Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Radek Knapp

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2001

1964 in Warschau, Polen, geboren, wuchs bei den Großeltern in Polen und seit 1976 bei seiner Mutter in Wien auf. Dort lernte er deutsch, besuchte die Handelsschule und studierte Philosophie. Neben dem Schreiben übte er verschiedene Tätigkeiten aus, bis ihm 1994 die idyllisch-grotesken polnischen Dorfgeschichten in Franio einen überraschenden Erfolg und den Aspekte Literaturpreis einbrachten. Zuvor hatte er schon ein Nachwuchsstipendium des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kultur sowie den Würdigungspreis der Stadt Wien erhalten.
Im Jahr 2000 war er Stadtschreiber in Schwaz. 2004 wurden »Die vertauschten Köpfe“ als Operelle im Wiener sirene Operntheater auf die Bühne gebracht, 2008 wurde der Roman »Herrn Kukas Empfehlungen« verfilmt. Seine Bücher werden ins Italienische, Polnische und Slowenische übersetzt.

Leseprobe

Das Vorstellungsgespräch

Nichts hob Walerians Laune so wie die Möglichkeit, jemanden zu spielen, der er nicht war. Obwohl diese harmlose Marotte zweifellos vorübergehend war, hatte sie ihre Gründe. Walerian ging auf die dreißig zu und verspürte ein wachsendes Schamgefühl, bis dahin keine außergewöhnlichen Taten in seinem Leben vollbracht zu haben, und was bedenklicher war, auch keine solchen zu planen.
Das letzte große Vorhaben seines Lebens lag schon über achtzehn Jahre zurück, wo er als Zehnjähriger eine Maschine erfinden wollte, die ihn unsichtbar machte. Stattdessen fand er lediglich heraus, wie man die Uhr seines Vaters auseinandernahm und sich dann drei Tage erfolgreich vor den Folgen dieser Tat im Haus versteckt.
Der andere Grund war der schmerzliche Verlust seines besten Freundes Bruno. Bruno, der auf die Welt mit dem Motto: »Sei bloß kein Arschloch« gekommen schien und sich damit Walerians Loyalität für alle Zeiten gesichert hatte, folgte von einem Tag auf den anderen dem Ruf des Geldes, und wurde verblüffend schnell von seinem eigenen Kommentar eingeholt. Walerian versuchte in einem ersten Anfall von Verzweiflung, seinen Freund nachzuahmen, aber er war mit einer Eigenschaft ausgestattet, die das verhinderte. So sehr er sich auch ins Zeug legte, er konnte im Gegensatz zu Bruno in einer Hunderterbanknote keinen Wagen mit Chauffeur oder eine Villa mit Garten sehen, sondern immer nur ein rechteckiges Stück Papier, auf dem ein Mann abgebildet war, der seinem ehemaligen Chemielehrer wie aus dem Gesicht geschnitten war.
In der Folge machte er alle möglichen Jobs, bei denen er nicht mehr dem Ruf des Geldes folgen mußte, aber dafür wenigstens von sich behaupten konnte, daß er abgesehen von den Totengräbern, die ein ziemlich hermetischer Verein sind, so gut wie alles gemacht hatte, was der heimische Arbeitsmarkt zu bieten hat. Er war Krankenpfleger des berüchtigten Pavillons Fünf, Wärter eines Paviangeheges und schneite sogar einmal in eine Vorlesung über Astronomie herein. Der Professor fragte gerade, ob jemand wußte, daß Gold entsteht, wenn eine Supernova explodiert. Er stellte das so dar, als würde eine Supernova nur deshalb explodieren, damit Frauen heute Goldketten oder Greise Goldzähne tragen können. Da taten sich neue Horizonte auf und Walerian ging sofort in die nächste Vorlesung. Aber da war keine Rede mehr von Supernovas, sondern nur noch Zahlen oder geometrische Figuren. Das beendete seine universitäre Laufbahn. Er wollte kein weiterer Student sein, der nachts in den Himmel schauen muß, um sich zu erinnern, wie ein Stern aussieht.

Aus: Papiertiger. Eine Geschichte in fünf Episoden. Piper, München 2003

Bücher

Radek Knapp
Der Gipfeldieb.
Roman. Piper Verlag, München 2015

Reise nach Kalino.
Roman. Piper, München 2012

Gebrauchsanweisung für Polen.
Piper, München 2006

Letzter Wunsch.
Roman. Deuticke/Zsolnay, Wien 2003

Papiertiger.
Eine Geschichte in fünf Episoden. Piper, München 2003

Literatur & Wein.
Mit Franzobel und Margit Hahn. POD Print, Frankfurt am Main 2001

Herrn Kukas Empfehlungen.
Roman. Piper, München/Zürich 1999

Franio.
Erzählungen. Mit einem Vorwort von Stanislaw Lem. Deuticke, Wien 1994