Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Harald Weinrich

Ehrengabe zum Adelbert-von-Chamisso-Preis 2002

geboren 1927 in Wismar, aufgewachsen in Münster.
Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Romanistik, Germanistik, Latinistik und Philosophie in Münster, Freiburg, Toulouse und Madrid. Promotion 1954 und Habilitation 1958 in Münster. Ordentlicher Professor für Romanistik in Kiel (1959 –1965) und Köln (1965 –1969), Mitbegründer der Universität Bielefeld und erster Direktor des dortigen Zentrums für interdisziplinäre Forschung (1972 –1974) neben dem Lehrstuhl für Linguistik (1969–1978). Danach bis 1992 Professor für Deutsch als Fremdsprache in München, anschließend bis zu seiner Emeritierung für Romanistik am Collège de France, Paris (1992–1998). Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin (1987/88), Gastprofessor an den Universitäten von Michigan (1963/64) und Princeton (1978), Galilei-Lehrstuhl an der »Scuola Normale Superiore « von Pisa (1992/93). Harald Weinrich erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter Ehrendoktorwürden der Universitäten Bielefeld, Heidelberg, Augsburg, Rom und Madrid. Auf eine Idee von Harald Weinrich geht die Einrichtung des Adelbert-von-Chamisso-Preises zurück. Sein langjähriges Engagement wurde 2002 mit der Ehrengabe zum Adelbert-von-Chamisso-Preis gewürdigt.

Leseprobe

Chamisso hat sich also als deutscher Autor fremder Herkunft, sagen wir als Chamisso-Autor, einer ständigen Anfechtung und Herausforderung durch seine Zweisprachigkeit ausgesetzt. In seine sprachliche Routine hat sich wohl immer ein gewisses »Fremdeln« eingemischt, von dem nun andererseits auch gewiss jener besondere Sprachreiz ausgeht, durch den sich seine Literatursprache ästhetisch auszeichnet. Ich brauche in diesem Zusammenhang nur daran zu erinnern, daß einige Literaturkritiker, zumal die »russischen Formalisten «, ein gewisses Maß an Verfremdung (ostranenie) zu den elementaren Bedingungen der »Poetizität« gerechnet haben. Das wiederum hat seinen einfachen Grund in den Gesetzen des Spracherwerbs. Im Gegensatz zur Erstsprache, die wir, wie man zu sagen pflegt, »mit der Muttermilch einsaugen«, ist jede weitere Sprache, die wir als Fremdsprache erlernen, dem Sprachbewußtsein tributpflichtig, was zu komplizierteren Bewußtseinslagen und dadurch zu einer nicht selten heilsamen Verlangsamung des Schaffensprozesses führt. Heilsam nenne ich diese Verlangsamung deshalb, weil die Literatursprache auf diese Weise die größere Chance erhält, beim literarischen Schaffensprozeß mitzudenken und nicht in der Routine des alltäglichen Sprachgebrauchs aufzugehen. Daher stehen die Chamisso-Autoren vielleicht, wenn sie bisweilen auch nach vielen Jahren in deutschsprachiger Umgebung noch fremdeln, dem Geist der Literatur um ein gewisses Maß näher als manche einheimische Autoren, die ihre Verfremdungen willentlich erzeugen müssen. Ein in mancherlei Hinsicht vergleichbares Bild ergibt sich, wenn inhaltlichthematische Gesichtspunkte in die Überlegungen einbezogen werden (was die herrschende Literaturtheorie leider nur selten tut). Einzuräumen ist zunächst, daß Chamisso-Autoren gegenüber den einheimischen Schriftstellern mit dem uneinholbaren Rückstand leben müssen, daß sie ihre Kindheit und Jugend in einer anderssprachigen Umwelt verbracht haben. Es fehlt ihnen daher in der deutschen Sprache eine bestimmte Erfahrungstiefe, die man früher mit dem Wort »Gemüt« einzufangen versucht hat. Dem steht aber auf der Seite der Chamisso-Autoren als deren spezifische Mitgift eine vertiefte Erfahrung erlebter Andersheit und Fremdheit gegenüber, die ihnen nicht selten schmerzhaft eingebrannt ist. So können uns manche Chamisso-Autoren, wenn sie diese Erfahrungen in die Literatur einbringen, weiter aus unseren routinierten Gewohnheiten herausreißen, als wir es von einheimischen Autoren in der Regel erwarten können. Die Summe dieser literarisch vermittelten Andersheiten und Fremdheiten läßt sich vielleicht mit dem Wort »Welt« bezeichnen, sofern unter diesem Begriff nicht einfach extensional der Erdball, sondern intensional eine gewisse hilfreiche Dehnung unserer anthropologischen Verfaßtheit zu verstehen ist.

Aus dem Vortrag »Chamisso, die Chamisso-Autoren und die Globalisierung«. Herausgegeben von der Robert Bosch Stiftung. Stuttgart 2002

Bücher

Harald Weinrich
Über das Haben.
33 Ansichten. C.H. Beck Verlag, München 2012

Vom Leben und Lesen der Tiere.
Ein Bestiarium. C.H. Beck Verlag, München 2008

Wie zivilisiert ist der Teufel?
Kurze Besuche bei Gut und Böse. C.H. Beck Verlag, München 2007

Knappe Zeit.

Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens. C.H. Beck Verlag, München 2004

Sprache, das heißt Sprachen.
(mit einem vollständigen Schriftenverzeichnis des Autors), Narr, Tübingen 2001

Lethe.
Kunst und Kritik des Vergessens. C.H. Beck Verlag, München 1997

Textgrammatik der deutschen Sprache.
Bibliographisches Institut, Mannheim 1993

Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit.
Westdeutscher Verlag, Opladen 1990

Wege der Sprachkultur.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985

Sprache in Texten.
Textgrammatik der französischen Sprache. Klett, Stuttgart 1976

Literatur für Leser.
Essays und Aufsätze zur Literaturwissenschaft. Kohlhammer, Stuttgart 1971

Linguistik der Lüge.
Schneider Verlag, Heidelberg 1966

Tempus. Besprochene und erzählte Welt.
Kohlhammer, Stuttgart 1964

Phonologische Studien zur romanischen Sprachgeschichte.

Aschendorff Verlag, Münster 1958

Das Ingenium Don Quijotes.

Aschendorff Verlag, Münster 1956