Imre Kertész
Ehrengabe zum Adelbert-von-Chamisso-Preis 2001
Zahlreiche Auszeichnungen: 1995 Brandenburgischer Literaturpreis, 1997 Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, Joseph- Kossuth-Preis in Budapest, Jeanette-Schocken-Preis und Gundolf-Preis, 2000 Welt-Literaturpreis, 2002 Nobelpreis für Literatur und 2004 die »Corine«.
Leseprobe
Damals, in der kurzen und hoffnungsvollen Zeitspanne, als die Berliner Mauer fiel und West- und Osteuropa sich einander euphorisch zuneigten, wagte ich niederzuschreiben, daß der Holocaust in geistig-moralischem, also kulturellem Sinn ein Wert ist, weil er durch unermeßliches Leid zu unermeßlichem Wissen geführt hat und damit eine unermeßliche moralische Reserve in sich birgt. Das schrieb ich auch vor zwei Jahren noch in meinem Essay-Band: »Was sich durch die Endlösung und das ›Konzentrationsuniversum‹ äußerte, läßt sich nicht mißverstehen, und die einzige Möglichkeit, zu überleben und die Kreativität zu erhalten, ist, diesen Nullpunkt klar zu sehen. Warum sollte diese Klarsicht nicht produktiv sein? In der Tiefe großer Erkenntnisse, auch wenn sie sich auf unverwindbare Tragödien gründen, steckt immer ein Moment der Freiheit, das irgendwie als ein Mehr, als Bereicherung in unser Leben eingeht und uns die wahre Realität unserer Existenz und unsere Verantwortung für sie zu Bewußtsein bringt. Wenn ich also über die traumatische Wirkung von Auschwitz nachdenke, dann denke ich paradoxerweise eher´über die Zukunft als über die Vergangenheit nach.«
Verstehen Sie mich nicht falsch, nichts von alledem nehme ich zurück; höchstens würde ich das gleiche heute leiser sagen, eher flüsternd, im kleinen Kreis, zu ganz wenigen oder vielleicht nur zu mir selbst. Möglicherweise hat jener Kritiker in Ungarn recht, dem zufolge das Ganze nichts als eine Illusion von mir ist, weil ich sonst nichts hätte, um meine Existenz, vor allem mein Werk, zu rechtfertigen. Das sind boshafte Worte, doch mitunter verbirgt sich hinter Boshaftigkeit Scharfblick. In Ungarn sieht man den Holocaust nicht als Zivilisationstrauma – er ist im geschichtlichen und moralischen Bewußtsein des Landes überhaupt nicht vorhanden, wenn, dann nur als Negativum, das heißt als Antisemitismus –, und dafür gibt es gesellschaftliche und geschichtliche Gründe, auf die einzugehen hier unnötig ist. Jedenfalls schreibe ich meine Bücher in einer Gastsprache, von der sie naturgemäß abgewiesen oder allenfalls am Rande der Bewußtseinswelt geduldet werden. Ich sage deshalb naturgemäß, weil dieses Land im Verlauf der jahrhundertelangen Kämpfe um seinen Fortbestand ein eigenes Subjekt herausgebildet hat, das in Form eines stillschweigenden nationalen Konsenses auch der Literatur seinen Stempel aufdrückt. Dieses dominante Ich, das in jeder Art von öffentlichem, gesellschaftlich-politischem Diskurs das Recht der Objektivierung an sich reißt und sich für solche peripheren Erscheinungen wie die Träger der lebendigen Erfahrung des Holocaust ein für allemal nur das Paul-Celansche »Er« und »Es« und allenfalls noch das »Sie« vorbehält.
Das sind unangenehme Wahrheiten für einen Schriftsteller, der ja im übrigen die Sprache liebt, in der er schreibt. Doch das ist wohl nicht wirklich von Bedeutung: Je fremder ich in der Sprache bin, um so authentischer empfinde ich mich selbst und das von mir Gesagte. Ich schreibe gern auf ungarisch, denn so empfinde ich die Unmöglichkeit des Schreibens besser. Das ist übrigens ein Wort Kafkas, der, als er in einem Brief an Max Brod die Situation des jüdischen Schriftstellers analysiert, von drei Unmöglichkeiten spricht: »der Unmöglichkeit, nicht zu schreiben, der Unmöglichkeit, deutsch zu schreiben, der Unmöglichkeit, anders zu schreiben«. Und dann sagt er: »Fast könnte man eine vierte Unmöglichkeit hinzufügen, die Unmöglichkeit, zu schreiben.« Heute würde er vielleicht noch hinzusetzen: die Unmöglichkeit, über den Holocaust zu schreiben.
Aber diese Paradoxien der Unmöglichkeit sind leicht bis ins Unendliche fortzusetzen. Wir könnten die Unmöglichkeit nennen, nicht über den Holocaust zu schreiben, die Unmöglichkeit, über den Holocaust deutsch zu schreiben, und die Unmöglichkeit, anders über den Holocaust zu schreiben.Der Schriftsteller des Holocaust ist überall und in allen Sprachen ein Asylant, der immer in fremden Sprachen um geistiges Asyl bittet. Wenn es stimmt, daß es nur ein wirkliches philosophisches Problem gibt, das des Selbstmords, dann kann der Schriftsteller des Holocaust, der zum Weiterleben entschlossen ist, nur ein wirkliches Problem kennen, das der Emigration. Doch er sagt statt Emigration besser Exilierung. Exiliert aus der einzig wahren Heimat, die es nie gab. Wenn es sie nämlich gäbe, dann gäbe es die Unmöglichkeit, über den Holocaust zu schreiben, nicht, denn dann hätte der Holocaust eine Sprache und der Schriftsteller des Holocaust könnte sich in eine vorhandene Kultur einbetten.
Die aber gibt es nicht. Ich erwähnte vorhin bereits, im Zusammenhang mit meiner eigenen ungarischen Muttersprache, die affirmative Funktion des Rechts auf Objektivierung und des allgemeinen Subjekts der Nation, durch die sozusagen qua Bewußtseins-Stoffwechsel für sie unerwünschte Tatsachen, Erscheinungen, Probleme herausgefiltert und ausgeblendet werden. Dieses Recht der Objektivierung, oder nennen wir es einfach die Frage des Blickwinkels, ist in gewissem Sinn eine Machtentscheidung. Jede Sprache, jedes Volk, jede Zivilisation besitzt ein dominantes Ich, das die Welt registriert, beherrscht, und widerspiegelt. Dieses permanent tätige kollektive Ich ist das Subjekt, mit dem sich eine große Gemeinschaft – Nation, Volk, Kultur – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, im allgemeinen aber doch, identifizieren kann. Wo aber findet das Bewußtsein des Holocaust seine Heimat, welche Sprache kann von sich sagen, allgemeines Subjekt des Holocaust, dominantes Ich des Holocaust, Sprache des Holocaust zu sein? Und wenn wir diese Frage stellen, können wir dann unterlassen, auch die folgende zu stellen, die, ob eine eigene und ausschließliche Sprache des Holocaust überhaupt vorstellbar ist? Und wenn ja, müßte diese Sprache dann nicht so grauenhaft und so düster sein, daß sie schließlich die zerstören würde, die sie sprechen?
Aus: »Die exilierte Sprache«. Rede im Rahmen der Berliner Lektionen, abgedruckt in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. November 2000. Übersetzt von Kristin Schwamm
Bibliografie
Galeerentagebuch. Übersetzt von Kristin Schwamm. Berlin: Rowohlt Berlin, 1993 (Rowohlt Tb 1997, NA 1999/2002)
Eine Geschichte, zwei Geschichten. Mit Péter Esterházy. Übersetzt von Kristin Schwamm und Hans Skirecki. Salzburg/Wien: Residenz Verlag, 1994 (Berliner Taschenbuch Verlag, 2005)
Roman eines Schicksalslosen. Übersetzt von Christina Viragh. Berlin: Rowohlt Berlin, 1996 (Rowohlt Tb 1998/2002.)
Ich – ein anderer. Übersetzt von Ilma Rakusa. Berlin: Rowohlt Berlin, 1998 (Rowohlt Tb 1999/2002)
Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt. Essays. Übersetzt von György Buda. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Tb, 1999/2002
Fiasko. Roman. Übersetzt von György Buda und Agnes Relle. Berlin: Rowohlt Berlin, 1999 (Rowohlt Tb, 2001/2002)
Die englische Flagge. Erzählungen. Übersetzt von György Buda und Kristin Schwamm. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Tb, 1999/ 2002
Heureka! Rede zum Nobelpreis für Literatur 2002. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002
Der Spurensucher. Übers. von György Buda. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002
Schritt für Schritt. Drehbuch zum »Roman eines Schicksallosen«. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002
Die exilierte Sprache. Essays und Reden. Mit einem Vorwort von Péter Nádas. Übers. von Kristin Schwamm, Ilma Rakusa, Christina Viragh. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003 (Tb 2004)
Liquidation. Roman. Übers. von Laszlo Kornitzer und Ingrid Krüger. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003 (Rowohlt Tb, 2005)
Detektivgeschichte. Übersetzt von Angelika und Peter Máté. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004 (Tb 2006)
Dossier K. Eine Ermittlung. Übersetzt von Kristin Schwamm. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006
Opfer und Henker. Übersetzt von Ilma Rakusa, Agnes Relle und Kristin Schwamm. Berlin: Transit Verlag, 2007