Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Aglaja Veteranyi

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2000

1962 in Bukarest, Rumänien, geboren. Als Kind einer Zirkusfamilie Reisen mit dem Zirkus in Europa, Afrika und Südamerika, Auftritte in Varietés. Schauspielausbildung an der Schauspiel-Gemeinschaft Zürich (SGZ) und danach freie Schauspielerin und Autorin. Ab 1985 Unterricht, 1988 Leitung der SGZ zusammen mit Christian Seiler. 1992–98 Mitleitung der Schreibwerkstatt »Ohrenhöhe«. 1993 Gründung der literarischen Experimentiergruppe »Die Wortpumpe« mit René Oberholzer, 1996 Gründung der Theatergruppe »Die Engelmaschine« mit Jens Nielsen.
Sie veröffentlichte Prosa und Lyrik in Anthologien, zahlreichen Literaturzeitschriften und Zeitungen, und gastierte mit literarischen und Theater-Projekten im In- und Ausland. Der Roman Warum das Kind in der Polenta kocht wurde 2001 ins Rumänische, Spanische und Französische übersetzt; Uraufführung der Bühnenfassung im Theater Neumarkt, Zürich 2001. Sie erhielt seit 1988 zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u.a. 1999 Werkjahr der Stadt Zürich und Ehrengabe des Kantons Zürich und 2000 den Förderpreis »Kunstpreis Berlin 2000«.
Aglaja Veteranyi ist am 2. Februar 2002 in Zürich gestorben.

Leseprobe

Die Dyrektorin

Teodor Pop steht auf der Brücke. Neben ihm Koffer und Füsse.
Im Koffer hat Teodor Pop Zungen.
3 Zloty das Stück.
Die Dyrektorin kommt.
Heute trägt sie ein schwarzes Seidenkleid und ein polnisches Schultertuch.
In der Hand ein Lacktäschchen, groß wie eine Birne.
Heute kommt die Dyrektorin in Begleitung. Sie führt den Fluss Spazieren.


Dieser Text entstand während einer Schreibwerkstatt der Robert Bosch Stiftung in Krakau im Juni 2001. Die Autorin widmete ihn Zehra Çırak.

 

 

Der Koffer

Im Urlaub schließt sie sich in ihrer Wohnung ein
Und schreibt Ansichtskarten an die Verwandten.
Liebe Grüße aus dem Ausland.
Ich habe viel zu tun.
Es geht mir gut.
Ich vermisse Euch.

Wollen die Verwandten sie besuchen, schreibt sie zurück.
Leider bin ich in den nächsten Wochen weg. Gerne empfange ich Euch ein
andermal.
Ich vermisse Euch.

Die Karten ihrer Verwandten legt sie in den großen Ansichtskartenkoffer. Er
liegt auf dem Schrank und erinnert sie an die Reise.
Einmal wird sie die Verwandten vielleicht besuchen.
Sie bereitet sich seit 20 Jahren darauf vor.

 


Die Fremde

Neulich ist eine alte Frau beim Aussteigen aus dem Bus gestürzt. Ihre Perücke
fiel auf den Boden und blieb neben ihr liegen. Ein zweiter Kopf ohne Gesicht.

Es eilten sofort viele Menschen herbei, aber die Frau blieb reglos liegen.

Es hat sich niemand mehr bewegt seither, obwohl die Frau eine Fremde war
und diese Stadt nicht liebte.

 


Aus: "Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter".
© Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, München

Bücher

Aglaja Veteranyi
Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004

Das Regal der letzten Atemzüge.
Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München / Stuttgart 2002

Geschenke – Ein Totentanz.
Mit Originalholzschnitten von Jean-Jacques Volz. Edition Peter Petrej, Zürich 1999

Warum das Kind in der Polenta kocht.
Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999