Terézia Mora

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2000

1971 in Sopron, Ungarn, geboren. 1990 Übersiedlung nach Deutschland. Von 1989–95 studierte sie Theater- und Literaturwissenschaft in Budapest und Berlin. 1996/97 arbeitete sie als freie Dramaturgin für Drehbuchentwicklung, anschließend begann sie ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Das ZDF sendete im Jahr 2000 den Film »Das Alibi« (Regie: Christine Wiegand), zu dem sie das Drehbuch verfaßt hat. Seit 1998 freie Autorin und Übersetzerin aus dem Ungarischen, unter anderem Harmonia Cælestis von Péter Esterházy, Minutennovellen von István Örkény, Die letzte Fenstergiraffe von Péter Zihaly und Meines Helden Platz von Lajos Parti Nagy sowie für verschiedene Anthologien und Zeitschriften. Uraufführung ihres Theaterstücks »Sowas in der Art« im Mai 2003 in Mühlheim/Ruhr. 2006 hatte sie gemeinsam mit Péter Esterházy die Tübinger Poetikdozentur inne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise, u.a. den Open-Mike-Literaturpreis, 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2002 den Jayne-Scatcherd-Übersetzerpreis, 2004 den Preis der Literatour Nord und den Mara-Cassens-Preis sowie 2005 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Leseprobe

WIR, das sind: ich und die anderen, die auch hier sind, teilweise Familie. Wir teilen uns ein Haus, teils Bunker, teils Hotel. Zur Straße hin auf jeden Fall ein Amüsierbetrieb, nach hinten hinaus eine künstlich angelegte Oase – dahinter und rundherum ist die Wüste. Wir sind eine Karawanserei, wir kleiden und wir benehmen uns so, gehen mit großem Getöse ein und aus, erzeugen, und nicht schlecht, die Illusion von Bewegung. In Wahrheit rühren wir uns nicht vom Fleck. Warum auch, das hier ist unser Zuhause, auch wenn alles etwas provisorisch wirkt, als würden wir gleich weiterziehen, aber das, wie gesagt, passiert nicht. Was unter anderem daran liegt, dass hier niemand in seinen eigenen Schuhen steckt. Dass hier irgendetwas Gemeineigentum wäre, denke ich nicht. Es handelt sich wohl eher um ein Spiel, das schon so lange geht, dass wir längst vergessen haben, was wem gehört oder wer wer ist. Habe ich (Wer oder was? Ein Gast? Ein Familienmitglied? Die heimliche Besitzerin von all dem? Eine beauftragte Beobachterin?) je ein eigenes Kleid besessen, oder hat man mich bei meiner Ankunft (Bin ich geboren worden? Bin ich angereist? War ich beide Male nackt?) mit dem nächst besten verhüllt, und so halte ich es bis heute? Hat mein Vater den geblümten Kimono meiner Mutter weggenommen, um sich an ihr zu rächen, – Wofür, dafür, dass sie jetzt draußen steht und in die Sterne schaut; oder dafür, dass sie junge Männer in ihren Garten lockt, oder sich unten in der Bar in ihre Band drängt, aus sexuellen Gründen und um sich zujubeln zu lassen; oder dafür, dass sie uns beim Abendessen anschaut, als wären wir Fremde –, oder hat er ihn sich bei einer der einsamen jungen Frauen ausgeborgt, die nicht selten bei uns absteigen. Meist sind sie nicht im Urlaub, sondern auf der Flucht, und oft tragen sie altmodische getupfte Kleider. Marilyn ist nie passé. Wenn eine weiterzieht, kommt sofort die nächste, ich werde den Verdacht nicht los, dass es immer wieder dieselbe ist, sie trägt bloß eine andere Perücke. In der Bar scharen sich sofort die allesamt nicht in Frage kommenden Männer um sie, ob sie will oder nicht, sie versteht es, zu posieren. Oben im Zimmer, wo es etwas privater ist, kommt manchmal mein Vater vorbei, der sich in Schale geworfen hat, lässt sich lässig neben sie aufs Bett fallen und macht einen auf väterlich. Seine wahren Absichten sind klar. Wenn das nicht geht, weil meine Mutter den Anzug versteckt hat oder der amerikanische Cousin (dieser Gigolo!) ihn, wie zu erwarten war, ausgestochen hat, zieht er sich in die Küche zurück und wartet dort auf seine Chance, wohl wissend, dass einem unter Umständen ein Unterhemd und ein Omelett beträchtlich weiter bringen. Manchmal ist es die Fremde, die verlockt, und manchmal das Zuhause. Je mehr es wie ein chinesischer Trödelmarkt eingerichtet ist, umso besser. Das selige Vertrauen, das in benutzten Möbeln wohnt. Da folgt mein Vater, ebenso wie die anderen, seinem Instinkt, denn dass er allzu reflektiert wäre, kann man nicht behaupten. Offen gestanden, hat er von den meisten Dingen keine Ahnung, auch wenn er gelegentlich, allein oder mit anderen, trunken oder nüchtern, dazu neigt, viel zu reden. (Und ich rede viel über ihn. Ist das so, weil das Patriarchat herrscht, oder ist seine Abwesenheit tatsächlich interessanter als die meiner Mutter?) Von Zeit zu Zeit, nüchtern oder nicht, neigt er also zu vielen Reden. Meist spricht er über den Staat, alsodie Ordnung, viel in Form von Beschimpfungen, insbesondere Polizisten hat er gefressen (War da was? Oder sind sie für ihn, wie er für mich ist?), im Großen und Ganzen aber, soweit ich ihn verstanden habe, ist er Kapitalist. Was das mindeste ist, schließlich lebt er davon. Salude, dinero e amor, heben wir das Glas. Er lebt also davon und ignoriert es, so umfassend, wie es eben geht. Zum Beispiel tut er so, als wüsste er nicht, dass Krieg ist. Das gelegentliche Auftauchen junger Soldaten, die sich als alte Frauen verkleiden, verbucht er unter Crossdressing. Er kann es sich leisten, weil er hier etwas ab vom Schuss ist, das heißt, sein Leben ist nicht unmittelbar bedroht, egal, was er tut oder sagt oder nicht tut oder nicht sagt. Seine größten Kämpfe trägt er im Bett aus. Wer mich vergewaltigt, den bringe ich um. Ja, auch ich habe meine Aggressionen. Manchmal ist einfach das Kostüm, das mir für den Tag zugefallen ist, unbequem. Klar, dass man da unleidlich wird. Und manchmal ist es einfach alles, was da zu sehr aufeinander liegt, diese ganze schäbige Welt, billig, laut und scharfkantig. Alles ist im Überfluss da, also auch der Hunger und der Morast. Wobei mich, anders, als man vielleicht denken würde, nicht das Welke beunruhigt, nicht die Indizien der Vergänglichkeit (ehrlich gesagt, ist das sogar meine hauptsächliche Hoffnung), im Gegenteil, es ist die Dauer in den Dingen. Plastik, das so alt ist wie ich, wird noch die zehnte Generation, die mich vergessen haben wird (oder verwechselt; einmal machte mir mein Vater fast eine Stunde lang den Hof, und das lag nicht an meinem getupften Kleid), überleben. Die neueren Sorten zerfallen angeblich an der Luft, lösen sich sozusagen in Luft auf, das zu beobachten könnte mir gefallen. Sicher entsteht dabei etwas Hitze und auch ein Geräusch. Wobei es mit den leisen Geräuschen so eine Sache ist, hier, wo immer etwas an ist, Musik, Spielkonsolen und die unvermeidlichen Videos. Ich wundere mich, wie die Soldaten schlafen können. Obwohl, bei entsprechendem Leidensdruck geht bekanntlich alles. Notfalls baut man ans Haus an, stellt die Bühne um, gelegentlich ein Aderlass oder ein Besäufnis – jeweils aus medizinischen Gründen.
Was mich anbelangt, bin ich mit sehr wenig zufrieden. Das Angebot – materiell, geistig, ja sogar emotional – übersteigt bei weitem meine Nachfrage. Aus dem Gewimmel der Texte schnappe ich mir selten mehr als einen Satz, weil er mir gefällt, oder weil er mir nicht gefällt. Mit dem verziehe ich mich dann in meine stille (die Relativität dessen siehe oben) Ecke und wälze mich mit ihm, solange ich will. Oder er will. Wer mich vergewaltigt, den verscharre ich hinter dem Haus, wo üppig die Bananen wuchern.
Alles in allem kann ich sagen, dass ich mich heimisch fühle hier. Was nicht dasselbe ist wie glücklich, aber auch nicht das Gegenteil. Alles ist etwas künstlich, aber was wäre noch mal das Natürliche? Und könnten wir das überleben? Gelegentlich, ich gebe es zu, langweilt mich das alles auch, aber das ist in Ordnung. Ablenken kann jeder Idiot. Es auszuhalten ist die hohe Kunst.

 

Unveröffentlichter Text nach Inszenierungsfotos der Berliner Volksbühne, 2005

Bibliografie

Terézia Mora
Seltsame Materie. Erzählungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1999 (Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg, 2000; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Tb, 2000)

NULL. Anthologie im Internet. Köln: DuMont Verlag, 1999

»Der ungleichgültige Ort. So kam ich«. In: New York–Berlin–Moskau. Literaturmagazin 46. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2001

Alle Tage. Roman. München: Luchterhand Literaturverlag, 2004