für seltsam.
Früher saß ich noch in einer der mittleren Reihen, doch eines Tages fingen sie an, über mich zu lachen. Sie tuschelten und kicherten hinter meinem Rücken. Wenn ich irgendwo Gelächter hörte, fühlten sich meine Beine an, als hätte ich nie laufen gelernt. Dann versuchte ich mich zu erinnern, wie die übliche Stellung meiner Beine beim Gehen war, aber in wie viele verschiedene Stellungen ich sie auch brachte, keine schien die richtige zu sein. Ich hatte die Gewißheit, lächerlich auszusehen und jede Sekunde, in der sie in meiner Nähe giggelten, fühlte ich mich mieser und kleiner. Hinterher haßte ich sie jedesmal ein bißchen mehr.
Sogar auf der Straße lachten wildfremde Leute über mich. Oft schielte ich dann in ein Schaufenster, um festzustellen, ob mir jemand etwas auf den Rücken geklebt hatte. Aber da war nie etwas. Ich war nicht in Scheiße getreten, meine Hose hatte keinen klaffenden Riß, und es war auch nicht »Dummkopf« in meinen Nacken tätowiert. Die Menschen lachten nur dann nicht, wenn ich versuchte, einen Witz zu machen.

Ich war siebzehn Jahre alt, trug nur schwarze Klamotten, saß in der ersten Reihe, und meistens ging es mir schlecht. Hinter mir die Blödköpfe in der letzten Reihe, neben mir die Geistwesen und zwischendrin der ganze Rest, weder Fisch noch Fleisch, nicht mal Junkfood. Das Leben lief an mir vorbei. Ich fühlte mich alt und müde, monatelang lag ich nachmittags auf meinem Bett, hörte Joy Division und Smiths und träumte oder las in einem Buch, was auf das gleiche hinauslief. Ab und zu kam meine Mutter ins Zimmer, ließ mich den Müll hinuntertragen und beklagte sich über meine Faulheit. Sonst passierte nichts. Ich lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Ich wußte nicht, wie die anderen ihre Nachmittage verbrachten, und ich hätte einiges darum gegeben, es in Erfahrung zu bringen. Sie mußten etwas gefunden haben, sie waren nicht so wie ich. Sie schienen ihr Leben zu genießen, aber mir war nicht klar, wie sie das machten.

Aus: »Feuer, Lebenslust!« Erzählungen deutscher Einwanderer.

Bücher

Selim Özdogan
Wieso Heimat, ich wohne zur Miete.
Roman. Haymon Verlag, Innsbruck 2016

DZ.
Roman. Haymon Verlag, Innsbruck / Wien 2013

Was wir hörten, als wir nach der Wahrheit suchten.
Prosa und Poetologie. rhein wörtlich, Köln 2013

Der Klang der Blicke.
Geschichten. Haymon, Innsbruck 2012

Kopfstand im Karma-Taxi. Bekenntnisse eines Pranajunkies.
Prosa. Edition Spuren, Winterthur 2012

Passen die Schuhe, vergisst man die Füße.
Die Zeit-Online-Kolumnen. asphalt & anders Verlag, Hamburg 2012

Heimstraße 52.
Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2011

Ein Glas Blut.
Kurzprosa. Asphalt & anders, Hamburg 2011

Zwischen zwei Träumen.
Roman. Edition Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009

Tourtagebuch.
Kartaus Verlag, Regensburg 2006

Die Tochter des Schmieds.
Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2005

Trinkgeld vom Schicksal.
Geschichten. Aufbau-Verlag, Berlin 2003

Ein Spiel, das die Götter sich leisten.
Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2003

Traumland.
Tonträger. Der Audio-Verlag, Berlin 2000

Im Juli.
Roman. Europa-Verlag, Hamburg 2000

Mehr.
Roman. Rütten & Loening, Berlin 1999

Ein gutes Leben ist die beste Rache.
Geschichten. Rütten & Loening, Berlin 1998

Nirgendwo & Hormone.
Roman. Rütten & Loening, Berlin 1996

Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist.
Roman. Rütten & Loening, Berlin 1995

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