Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung

Francesco Micieli

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2002

1956 in Santa Sofia d’Epiro, Italien, geboren. Seit 1965 in der Schweiz, Besuch der Schule in Lützelflüh und des Gymnasiums in Burgdorf. Von 1976–1979 Schauspieler und Autor am Protheater Solothurn, 1979–1989 Schauspieler, Autor und Regisseur am Theater am Scharffenegge Burgdorf. Seither Inszenierungen und Dramaturgie für verschiedene Bühnen und Schultheater.
Seine Musiktheaterstücke werden international aufgeführt: »Winterreise« (1994) in Luzern und Wiesbaden, »Die Trilogie der Sommerfrische« (2000) in Hannover und Trier, das musikalisch-literarische Programm zu Schumann »So nimm denn hin diese Lieder…« (2003) in Bern und das Szenische Madrigal »Lamenti« (2004) in Prag und Bern. Auszüge aus seinen Bühnenstücken wurden in Literaturzeitschriften in englisch, französisch, schwedisch, slowenisch und türkisch publiziert. Nach seinem Studium der Romanistik und Germanistik an den Universitäten Bern, Cosenza und Florenz war Francesco Micieli mehrere Jahre Assistent an der Universität Bern. Heute lebt er dort als freier Autor und Dozent an der Schule für Gestaltung Bern/Biel. Francesco Micieli hatte im Januar 2011 die 10. Dresdner Chamisso-Poetikdozentur inne. Seine fünf Vorlesungen kreisten um die Frage des Einflusses vieler Sprachen auf seine Schreibsprache, um die Regeln der Gastfreundschaft oder das Schreiben für das Musiktheater.

Auszeichnungen:
Förderpreis des Kantons Bern 1987
Buchpreis der Stadt Bern 1989
Werkpreis des Kantons Solothurn 1990
Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung 1996
Werkpreis der UBS Kulturstiftung 2003
»Weiterschreiben«-Literaturpreis der Stadt Bern 2009

Leseprobe

Lamenti


1.
Lies mal
Ich schreib über Dich
In einer fremden Sprache
Hatten wir eine Sprache?
War dieses Idiom mit den Wörtern
Für kochen schlafen essen sterben
Eine Möglichkeit sich zu verständigen?
Italoalbanisch
Ein fünfhundertjähriger Sprachverlust.
Die aber und das Herz kann ich benennen
Mëma
Zëmra

2.
Wo sind Deine Schultern
Fragt der Held
Wo Deine Brüste
Fragt der Held
Deine Arme die starken.
Wer trägt mich
Fragt der Held
Nur noch dieser eine Bauch
Riesig, beängstigend
Deine letzte Schwangerschaft,
Die des Todes

3.
Lache nur
Es ist wirklich besser
Sich nicht zu verstehen.
Weisst Du noch wie wir versuchten
Über Gefühle zu sprechen
Und wie Deine Grossmuttersprache
Und meine Muttersprache
Den Turm zu Babel bauten?
Nur Brot sagen zu können, reicht eben nicht.
Buk
Buk
Buk

4.
Ich denke Dich jung
Meinen Bruder im Bauch
Auf diesem Stück Land
Das beim Wehen der Borea
Einen Streifen des Meeres
Hervorzauberte damals
Während Du
Nur Himmel sehend
Die Flugzeuge zählst

5.
Den Gedanken
Dich am Morgen zu finden
Und Du wärst schon eingeschlafen
Für immer
Ich würde Dich küssen
Und Dir ein albanisches Lied singen.
Keine Spritzen, keine Tabletten
Kein Zittern beim Trinken
Du – eingeschlafen wie ein Kind

6.
Nun weiss ich
Sich freuen an kleinen Sachen ist
Wenn draussen Frühling und Lämmer
Purzeln
Während drinnen Du
In den Tod atmest

Aus: "Zweiundzwanzig Lamenti". Für Caterina Baffa Scirocco

Bücher

Francesco Micieli
Hundert Tage mit meiner Grossmutter.
Erzählung. Zytglogge Verlag, Basel 2016

Der Agent der kleinen Dinge.
Zytglogge Verlag, Bern 2014

Schwazzenbach. Schlaflos in Lützelflüh.
Erzählung. Zytglogge Verlag, Oberhofen 2012

Liebe im Klimawandel.
Ein Protokoll. Zytglogge Verlag, Oberhofen 2010

Blues. Himmel.
Ein Album. Zytglogge Verlag, Bern 2000

Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat. Das Lachen der Schafe. Meine italienische Reise.
Trilogie einer Emigration. Zytglogge Verlag, Bern 1998

Meine italienische Reise.
Prosaaufzeichnungen. Zytglogge Verlag, Bern 1996

Sieben Gedichte für Max.
Salchli, Bern 1989

Das Lachen der Schafe.
Salchli, Bern 1989

Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat.
Salchli, Bern 1986