Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Ilija Trojanow

Adelbert-von-Chamisso-Preis 2000

1965 in Sofia, Bulgarien, geboren. 1971 Flucht über Jugoslawien nach Italien, dann nach Deutschland. Politisches Asyl. Bedingt durch den Beruf des Vaters 1972–77 Schulbesuch in Kenya. 1978–81 Erlernen der deutschen Sprache in Deutschland, danach Besuch der deutschen Auslandsschule in Kenya. 1984 Abitur und Aufenthalt in Paris, Beginn der journalistischen Arbeit. 1984–89 Studium Jura, Ethnologie und (laut eigenem Bekunden) »Havarie« in München, Reisen durch Afrika. 1989 gründete Ilija Trojanow den Marino Verlag für Bücher aus und über Afrika, 1997 entstand mit dem ZDF das Internet-Projekt »Novel-in-Progress«. Nach einigen Jahren in Bombay und Südafrika lebt er derzeit in Wien.
2007 war er Stadtschreiber in Mainz und übernahm die Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen. 2009 hatte er das Comburg-Stipendium in Schwäbisch Hall, 2010 war er Kurator des Münchner Bücherfestes, 2014 hat er die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel inne.
Daneben arbeitet er als Journalist, als Übersetzer und Herausgeber, seit 2008 der Edition Weltlese in der Büchergilde Gutenberg Frankfurt am Main.

Auszeichnungen:
Bertelsmann Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1995
Marburger Literaturpreis 1996
Viktor-von-Scheffel-Preis 1997
Thomas-Valentin-Preis der Stadt Lippstadt 1997
Deutscher Buchpreis Leipzig 2006
Berliner Literaturpreis 2007
Preis der Literaturhäuser 2009
Würth-Preis für Europäische Literatur 2010
Carl-Amery-Literaturpreis 2011

Leseprobe

Der Diener

Der Mann dort, mitten auf der Straße. Ein Kunde? Sogleich ist er umlauert, ein hochgewachsener Mann, der etwas gebeugt da steht, der seinen Kopf senkt und wieder hebt, dessen Körper keinen Widerstand leistet gegen die vielen Hände, die an ihm zerren. Der Mann steht wie angewurzelt. Jetzt hebt er seinen Kopf. Einer der Schakale löst sich aus der Meute, andere folgen ihm. Sie lassen ab von diesem Mann, der sie überragt. Der Lahiya sieht, wie die anderen Schreiber mit ihren besserwisserischen Fingern auf ihn zeigen. Der hochgewachsene Mann kommt auf ihn zu, das Gesicht maskiert von widerspenstigem Stolz und einem faden, grauen Schnurrbart. Der Lahiya weiß, daß die anderen Schreiberlinge dieses Mal das Nachsehen haben, obwohl sie lässig ihren Dhoti nachbinden und sich gebärden, als hüte die Welt vor ihnen keine Geheimnisse. Dieser Mann hat gewiß einen Wunsch, den allein der alte Lahiya erfüllen kann.
— Briefe an Behörden des Britischen Reiches sind meine Spezialität.
— Es soll kein üblicher Brief ...
— Ebenso Briefe an die Ostindische Gesellschaft.
— Auch an Offiziere?
— Selbstverständlich.
— Es soll kein förmlicher Brief werden.
—Wir schreiben, was Sie wünschen. Aber gewisse Formen sollten gewahrt werden. Die Herrschaften bestehen auf Form. Der kleinste Fehler im Aufbau, das kleinste Versäumnis bei der Anrede, und der Brief ist keinen Anna wert.
— Es muß viel erklärt werden. Ich habe Aufgaben übernommen, wie sie kein anderer ...
—Wir werden so ausführlich sein, wie die Angelegenheit gebietet.
— Ich stand ihm viele Jahre zur Seite. Nicht nur hier in Baroda, ich bin mit ihm gezogen, als er versetzt wurde…
— Verstehe, verstehe.
— Ich habe ihm treu gedient.
— Zweifellos.
— Ohne mich wäre er verloren gewesen.
— Natürlich.
— Und wie hat er mich dafür entlohnt?
— Undankbarkeit ist des Edlen Lohn.
— Ich habe ihm das Leben gerettet.
— Dürfte ich erfahren, an wen sich das Schreiben richtet?
— An niemanden.
— An niemanden? Das wäre unüblich.
— An keine bestimmte Person.
— Verstehe, Sie wollen den Brief mehrfach verwenden?
— Nein. Oder doch, ja. Ich weiß nicht, wem ich den Brief geben soll. Alle Angrezi der Stadt haben ihn gekannt, das ist lange her, vielleicht zu lange, ich weiß nicht, einige sind bestimmt noch in Baroda. Heute morgen erst habe ich Leutnant Whistler gesehen. Er fuhr in einer Kutsche vorbei, eine dieser neuen Kutschen mit einem halben Dach aus Leder, ein schöner Wagen. Fast hätte er mich überfahren. Ich habe den Leutnant Whistler gleich erkannt. Er war einige Male bei uns. Ich bin dem Wagen hinterhergerannt, er mußte bald halten. Ich habe den Kutscher gefragt.
— Und?
— Nein, sagte er, dies ist der Wagen von Oberst Whistler. Ich habe mich nicht getäuscht. Mein Herr hat sich über seinen Namen lustig gemacht.
—Wir werden also an Oberst Whistler schreiben!
Um seine Bereitschaft zu demonstrieren, öffnet der Lahiya das Tintenfäßchen, nimmt die Feder in die Hand, tupft, kratzt zur Probe, beugt sich um einige Zeilen nach vorne und verharrt. Der von dem Ankömmling aufgewirbelte Staub hat sich gesetzt. Aus dem peinigenden Licht heraus, in das der Lahiya nicht mehr blinzeln will, beginnt die zaghafte Stimme zu erzählen. Aus Vermutungen werden Andeutungen, aus Andeutungen werden Schemen, aus Schemen werden Personen, aus Unbekannten werden Menschen mit Namen, Eigenschaften und Gesichtern. Der Lahiya hält die Feder fest zwischen den Fingern, doch er versteht weder Ausgang noch Grund der Lebensgeschichte, die dieser Mann vor ihm ausbreitet. Es ergibt keinen Sinn, diese konfusen Umrisse aufzuschreiben.
— Hören Sie. Das bringt so nichts. Einige Gedanken, einige Notizen, einige Skizzen zuerst, dann werde ich Vorschläge unterbreiten, wie wir den Brief gestalten können.
— Aber … ich muß wissen, was wird es kosten?
— Zahlen Sie zwei Rupien an, Naukaram-bhai. Wir werden später sehen, wieviel Aufwand es bedarf.

Aus: Der Weltensammler. Roman. C. Hanser Verlag, München 2006

Bücher

Ilija Trojanow
Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen.
S. Fischer Verlag,  Frankfurt a. Main 2016

Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß.
Mit Susanne Urban. Die Andere Bibliothek, Berlin 2015

Macht und Widerstand.
Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015

Der überflüssige Mensch. Unruhe bewahren.
Essay. Residenz Verlag, St. Pölten 2013

Wo Orpheus begraben liegt.
Mit Fotografien von Christian Muhrbeck. Carl Hanser Verlag, München 2013

Stadt der Bücher.
Mit Fotografien von Anja Bohnhof. LangenMüller, München 2012

Eistau.
Roman. C. Hanser, München 2011

Die Versuchungen der Fremde: Unterwegs in Arabien, Indien und Afrika.
Malik Verlag, München 2011

Fühlend sehe ich die Welt.
Die Aufzeichnungen des blinden Weltreisenden James Holman (mit Susann Urban). München 2010

Oberammergau.
Richard F. Burton zu Besuch bei den Passionsspielen (deutsch / englisch). Arche Verlag, Hamburg 2010

Angriff auf die Freiheit.
Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte (mit Juli Zeh). C. Hanser Verlag, München 2009

Nomade auf vier Kontinenten.
Auf den Spuren von Sir Richard Frances Burton. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2007

Der Sadhu an der Teufelswand.
Reportagen aus einem anderen Indien. Frederking & Thaler, München 2006

Gebrauchsanweisung Indien.
  Piper, München 2006

Indien. Land des kleinen Glücks.
Mit Farbfotos von Katrin Simon. Ars vivendi Verlag, Cadolzburg 2006

Der Weltensammler.
Roman. C. Hanser Verlag, München 2006

Zu den heiligen Quellen des Islam.
Als Pilger nach Mekka und Median. Malik Verlag, München 2004

An den inneren Ufern Indiens.
Eine Reise entlang des Ganges. C. Hanser Verlag, München / Wien2003

Döner in Walhalla.
Herausgeber. Kiepenheuer &Witsch, Köln 2000

Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land.
C. Hanser Verlag, München / Wien 1999

Autopol.
Ein Internetroman. dtv, München 1997

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall.
Roman. C. Hanser Verlag, München / Wien 1996

Hüter der Sonne. Begegnung mit Simbabwes Ältesten.
Mit Chenjerai Hove. Frederking & Thaler, München 1996

Naturwunder Ostafrika.
Frederking & Thaler, München 1994

In Afrika.
Reiseerzählung. Marino Verlag, Wuppertal 1993

Afrikanissimo
Herausgeber. Peter Hammer, Wuppertal 1991